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Bike-Sharing-Apps : Die Schattenseiten des Fahrradbooms in China

  • -Aktualisiert am

Kein Schrott: Ein Mechaniker der Verleihfirma Ofo mit kaputten Fahrrädern, die repariert werden müssen. Bild: Getty

Die Chinesen steigen wieder aufs Rad – seit es ganz einfach per App ausgeliehen werden kann. Doch nicht nur im Straßenverkehr führt das zu Chaos.

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          Die 23-Millionen-Stadt Peking hatte ihre breiten Fahrradwege aus alten Zeiten längst den Autos überlassen. Auf dem Fahrrad wollte sich niemand mehr zeigen, wenn er doch mit einem Auto angeben konnte. Aber auch an diesem Trend im Individualverkehr zieht die Zeit schon wieder vorbei.

          Denn auf einmal sind die Fahrräder auf den Straßen der chinesischen Hauptstadt wieder da. Bike-Sharing-Apps und der Mangel an Autoparkplätzen haben einen wahren Boom auf zwei Rädern hervorgerufen. Für die App-verliebten jungen Chinesen ist es ganz einfach: Man lädt eine Anwendung herunter, zahlt digital ein Pfandgeld und entsperrt mit dem Telefon das Fahrrad, für die symbolische Nutzungsgebühr von einem Yuan (13Cent) oder auch ganz kostenlos. Die Fahrräder der drei großen Anbieter Ofo, Mobike oder Bluegogo – in Quietschgelb, Blau und Orange – finden sich fast an jeder Straßenecke. Und überall sieht man Passanten, die sich über die Fahrräder beugen, das Handy in der Hand.

          Die meisten nutzen die Fahrräder für die Strecke von der U-Bahnstation zu ihrer Arbeitsstelle, aber auch für kleine Erledigungen tagsüber. Viele der neuen Radler strampeln mit angewinkelten Knien, weil die Miet-Fahrräder recht klein sind. Überhaupt sind die Fahrräder für längere Strecken nicht geeignet. Die harten Reifen aus solidem Gummi, mit denen Platten vermieden werden sollen, machen die Fahrt nicht gerade bequem.

          Die Bewohner leiden unter einer katastrophalen Luftverschmutzung

          Trotzdem klingt das natürlich nach einer guten, grünen Idee. Und dafür wäre es höchste Zeit. In Peking und anderen chinesischen Großstädten bewegen sich die Autokolonnen meist nur noch im Dauerstau fort. Die Bewohner leiden unter einer katastrophalen Luftverschmutzung. Doch der Bike-Boom zeigt auch schon seine Schattenseiten. Mittlerweile ist Peking übersät mit den bunten Fahrrädern, die an allen möglichen und unmöglichen Orten einfach abgestellt werden. Sie parken kreuz und quer auf den Bürgersteigen. Kaputte Leihfahrräder liegen am Straßenrand, blockieren Durchfahrten und Eingänge. Das stört das Stadtbild – und den Verkehr. Die neuen Fahrradfahrer wissen oft nicht, wie sie sich im Straßenverkehr verhalten sollen. Sie fahren gegen die Fahrtrichtung, diagonal über die Kreuzungen, ohne Rücksicht auf Fußgänger.

          Die vielen Fahrräder ärgern auch die Wanderarbeiter, die auf Elektrorollern aus den Vororten zur Arbeit in der Stadt fahren. Sie brauche eine halbe Stunde länger zur Arbeit, klagt eine von ihnen, die Fahrräder seien zu langsam und blockierten die seitlichen Fahrbahnen.

          Nach anfänglicher Begeisterung erhebt sich in den sozialen Medien nun auch Kritik an dem Geschäftskonzept. So bemängelt man den Zustand der Räder – viele sind kaputt oder funktionieren nicht richtig und müssen schnell verschrottet werden. Manche Nutzer zerstören die Identifizierungs-Codes und machen damit die Fahrräder zu ihrem privaten Besitz. Generell werden die Fahrräder von ihren ständig wechselnden Nutzern offensichtlich nicht gerade pfleglich behandelt. In chinesischen Medien wird auch berichtet, dass die vielen neuen Fahrräder teilweise unter Missachtung von Umweltauflagen produziert würden und ihre Entsorgung neue Umweltprobleme aufwerfe.

          Geschäftsmodell wirft Fragen auf

          Auch das Geschäftsmodell wirft Fragen auf. Da mit der kostenlosen oder sehr billigen Nutzung kaum Geld verdient werden könne, heißt es, verdienten die Betreiber hauptsächlich an dem Pfandgeld, das sie gewinnbringend investierten. Gefragt wird zudem, ob das wahre Interesse hinter dem „bike-sharing“ nicht die digitalen Daten sind, die jeder Nutzer mit seiner Fahrrad-App den Internet-Konzernen zur Verfügung stellt. Per Big-Data-Auswertung können die Nutzungsgewohnheiten analysiert werden. Es könnten Rückschlüsse auf Bewegungsprofile und Sozialverhalten gezogen werden. Die privaten Daten könnten verkauft werden. In China gibt es kaum Datenschutzbestimmungen. Das öffnet dem kommerziellen Missbrauch und der Überwachung durch den Staat Tür und Tor.

          Und ist es legal, dass Fahrräder privater Unternehmen den öffentlichen Raum blockieren? Tatsächlich sei das eine Invasion des öffentlichen Raumes, schreibt ein Nutzer im Internet. Die Betreiber reagieren auf solche Kritik damit, dass sie nun öfter Fahrradsammler ausschicken. So sind jetzt im dichten Verkehr der Hauptstadt Lieferwagen unterwegs, auf denen Berge von Fahrrädern transportiert werden.

          Wild geparkte Fahrräder stören das Stadtbild

          Auch die Stadtverwaltung ist nicht glücklich über die neue Fahrradschwemme. Die wild geparkten Fahrräder stören das Stadtbild. Gerade hat Peking einen ehrgeizigen Stadtentwicklungsplan verabschiedet, der vor allem vorsieht, dass alles ordentlich, übersichtlich und kontrollierbar sein soll, nicht zuletzt wegen der „öffentlichen Sicherheit“, in deren Namen die Bürger in China mehr und mehr überwacht werden. Chaotisch abgestellte Fahrräder sind da ein Störfaktor.

          Die Stadt Peking erwägt deshalb, für das Parken von Mieträdern „digitale Zäune“ einzurichten. Die Räder könnten dann nur innerhalb dieser „eingezäunten Gebiete“ geparkt werden. Sind sie anderswo abgestellt, so gelten sie als nicht zurückgegeben. Radler klagen, dass gerade diese Vorschrift den Reiz der Nutzung zunichte machen würde. Dass man die Fahrräder überall abholen und überall parken könne, sei doch gerade das Interessante an dem Konzept. Doch die Klagen scheinen vergebens zu sein. In zwei Stadtbezirken soll das neue „Zaun“-Konzept vom Sommer an getestet werden.

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