https://www.faz.net/-gum-7ri32

Verdeckte Recherche : Wallraff in Windeln

  • -Aktualisiert am

Auch bekannt als russischer Rentner: Günter Wallraff Bild: dpa

Nachdem Enthüllungsjournalist Günter Wallraff einem Berliner Pflegedienst üble Machenschaften nachgewiesen hatte, kündigte der Sozialsenator die Zusammenarbeit auf. Dagegen klagte die Firma. Und scheiterte nun.

          Das Berliner Sozialgericht hat die Klage eines Schöneberger Pflegedienstes auf Eilrechtsschutz abgewiesen und ihn auf den Ausgang der anhängigen Klage verwiesen. Das Pflegeunternehmen klagt gegen seine fristlose Kündigung durch die Verwaltung des Sozialsenators. Die Firma sieht sich als „Opfer einer tendenziösen Berichterstattung“, wie es in der Urteilsbegründung heißt. Doch sind in diesem Fall die Vorwürfe besser als üblich dokumentiert, denn der angebliche russische Rentner Waldemar B., dem geholfen werden sollte, war der Journalist Günter Wallraff, der für seine Sendung „Team Wallraff – Reporter Undercover“ recherchierte.

          Der angebliche Waldemar hatte seine angebliche Tochter bei sich, als der Pflegedienst zu ihm kam. Dessen Geschäftsführerin brachte ihm bei, die Folgen eines Schlaganfalls zu simulieren. Der „Tochter“ bot sie ein Viertel der vom Amt zu erstattenden Pflegekosten für den Rentner an. Am Ende bezifferte die Firma den notwendigen Aufwand für den angeblich unter „Aphasie, Demenz und Schlaganfall sowie einer Thrombopenie“ (einem Mangel an Blutplättchen) leidenden Wallraff auf 1600 Euro im Monat, entsprechende ärztliche Gutachten legte sie vor.

          Vor dem Besuch des Sozialamts erschienen zwei Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes bei Wallraff und zeigten ihm, wie man zitternd und schlurfend einen Kranken spielt. Eine Urinflasche wurde im Bad deponiert, in dem schon ein elektrischer Badewannenlift installiert worden war, Wallraff zog Windeln an und nutzte einen Rollator. Das Sozialamt erhielt eine „Pflegedokumentation“, nach der Waldemar B. schon zehn Tage lang zwei Mal täglich intensiv gepflegt worden war.

          Wallraff enttarnte sich beim Sozialamt, dessen Mitarbeiterin in seiner Sendung erklärte: „Es wäre Geld geflossen.“ Die amtlichen Vertragspartner des Pflegedienstes wurden informiert. Der Sozialsenator kündigte den Vertrag mit der Firma wegen grober Vertragverstöße. Außer dem Wallraff-Fall werden der Firma drei weitere Fälle vorgeworfen, in denen angeblich Pflegebedürftige einen Teil der erstatteten, jedoch tatsächlich nicht geleisteten Pflegekosten erhielten. Das Sozialgericht urteilte, die Firma sei unzuverlässig, sie habe die in der Sendung erhobenen Vorwürfe „nicht entkräften können“. (Aktenzeichen S 212 SO 1647/14ER)

          Weitere Themen

          Haftbefehl wegen Mordes erlassen

          Tödliche Schüsse in Berlin : Haftbefehl wegen Mordes erlassen

          Am Freitagmittag wird ein Mann in einem Park in Berlin-Moabit erschossen. Nachdem Taucher die Tatwaffe und das Fahrrad des Verdächtigen sicherstellen konnten, erging am Samstagabend ein Haftbefehl gegen den Verdächtigen.

          Topmeldungen

          Brände im Regenwald : Das ökologische Endspiel am Amazonas

          Der Amazonas-Regenwald produziert gut ein Fünftel des Sauerstoffs, den wir atmen. Die andauernden Waldbrände und der Raubbau an ihm sind nicht nur eine ökologische Katastrophe – sondern auch eine humanitäre.
          Noch baumelt der Golf an den Greifarmen im Zwickauer VW-Werk. Bald soll ihn das Elektromodell ID ablösen.

          VW-Werk : Zwickau wird elektrisch

          VW produziert im sächsischen Zwickau bald nur noch Elektroautos. Das Werk wird damit zum Modell für die ganze Branche. Was bedeutet das für die Arbeiter? Ein Besuch im Versuchslabor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.