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Depressionen : Kinder in Deutschland bekommen häufig veraltete Antidepressiva

  • -Aktualisiert am

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen: Bereits mit neun Jahren können bei betroffenen Kindern suizidale Ideen beginnen. Bild: dpa

Immer mehr Kinder in Deutschland erhalten Antidepressiva. Bei einem Viertel davon handelt es sich um sogenannte Trizyklika; alte Medikamente mit vielen Nebenwirkungen.

          Vor zwölf Jahren schreckte eine Meldung der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA Kinderärzte und Kinderpsychiater in der ganzen Welt auf: Die Behörde ließ eine „Black-Box-Warnung“ in die Beipackzettel von Antidepressiva aufnehmen, eine schwarz umrahmte Mitteilung, in der zu lesen war, die Mittel gegen Schwermut könnten bei Kindern und Jugendlichen Suizidabsichten fördern – das hatten Studien ergeben.

          Ärzte sollten zwar nicht grundsätzlich auf die Verschreibung der Pillen verzichten, sich des Risikos aber bewusst sein. Nach dieser Warnung im Jahr 2004 ging der Einsatz der Mittel bei Minderjährigen sofort zurück. Viele Mediziner sahen diese Entwicklung kritisch, schließlich erhielten auch schwer Erkrankte daraufhin oft nicht mehr die angemessene Versorgung mit Medikamenten.

          Anstieg der Verschreibungen für Kinder und Jugendliche

          Eine internationale Forschergruppe wollte nun wissen, wie sich der Umgang mit Antidepressiva im Kindes- und Jugendalter im Jahrzehnt nach der „Black-Box-Warnung“ entwickelt hat. Wirkt der Schock heute noch nach? Nein, lautet die Antwort, die das Team um den deutschen Kinder- und Jugendpsychiater Christian Bachmann vom King’s College in London ermitteln konnte.

          Die Studienautoren berechneten für Großbritannien, Dänemark, Deutschland, die Niederlande und die Vereinigten Staaten, wie sich die Verschreibung von Antidepressiva für Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 19 Jahren zwischen 2005 und 2012 entwickelt hat. In Dänemark stieg die Zahl der Kinder und Jugendlichen, denen Antidepressiva verschrieben wurden, in dem Zeitraum um 60 Prozent, in Großbritannien um 54 Prozent, in Deutschland noch um knapp 50 Prozent; in den Niederlanden und Amerika war der Anstieg mit 18 und 26 Prozent moderater.

          Die Zahlen stammen aus Apotheken-Datenbanken, wie es sie etwa in Dänemark und den Niederlanden gibt, oder von Krankenkassen. In Deutschland stellte die Barmer GEK Daten ihrer Versicherten zur Verfügung. In einigen Ländern rief die Publikation, die im März in der Zeitschrift „European Neuropsychopharmacology“ erschien, Unruhe hervor; in Großbritannien etwa sendete die BBC kurz nach dem Erscheinen einen kritischen Fernsehbericht, in dem Mediziner argwöhnten, die Mittel würden in vielen Fällen verschrieben, weil die Wartezeiten auf Psychotherapieplätze so lang seien. Zudem sehen die Briten mit Sorge, dass viele der Mittel „off-label“, also ohne Zulassung für minderjährige Patienten, verabreicht werden.

          Anstieg sei kein Anlass zur Beunruhigung

          Auch in Deutschland zeigt sich ein Anstieg der Verschreibungen. Für den Autor der Studie Christian Bachmann ist das aber kein Anlass zur Beunruhigung. Schließlich zeigten die neuen Daten, dass nur 0,5 Prozent der Kinder bis 19 Jahren in Deutschland Antidepressiva erhalten. „Wenn man sich überlegt, dass etwa drei bis sechs Prozent in der Altersgruppe an einer Depression erkranken, dann ist noch Raum nach oben“, sagt Bachmann. „Die Zahlen sehen eher nach Unterversorgung aus.“ Zum Vergleich: In Dänemark und England erhalten ein Prozent, in den Vereinigten Staaten 1,6 Prozent der Altersgruppe die Mittel.

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