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Veggie-Medien : Wenn Fakten wurst sind

  • -Aktualisiert am

Star unter den Veganern: Kochbuchautor Attila Hildmann stellt in „Vegan for starters“ falsche Zusammenhänge her. Bild: Picture-Alliance

Für eine bessere Welt erfinden Veggie-Blogs und -Magazine Statistiken und verdrehen Tatsachen. Das schadet einer eigentlich guten Sache. Eine Polemik.

          5 Min.

          Guten Morgen. Sie lesen diesen Text gerade zu einer Scheibe Wurstbrot? Pfui, ein schlechter Mensch sind Sie, bald werden Sie daran sterben, Afrika werden Sie kaputtgemacht haben und den Regenwald obendrein. Glauben Sie nicht? Dann sollten Sie die „vegan world“ lesen. Oder die Website „Erkenne den Zusammenhang“. Oder ein Kochbuch vom Godfather of Veganism, Attila Hildmann. Sie sollten irgendeines der Veggie-Magazine und -Blogs lesen, die wie cholesterinfreies Unkraut aus deutschen Druckerpressen und Wordpress-Vorlagen sprießen. Da steht es drin, was Sie alles zerstören.

          Immerhin, Punkt an Sie: Etliche Statistiken sind falsch, nicht existent oder unvollständig. Denn die strengen Regeln des Journalismus und der Wissenschaft scheinen für einige vegane wie vegetarische Medien nicht zu gelten. Während ein Teil der Veggie-Medien in Rechtfertigungseifer jedes Zitat mit wissenschaftlichen Publikationen stützt (die jedoch meist eher pseudowissenschaftlich sind), verzichtet der andere gänzlich darauf. Meist, weil sich diese Aussagen nicht nachprüfen lassen. Statistiken dieser Blogs und Magazine müssen passen – wenn nicht, werden sie passend gemacht. Denn Zahlen obliegt der Zauber des Absoluten, sie sind unantastbare Wahrheiten. Bessere Zahlen sind die besseren Argumente, Diskussion abgeschlossen.

          Statistiken lassen einiges außen vor

          Beispiel Attila Hildmann. Seine Bücher, Lebensmittel und Küchengeräte verkaufen sich wie geschnitten Seitan, 140.000 Menschen folgen ihm auf Facebook, 47.000 auf Instagram.

          In seinem Kochbuch „Vegan for Starters“ könnte der Leser dank einer unkommentierten Grafik als Beleg für die lebensverlängernde Wirkung des Veganertums glauben, dass es in Deutschland 2011 genau zwei Todesursachen gab: 32.988 Menschen starben durch Fremdeinwirkung (Unfälle, Vergiftungen, Mord), 432.074 an ernährungsbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Offensichtlich, weil sie keine Veganer waren. Dass nur diese beiden Werte aufgeführt werden, impliziert einige Ulkigkeiten: Erstens, wenn Veganer ihrer Ernährung wegen nicht an Todesursache Nummer zwei sterben – sterben dann alle durch Fremdeinwirkung? Zweitens, warum haben wir Schockbilder auf Zigarettenpackungen, wenn es ausschließlich das Essen ist, das uns tötet? Drittens, wo sind die anderen Todesursachen hin? Und viertens, wie viel Soja-Latte braucht es, um dieser Statistik glauben zu können? Immerhin eine Quelle ist angegeben, wenn auch unpräzise – und bei den Sterbedaten nicht die richtige.

          Rechnungen gehen nicht auf

          Die optisch schmackhafte „vegan world“ verzichtet darauf lieber gänzlich und verkündet: „Jede*r Veganer*in rettet bis zu 95 Tiere im Jahr im Vergleich zu einem Mischköstler*in.“ Eine schöne Vorstellung. Durch Nicht-Verzehr werden Tiere nicht nicht-geschlachtet – sie werden errettet. Und: Die einzige halbwegs verlässliche Schätzung über den Fleischverzehr in Deutschland findet sich im Fleischatlas der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung. Ihr zufolge isst ein Mensch im Laufe seines Lebens im Schnitt 1094 Tiere. Entweder also setzt die Zahl der „vegan world“ Menschen voraus, die nach 11,5 Jahren, in denen sie je 95 Tiere essen, an Fleischkonsum sterben – oder sie redet nicht belegten Nonsens und macht sich unangreifbar durch die Formulierung „bis zu“. Weil irgendwann irgendwo auf der Welt mal ein Mensch 95 Tiere im Jahr gegessen hat.

          Die Vegan-Homepage „7-gute-gruende.de“ (Betreiberin: Bloggerin Maria Rabia Rossmanith, die auch veganes Tierfutter verkauft) vermag das noch zu toppen. Ohne Quellenangabe behauptet sie, für jeden Hamburger würden vier bis fünf Quadratmeter Regenwald in Acker- und Weideland verwandelt. Allein McDonald’s verkauft nach eigenen Angaben jährlich 2,4 Milliarden Burger, Burger King 1,7 Milliarden Whopper. Damit wäre der Regenwald schon jetzt eine einzige Fastfood-Farm.

          Falsche Zusammenhänge werden hergestellt

          Die fleischlose Krone der Ballaballa-Argumentation darf jedoch der Seite „erkenne-den-zusammenhang.de“ der Tierschutzorganisation Peta aufgesetzt werden, auf der nur wenige der dargestellten Zusammenhänge einen Zusammenhang darstellen. Auch sie macht Fleischkonsum für den massiven Anstieg von Herzerkrankungen verantwortlich. Rotes Fleisch erhöhe das Herzinfarktrisiko einer Studie zufolge um sechzig Prozent. Was Peta nicht sagt: Diese Studie ist umstritten, der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang nicht gewiss – und ein leicht erhöhtes Risiko gilt nur für Menschen mit einem sehr hohen täglichen Konsum roten Fleisches, was wahrscheinlich jedoch nicht am Fleisch, sondern an den Fleischzusatzstoffen liegt.

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