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Veggie-Medien : Wenn Fakten wurst sind

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Noch ungeheurer die Thesen bezüglich Krebs. Auf der Seite ist graphisch zu sehen, dass sowohl der Fleischverzehr pro Person als auch die Zahl der Krebstoten bis 2030 in einem ähnlichen Verhältnis ansteigen. Dies ist insofern befremdlich, als der Fleischkonsum in Deutschland laut Datendienstleister Statista seit 2011 leicht zurückgeht – und also Fleischkonsum keinen direkten Einfluss auf die Zahl der Krebstoten ausübt. Anstelle des steigenden Fleischkonsums hätte genauso gut der steigende Umsatz energieeffizienter Kühlgeräte angegeben werden können; auch in diesem Fall wären zwei parallel steigende Kurven zu sehen gewesen. Stromsparen tötet? Oder ein anderes Beispiel: Die Zahl der Wähler bei einer Bundestagswahl geht in dem Maße zurück, wie Krebs zunimmt. Törichte könnten auch hier einen Zusammenhang sehen, der statistisch schön, aber inhaltlich Nonsens ist: Nichtwählen tötet.

Lügen für den guten Zweck

Der Gefasel-Gipfel ist jedoch beim Thema Welthunger erreicht. Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind infolge hungerbedingter Krankheiten, ist auf der Seite zu lesen. Ein Hintergrundprogramm zählt, wie viele süße Babys gestorben sind, seitdem die Seite besucht wurde. Es werden schnell viele. Und ihre Tode hätten verhindert werden können, wenn wir weniger Fleisch äßen, dann nämlich wäre endlich genug für alle da. Die Tatsachen ignorierend, dass es Weltmarkt und Machtinteressen gibt, dass kein Bauer gern Getreide verschenkt und zusätzlich Verpackung und Transport nach Afrika bezahlt, wo er denn auch die faire Verteilung selbst organisieren müsste. Schon jetzt ist genug Wasser und Nahrung für alle da – trotzdem gibt es in vielen Regionen der Welt viel zu wenig davon.

Auf seinem Kreuzzug gegen alles Fleischliche bedient sich manch veganer Aktivist mitunter auch rabiater Methoden.

Jede Zeitung würde für solch bewusste Falschdarstellungen gerügt, gehasst, beleidigt; jede andere Interessengruppe/Lobby als manipulatives, geldgeiles Lügenkartell geschmäht. Vegane Medien hingegen lügen offensichtlich für einen zu guten Zweck, obwohl auch hier ein Millionenmarkt die Hochglanzmagazine zum Schönreden verlockt. Oder ist allen Veggie-Magazin-Lesern die Matcha-Latte zu Kopf gestiegen, so dass sie Zahlen unbedacht schlucken wie Chia-Samen, mit denen man sich laut Attila Hildmann übrigens „wissenschaftlich nachweislich“ verjüngen kann? Anders ausgedrückt: Wo bleibt der Shitstorm?

Es gibt gute Gründe vegan zu leben

Schon jetzt haben Veganer mit mehr Vorurteilen zu kämpfen, als es Fleischersatzprodukte gibt. Prediger seien sie, die Bekehrer der Neuzeit, nicht ernst zu nehmen. Wenn sie weiter die Welt mit Lügen und Bauchwissen füttern, dann wird das auch so bleiben. Dann ist „vegan“ weiter ein sexy Lifestyle für Magazinleserinnen in der Midlifecrisis und Kulturwissenschaftsstudenten in Leipzig, Hamburg und Berlin, aber nichts wirklich Überzeugendes. Warum auf jemanden hören, der wissentlich lügt?

Dabei gibt es so gute Gründe, vegan zu sein: Für Tierprodukte leiden und sterben Lebewesen. Tierhaltung verursacht Unmengen an CO2 und verbraucht ebenso Unmengen an Getreide und Wasser. Die Fäkalien der Massentierhaltung schädigen Böden, die Antibiotika, die die Tiere bekommen, könnten Resistenzen fördern. Das sind viele Gründe. Gute Gründe. Gewichtig genug, um deswegen die Ernährung umzustellen. Da braucht es keine Propaganda über den Regenwald und Afrika, Krebs und Herzinfarkt.

Was es jedoch braucht, ist Kontrolle. Rund fünfzig Veggie-Magazine gibt es derzeit, hinzu kommen Hunderte Apps. Wer aber soll das alles lesen, wer soll es wissenschaftlich prüfen und wer dafür bezahlen? Wohl keine offizielle Institution. Also ist es an den Lesern dieser Zeitschriften, Blogs und Bücher, ob sie nun Veganer, Vegetarier oder mit dem Fleischverzicht liebäugelnde Wurstbrotesser sind, genau hinzuschauen – und zu erkennen, dass solche Hochglanz-Herzschmerz-Bilder ernstzunehmende Publikationen in Misskredit bringen und Veganismus und Vegetarismus unglaubwürdig machen.

Der Autor ist Journalist und Vegetarier.

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