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Mangelernährung in Deutschland : „Vegan geht nicht ohne Pharma“

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Pillen: gesunde Ernährung, bewusstes Essen oder umweltschonendes Denken? Bild: Helmut Fricke

Nährstoffmangel ist ein Massenphänomen. In den armen Ländern Afrikas leidet fast die Hälfte aller Kinder darunter. Aber auch im reichen Westen steigt die Zahl der Betroffenen. Auch wegen des Trends zur veganen Ernährung.

          Fünf Ärzte stehen um den betäubten Säugling und überwachen den Eingriff. Auch wenn das Kleinkind nichts mitbekommt, findet alles leise statt und sehr vorsichtig. Holger Lode erklärt flüsternd, dass besonders schmale Geräte eingesetzt werden, wenn bei Kleinkindern Magen-Darm-Spiegelungen vorgenommen würden. Das Kind leidet an Mukoviszidose, einer Erkrankung, die oft mit Mangelernährung einhergeht. Holger Lode ist Leiter der Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin Greifswald. Er geht oft durch die Station, redet viel mit seinen kleinen Patienten: „Wie geht es dir heute?“, fragt er dann. Aber auch: „Hast du Appetit?“ Nährstoffe können zwar intravenös zugeführt werden, aber es ist besser, die Versorgung erfolgt auf natürlichem Weg.

          Unterversorgung komme immer häufiger vor, sagt der Mediziner. Lode muss sich mit den Folgen beschäftigen, auch in lebensbedrohlichen Fällen. Einem seiner Kollegen fiel zu Beginn des Jahres auf, dass ein Säugling nicht recht gedeihen wollte. Gespräche und Bluttests ergaben, dass keine Erkrankung die Ursache war, sondern die mütterliche Fehlernährung. Der Säugling bekam durch die Muttermilch zu wenig Nährstoffe. Das Neugeborene hatte keinerlei Antikörper, sein Hirn war verkleinert, manche lebenswichtigen Nährstoffe waren im Blut nicht messbar.

          Mangelernährung erhöht Gefahr auf Diabetes

          Als „Stunting“, zu Deutsch Verkümmerung oder Verkrüppelung, wird es bezeichnet, wenn die Größe eines Kindes aufgrund von Mangelernährung zu gering ist. In armen Ländern wie Sambia sind fast die Hälfte aller Kinder betroffen. In Deutschland liegen keine Daten vor. Laut Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) wäre die Sammlung der Daten kein Problem, etwa beim Schuleintritt. Ärzte wie auch Krankenkassen wären dazu bereit, sagt BVKJ-Sprecher Hermann Josef Kahl. Das Problem sei, dass ein solches Programm in ganz Deutschland initiiert werden müsste. Mit dem 2015 erlassenen Präventionsgesetz wurde sogar eine rechtliche Grundlage dafür geschaffen. Engagement auf bundespolitischer Ebene erwartet der Verbandssprecher jedoch nicht. Das Thema Ernährung ist ein politisches Minenfeld, wie 2013 die Diskussion um den Veggie-Tag gezeigt habe.

          Viele Krankheiten, die in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten häufiger wurden, werden durch Mangelernährung begünstigt, etwa Bluthochdruck und Knochenschwund. Menschen, die zu wenig Vitamin D aufnehmen, erkranken öfter an Diabetes Typ 2. Das beobachtet Holger Lode auch immer häufiger bei Kindern. Nährstoffmangel bei Kindern kann unterschiedliche Ursachen haben. Gespräche mit Eltern helfen den Ärzten nur bedingt bei der Diagnose, besonders wenn die Kinder übergewichtig sind. Für Mediziner ist Übergewicht ein Hinweis auf Fehlernährung. Aber trotz adipösem Kind sagen manche Eltern: „Das Kind isst ja nichts und wenn, dann nur Salat!“ In solchen Fällen müssen die Ärzte viel Fleißarbeit erbringen, sowohl in Gesprächen als auch bei Untersuchungen. Softdrinks sind eine häufige Ursache, Kinder lieben süße Getränke mit viel Zucker und wenig Nährstoffen.

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