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Fentanyl-Tote in Vancouver : „Leichenschauhäuser haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht“

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Für Schmerzpatienten enorm hilfreich, für Süchtige lebensgefährlich: Fentanyl. Bild: AP

An einer Fentanyl-Überdosis starb Popstar Prince. Jetzt gab es in einer einzigen Nacht im kanadischen Vancouver neun Tote. Hilfsangebote für Süchtige gibt es zu wenige. Der Bürgermeister spricht von „hoffnungslosen Zeiten“.

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          Es war der traurige Höhepunkt eines Trends, der schon das ganze Jahr anhält: In der Nacht von Donnerstag auf Freitag starben im kanadischen Vancouver neun Menschen an einer Überdosis des Schmerz- und Narkosemittels Fentanyl. Laut einem Bericht der kanadischen Tageszeitung „The Globe and Mail" gibt es in der 600.000-Einwohner-Stadt 1300 Konsumenten, die Droge soll bei 60 Prozent der Drogentoten in diesem Jahr eine Rolle gespielt haben.

          Legal wird Fentanyl Schwerstkranken seit den sechziger Jahren zur Schmerzlinderung verschrieben, der illegale Konsum verschafft Drogensüchtigen Hochgefühle und tötet. Fentanyl macht stark abhängig und soll 100 Mal stärker sein als Morphium und bis zu 50 Mal stärker als Heroin. Nur zwei Milligramm pures Fentanyl – das entspricht etwa vier Salzkörnchen – können für einen Erwachsenen tödlich sein.

          Starb in diesem Jahr an einer Überdosis Fentanyl: Prince.

          Die Drogenwelle hat nicht nur Kanada, sondern auch die Vereinigten Staaten erfasst. Einzelne Bundesstaaten verzeichnen inzwischen mehr Fentanyl-Drogentote als Opfer der Heroinsucht. In Ohio allein ließen im vergangenen Jahr mehr als 1000 Menschen ihr Leben nach einer Überdosis Rauschmittel, die Fentanyl erhielten. Der Superstar Prince war im April nach der Einnahme von Fentanyl gestorben.

          Vancouvers Bürgermeister Gregor Robertson sagte bei einer Pressekonferenz zum Thema Fentanyl am Freitag: „Das sind hoffnungslose Zeiten für Vancouver und es ist schwer, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen, wenn wir noch nicht die Talsohle erreicht haben.“ Bis November erlagen bereits rund 160 Menschen in Vancouver einer Überdosis Fentanyl, wie Polizeichef Adam Palmer sagte. Im gesamten Jahr 2015 hatte es dagegen nur 67 Todesopfer durch das synthetische Opioid gegeben.

          Im vergangenen Jahr gab es in Kanada 2000 Fentanyl-Tote

          Die Staatsanwaltschaft erklärte, die Leichenschauhäuser der Stadt hätten angesichts der Welle von Drogentoten ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. Im vergangenen Jahr starben in ganz Kanada 2000 Menschen durch Fentanyl, in diesem Jahr wird mit einer noch höheren Zahl gerechnet.

          Polizist Adam Palmer sagte: „Wir brauchen einen langfristigen Gesundheitsplan, der die Menschen nicht nur vorübergehend wiederbelebt und sie dann zurück auf die Straße schickt." Wer Hilfe in einer Entzugseinrichtung suche, müsse derzeit mitunter rund 500 Kilometer weiter in die Stadt Armstrong fahren, weil in Vancouver nicht genug Plätze vorhanden seien.  „Stellen Sie sich vor, wegen irgendeiner anderen Ursache würden neun Menschen in unserer Stadt an einem einzigen Tag sterben", sagte Palmer. 2015 habe es im Vergleich elf Morde und 15 Verkehrstote in der Stadt gegeben.

          Um der Drogenkrise Herr zu werden, hatte der Stadtrat von Vancouver erst in dieser Woche die Grundsteuer um 0,5 Prozent erhöht. Die zusätzlichen Einnahmen sollen für Hilfsangebote wie Streetworker und Beratungsstellen ausgegeben werden. Die kanadische Regierung hatte zudem vor wenigen Tagen die Einrichtung zusätzlicher Fixerstuben genehmigt.

          Anfang des Monats hatte die kanadische Regierung Import- und Handelsbeschränkungen für sechs Chemikalien erlassen, die bei der Herstellung von Fentanyl genutzt werden.

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