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Der Hirnstamm : Der Stellwerkmitarbeiter

Wildes Straßennetz: der Gehirnstamm Bild: F.A.S.

Ohne den Hirnstamm wäre menschliches Leben nicht möglich. Welche Funktionen hat er? Folgen Sie uns auf eine Reise zu einem Verkehrsknotenpunkt aus Fleisch und Blut.

          6 Min.

          Schaut man sich an, wie die Infrastruktur unseres Körpers tagein, tagaus funktioniert, ohne dass es zu Komplikationen, Verzögerungen im Ablauf oder Totalausfällen kommt, ist man versucht, die Deutsche Bahn gesammelt zu einer neurologischen Fortbildung anzumelden. Vom Organisationstalent des Hirnstamms könnte nämlich so mancher Bahnmitarbeiter noch etwas lernen – Logistik, die etwa verhindert, dass Züge mit Verspätung einfahren, Wagen anders herum aufgereiht werden oder Züge einfach gar nicht erst losfahren.Der Hirnstamm des Menschen ist seine Schaltzentrale, ein Verkehrsknotenpunkt aus Fleisch und Blut.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bis uns bewusst wird, dass wir den Kopf schief halten, ein Ball auf uns zufliegt, der Wind die Tür zuknallt oder wir kräftiger zubeißen müssen, weil das Brot schon alt ist, hat der Hirnstamm bereits einiges geleistet. Er hat die Informationen des Gleichgewichtsorgans verschaltet, die Wahrnehmung der Sehnerven an die richtige Stelle geschickt, die Eindrücke beider Hörnerven gemeinsam weitergeleitet, unsere Hand reflexartig vor die Augen gezogen und unsere Kaumuskeln schon zigmal innerviert.

          Lebenswichtige Abläufe wie die Kreislaufregulation und Atmung

          Wichtigstes Werkzeug seines Tuns ist dabei die Formatio reticularis, die, wie der Name schon verrät, den Hirnstamm wie ein Netz durchzieht. Der Ausbau des Schienennetzes durch die Deutsche Bahn in allen Ehren, aber welche Querverbindungen, Schnelltrassen und Knotenpunkte sich in der Formatio reticularis mikroskopisch klein auf wenigen Zentimetern tummeln, kann nicht nur Verkehrslogistiker zum Staunen bringen.

          Zehn der zwölf Hirnnerven haben im Hirnstamm ihr Kerngebiet, sozusagen ihre Homebase, die die Weitergabe der Informationen steuert. Die Bewegungen der Augen, der Zunge und der Gesichtsmuskeln werden hier initiiert und koordiniert. Hören, Schlucken, Schwitzen, Gleichgewicht halten – das alles wäre ohne den Hirnstamm nicht möglich. Dort laufen nicht nur entscheidende Reflexe zusammen wie Lidschluss-, Husten- oder Würgereflex; auch der Schlafrhythmus und lebenswichtige Abläufe wie die Kreislaufregulation und Atmung werden auf einer nur daumengroßen Fläche kontrolliert. Alle auf- und absteigenden Nervenfasern von den Muskeln der Beine und Arme, des Darms und der Blase ziehen durch den Hirnstamm. Botenstoffe wie das Dopamin werden dort produziert, ebenso Teile des Hirnwassers. Die Aufgaben des Hirnstamms sind zahlreich, die Formatio reticularis ist dabei der Taktgeber. Sie verknüpft, was an die Großhirnrinde weitergeleitet wird oder welche Befehle von der Großhirnrinde zu den anderen Zentren kommen, welche Handlung wir also initiieren, was wir denken, fühlen und bewusst wahrnehmen.

          „Da gibt es zwischen Mensch und Tier kaum Unterschiede“

          Der Hirnstamm, um für die Mitarbeiter der Deutschen Bahn verständlich zu bleiben, ist sozusagen der Stellwerkarbeiter des Hirns. Doch ob bei der Bahn oder im Gehirn, Stellwerkarbeiter teilen das gleiche Leid: Ihre Leistung wird kaum beachtet. Die Bahn schmückt sich gerne mit kreativen Bordmenüs, bequemeren Sitzen und Versprechen über komfortables Reisen. Aber kein Wort von den Stellwerken.

          Und in Sachen Gehirn? Hier wird meist nur das Großhirn bewundert – für seine Denkleistung, seine Erinnerungs- und Kombinationsfähigkeit, für empathisches Mitfühlen und phantasievolle Vorstellungskraft. Aber dafür, dass der unscheinbare Hirnstamm unser tägliches Überleben sichert, dass – im Bahn-Jargon ausgedrückt – die Züge ohne Zusammenstoß dort ankommen, wo sie hinwollen, gibt es keinen Applaus.

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