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Der Hirnstamm : Der Stellwerkmitarbeiter

Kombination aus Strahlentherapie und Chemotherapie

Von den gleichen medizinischen Erfolgen spricht die Neurologin, wenn Entzündungen in diesem Bereich des Gehirns schnell und richtig diagnostiziert werden. Deshalb ihr Appell: Symptome wie wegknickende Beine, vorübergehende Seheinschränkungen, Schwindel, Hörminderungen oder erschwertes Kauen nicht auf die lange Bank schieben, sondern untersuchen lassen. „Dass solche Symptome mit einem kranken Hirnstamm zusammenhängen könnten, wissen viele nicht“, sagt Tabatabai. Und ebenso nicht, dass man mit einer gesunden Lebensführung und viel Bewegung auch dem Hirnstamm etwas Gutes tun könne. „Denn beides wirkt Durchblutungsstörungen und dem Nervenzelluntergang entgegen.“

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Gut behandelbar seien heutzutage auch bestimmte Stadien und Arten der Parkinsonerkrankung. Die entsteht, wenn Nervenzellen in der schwarzen Substanz, der Substantia nigra, im Mittelhirn, untergehen. Die Folge ist, dass die schwarze Substanz zu wenig von dem Botenstoff Dopamin herstellt. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der Informationen zwischen Nervenzellen ermöglicht. Ist zu wenig diese Botenstoffs vorhanden, hakt die Kommunikation. Der Betroffene bekommt zitterige Hände, sein Gang wird unsicher, die Mimik schlapp, die Sprache leise und verwaschen. „Doch mit Medikamenten, die das fehlende Dopamin ersetzen, oder Verfahren wie der tiefen Hirnstimulation kann man heutzutage Betroffenen helfen“, sagt Tabatabai.

Leider nicht immer erfolgreich sind Mediziner hingegen, wenn sich im Hirnstamm ein Tumor bildet. Tumoren in der Brücke können häufig Kinder betreffen. Operative Eingriffe, so Tabatabai, seien auf diesem kleinen Areal voller wichtiger neurologischer Strukturen gefährlich. Es kommt dann eine Kombination aus Strahlentherapie und Chemotherapie zum Einsatz. Die Prognose ist aber häufig nicht so gut.

Geschwindigkeiten von bis zu 432 Kilometern in der Stunde

Nicht nur das Schicksal dieser Patienten treibt die Forscher an. „Ehrlich gesagt, sind wir weit davon entfernt, alle komplexen Abläufe, die im Hirnstamm stattfinden, wirklich vollständig verstanden zu haben“, sagt Tabatabai. Etwa, warum die Pyramidenbahn – die Nervenfasern, die dafür verantwortlich sind, dass die Hand wirklich zugreift oder der Fuß tritt, wenn man das will – im Hirnstamm kreuzt. Auch an welcher Stelle genau welche Aspekte des Schlaf-Wach-Rhythmus organisiert würden, sei in der Wissenschaft noch Gegenstand reger Diskussionen.

Ob man überhaupt je ganz verstehen wird, wie rund 30 Milliarden menschliche Nervenzellen im Körper untereinander über rund 100 Billionen Synapsen ohne größere Zwischenfälle im Ablauf verschaltet sein können, wie mit Geschwindigkeiten von bis zu 432 Kilometern in der Stunde Informationen durch den Organismus geschickt werden und eigentlich immer rechtzeitig ankommen und wie rund 5,8 Millionen Kilometer Nervenbahnen in unserem Körper jederzeit einsatzbereit zur Verfügung stehen? Die Wissenschaftler forschen daran.

Vor diesem Hintergrund darf man vielleicht mit den Mitarbeitern bekannter Logistikunternehmen bei der nächsten Verspätung nicht allzu streng sein. Das Wunderwerk Körper lässt sich in seinem faszinierenden Bauplan eben nicht so einfach nachahmen.

Die Unterschätzten

Das System Mensch hat so viel mehr zu bieten als Lunge, Darm und Herz. Scharenweise finden sich in unserem Körper Organe und Strukturen, die im Schatten der großen kaum Anerkennung für ihren täglichen Dienst erhalten. Dabei tragen sie zu unserem Wohlbefinden und Dasein immens bei. Mit der Serie „Die Unterschätzten“ schenken wir ihnen regelmäßig die Aufmerksamkeit, die sie sonst bestenfalls dann bekommen, wenn sie uns Schmerzen bereiten oder nicht mehr reibungslos funktionieren.

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