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Der Hirnstamm : Der Stellwerkmitarbeiter

Der Hirnstamm ist entwicklungsgeschichtlich der älteste Teil des Gehirns. Der Sitz des Biorhythmus: „Da gibt es zwischen Mensch und Tier kaum Unterschiede“, sagt Professorin Ghazaleh Tabatabai. Sie ist Leiterin der Interdisziplinären Sektion Neuroonkologie am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung des Universitätsklinikums Tübingen. „Sicher, alles, was uns als Homo sapiens ausmacht, liegt nicht im Hirnstamm; andererseits wäre ohne ihn wäre ein Leben als Homo sapiens aber nicht möglich.“

Höhlengrau, Vierhügelplatte, Olivenkerne

Dass wir zwar ohne Großhirn, aber nicht ohne Hirnstamm überleben können, zeigen die anschaulichen, aber bedrückenden Geschichten von Wachkoma-Patienten. Im Zustand des Wachkomas sind die Funktionen des Großhirns durch einen Unfall, eine Blutung, eine Entzündung gestört, teilweise völlig ausgefallen. Komplexe körperliche Abläufe sind nicht mehr möglich. Das Öffnen der Augen, Schlafen, Atmen, Kauen und teilweise Schlucken aber schon, denn der Hirnstamm ist bei diesen Menschen noch voll funktionsfähig.

Dass der Hirnstamm die Grundlage für unser lebendiges Dasein ist, zeigt auch seine frühe Entwicklung beim Embryo. „Aus dem Neuralrohr, der Anlage für das zentrale Nervensystem, entwickelt sich beim ungeborenen Kind durch Zellteilung, Faltungen und Bläschenbildung das Gehirn, Groß- und Kleinhirn wachsen dabei wie die Äste eines Baumes langsam um den Hirnstamm“, sagt Tabatabai. Durch diese Lage liegt der Hirnstamm zudem geschützt vor Stürzen oder Schlägen auf den Kopf.

Beginnt die Neurologin aufzuzählen, welche anatomischen Strukturen sich auf rund sieben Zentimeter Hirnstamm ballen, hat man kurz den Eindruck, man taucht in eine verwunschene Märchenlandschaft ein, so blumig die Namen: Höhlengrau, Vierhügelplatte, Olivenkerne, Blumenkörbchen, rote Kerne, Brücke.

Ausmaß meist gravierend bis lebensbedrohlich

Doch Anatomen lieben ja die Ordnung, deshalb der Hirnstammaufbau nun in korrekter Gliederung: Stellen Sie sich vor, sie säßen in einem Zugabteil, kommend aus dem Rückenmark mit Ziel Großhirnrinde. Dann führen Sie erst entlang der Medulla oblongata, dem verlängerten Mark mit den Olivenkernen weiter über die Rautengrube mit Kerngebieten der Hirnnerven zur Brücke und zum Mittelhirn, unter anderem mit schwarzen und roten Kernen, dann weiter zur Vierhügelplatte; damit wären Sie am Ende des Hirnstamms angelangt und würden über das Zwischenhirn weiter Richtung Großhirn düsen.

So viele wichtige Strukturen auf engsten Raum, man kann sich vorstellen: Kommt es dort zu Erkrankungen oder Läsionen, ist das Ausmaß meist gravierend bis lebensbedrohlich. Die Liste der häufigsten Krankheiten im Hirnstamm liest sich bitter: Infarkte, Blutungen, Tumore, Entzündungen und die Parkinsonerkrankung können seine Tätigkeit als Stellwerkmeister erheblich einschränken. Nichts läuft dann mehr. Schlucken, Bewegen, Sehen oder Atmen bleiben auf der Strecke.

„Kommt es zu einer Durchblutungsstörung im Hirnstamm, etwa durch einen Schlaganfall, können schon kleinste Läsionen eine erhebliche Auswirkung haben“, sagt auch Neurologin Tabatabai, schließt aber gleich mit einer positiven Nachricht an. „Wird die Störung schnell entdeckt und behandelt, kann es auch bei Durchblutungsstörungen in diesem Gebiet zu beeindruckenden Heilungserfolgen kommen.“ Doppelbilder verschwinden wieder, klares Sprechen ist doch wieder möglich.

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