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Umstrittener Forscher in China : „In diesem Fall bin ich tatsächlich stolz“

Sichtlich angespannt: He Jiankui vor seinem Vortrag in Hongkong Bild: AP

Auf einer Konferenz in Hongkong stellt sich He Jiankui erstmals den Fragen einer kritischen Öffentlichkeit. Und verteidigt seine umstrittenen Genmanipulationen.

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          Am Anfang seines Vortrags entschuldigte sich der chinesische Genforscher He Jiankui. Nicht dafür, dass er die Gesundheit zweier Mädchen aufs Spiel gesetzt hat, als er Genveränderungen an ihren Embryos vornahm. Auch nicht dafür, dass er das Vertrauen in das ethische Verhalten seiner Zunft untergraben hat. Er entschuldigte sich dafür, dass die Nachricht von seinem Genexperiment vorzeitig an die Außenwelt gelangt sei, bevor er eine wissenschaftliche Studie veröffentlichen konnte, die seine Aussagen hätte belegen können.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Viele andere hatten hingegen vermutet, dass es durchaus kein Zufall war, dass die Meldung von den ersten genveränderten Babys der Welt just einen Tag vor dem zweiten Weltgipfel zum Genome Editing in Hongkong veröffentlicht wurde. He Jiankui war dort als Redner angemeldet.

          Noch bevor der Forscher am Mittwochmittag mit einer braunen Aktentasche auf die Bühne trat, distanzierten sich die Veranstalter von ihm und wiesen darauf hin, dass sie über seine umstrittene Forschung nicht informiert gewesen seien. Die von He Jiankui eingereichte Präsentation habe keine derartigen Details enthalten. Gleichwohl lege man in Hongkong großen Wert auf das Recht der freien Rede, sagte der Moderator und ermahnte die Konferenzteilnehmer: „Bitte erlauben Sie ihm, ohne Unterbrechung zu sprechen.“ Andernfalls werde man den Veranstaltung abbrechen.

          Nach seinem wissenschaftlichen Vortrag stellte He sich erstmals den Fragen einer kritischen Öffentlichkeit. Im Saal saßen führende Genforscher aus der ganzen Welt und viele Journalisten. Wie schon in dem Video, das am Montag im Internet veröffentlicht worden war, rechtfertigte er sein Vorgehen mit dem Wunsch, HIV-positiven Menschen zu helfen. „In diesem speziellen Fall bin ich tatsächlich stolz“, sagte der nervös und fahrig wirkende Forscher. Der erkrankte Vater der genveränderten Zwillinge habe durch seinen Eingriff neuen Lebensmut bekommen. „Er sagte, er werde hart arbeiten, Geld verdienen und auf seine beiden Töchter und seine Frau aufpassen.“ Immer wieder kam He auf seine persönlichen Begegnungen mit HIV-Patienten zurück. In einem Dorf, in dem er gewesen sei, seien dreißig Prozent der Bewohner mit dem Virus infiziert. „Diese Leute brauchen Hilfe. Wir können ihnen helfen, wenn wir diese Technologie schneller zugänglich machen.“

          Auf viele Fragen nach seiner ethischen Verantwortung gab er hingegen keine oder nur vage Antworten. Ob die von ihm angewandte Crispr-Cas9-Methode mit all ihren potentiellen Neben- und Langzeitwirkungen wirklich schon genügend erforscht sei. Warum er den Eingriff gemacht habe, obwohl es andere Wege gebe, die Übertragung des Virus durch einen HIV-positiven Vater auszuschließen. Woher er wisse, dass die Versuchsteilnehmer sich der Risiken bewusst gewesen seien. Sie seien hoch gebildete Menschen, versicherte He, Leute, die in Selbsthilfegruppen organisiert seien, wie das in China oft der Fall ist. Und sie würden viele wissenschaftliche Publikation zu dem Themen kennen. Acht Paare, so berichtete er, hätten sich freiwillig für das Experiment gemeldet. Alle Väter seien HIV-positiv gewesen, die Mütter HIV-negativ. Ein Paar sei vorzeitig ausgestiegen. An 30 Embryonen habe er die Methode angewandt. Wegen der „aktuellen Situation“, gemeint war der weltweite Aufschrei, sei die Versuchsreihe derzeit „unterbrochen“. Einen weiteren Fall einer potentiellen Schwangerschaft habe es gegeben.

          „Warum haben Sie diese rote Linie überschritten?“, wollte ein hörbar erregter Wissenschaftler der Peking-Universität wissen. Damit habe er gegen den Konsens in der Wissenschaftsgemeinschaft verstoßen. „Auch der chinesischen“, betonte der Redner. Immer wieder wurde He gefragt, warum er sein Experiment vor den zuständigen Stellen und seiner Universität geheim gehalten habe, und wer über seine Arbeit informiert gewesen sei. Neben seinem Team seien das vier Personen gewesen, darunter ein namentlich nicht genannter Professor in den Vereinigten Staaten und ein Forscher der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften. Die Identität der Kinder und ihrer Eltern werde er nicht preisgeben, sagte He. In China sei es verboten, HIV-Infizierte zu outen. Am Ende wurde He noch gefragt, ob er sein eigenes Kind auch einem solchen Experiment unterziehen würde. „Wenn mein Kind in der gleichen Situation gewesen wäre, hätte ich es als erstes mit ihm versucht“, sagte er.

          Der Mikrobiologe und Nobelpreisträger David Baltimore, der der Konferenz vorsaß, bekräftigte nach der Befragung He Jiankuis seine Kritik: Dessen Vorgehen sei „unverantwortlich“. Es sei weder ein transparenter Prozess gewesen, noch habe dafür eine medizinische Notwendigkeit bestanden. „Es ist ein Scheitern der Selbstregulierung der wissenschaftlichen Gemeinschaft.“

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