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Umgang mit Krebskranken : Du musst kämpfen

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Zieh die Boxhandschuhe aus! Du musst nicht kämpfen – Viele Todkranke belastet es, wenn Angehörige sie anfeuern gegen die Krankheit anzutreten. Bild: Anke Feuchtenberger

Das sagen Ärzte und Angehörige und alle, die es gut meinen mit dem Krebspatienten. Doch oft machen sie dem Kranken das Leben so noch schwerer – und das Sterben auch.

          Einmal, es ist schon ewig her, da habe auch ich diesen Satz gesagt: „Du musst jetzt kämpfen!“ Keinen anderen Satz meines Lebens bereue ich so sehr wie diesen.

          Dabei ist es ein Allerweltssatz, der an Popularität in all den Jahren seither nichts eingebüßt hat und gewiss auch gerade heute irgendwo fällt, und das in bester Absicht. Jetzt musst du kämpfen – das ist die reflexhafte Antwort der allermeisten Menschen, wenn ihnen ein Freund, Kollege oder naher Verwandter offenbart, dass er Krebs hat. Es ist der Versuch, die Todesangst zu verdrängen und stattdessen in die Gegenoffensive überzugehen, wenigstens rhetorisch. Krebs und Kampf scheinen sprachlich und gedanklich zusammenzugehören wie Angriff und Verteidigung. Was könnte man dem Patienten auch Besseres zurufen als diesen optimistischen Appell, jetzt bloß nicht den Mut zu verlieren, sondern alle Abwehrkräfte zu mobilisieren und den entschlossenen Kampf gegen die schreckliche Krankheit aufzunehmen? Es klingt so plausibel. Doch nicht alles, was sich richtig anfühlt, ist klug und hilfreich. Tatsächlich ist der Satz und der Gedanke, der sich damit verbindet, eine Katastrophe. Er hinterlässt oft eine Schneise der Verwüstung in den Seelen todkranker, leidender und sterbender Menschen. Er vergrößert den Kummer und verschlimmert das Leid. Höchste Zeit für ein Plädoyer gegen die Kampfrhetorik am Krankenbett.

          Das Beispiel des amerikanischen Senators und früheren Präsidentschaftskandidaten John McCain ist nur insofern untypisch, als der Patient prominent ist; davon abgesehen ist die Geschichte nicht anders als die all der namenlosen Patienten überall auf der Welt, die ihren Freunden und ihrer Familie sagen müssen, dass sie an Krebs erkrankt sind. Als McCain vor wenigen Wochen operiert und dabei auch ein hochgefährlicher Gehirntumor diagnostiziert wurde, erreichten ihn binnen weniger Tage Briefe, E-Mails und Twitterbotschaften aus allen Landesteilen der Vereinigten Staaten. Einfache Leute, aber auch Kollegen und Stars hatten das Bedürfnis, einem der beliebtesten amerikanischen Politiker in diesem schwierigen Augenblick seines Lebens Mut zuzusprechen. Praktisch ausnahmslos enthalten die Botschaften an den 81 Jahre alten Senator die Hinweise auf Kampf und Krieg, auf Gegenwehr und Widerstand. „John McCain ist ein Kämpfer“, schrieb Vizepräsident Mike Pence, „und er wird auch diesen Kampf gewinnen.“ Vom Patienten McCain wird also nicht nur ein Kampf, sondern auch ein Sieg erwartet? Ernsthaft?

          Noch extremer und törichter formulierte der frühere Präsident Barack Obama: „Der Krebs weiß offenbar nicht, mit wem er sich angelegt hat. Mach ihm die Hölle heiß, John!“ Der Krebs, in der knackigen Obama-Rhetorik allegorisch zu einem Wesen verwandelt, das sogar seine Gegner unterschätzen kann, wird es schon bald bitter bereuen, dass es einen Kerl wie John McCain provoziert hat? Dem Krebs muss man nur mal richtig die Hölle heiß machen? Das kann Obama nicht ernst meinen, aber gut meinte er es bestimmt. Das Gegenteil von dem, was Obama sagte, wird wohl richtig sein: Nicht der Krebs wird sich demnächst über einen übermächtigen Gegner wundern, sondern John McCain und die, die ihn jetzt zum Kampf anfeuern.

          Nicht nur den Patienten selbst, auch alle Mitfühlenden stürzt die Krebsdiagnose erst einmal in einen emotionalen Ausnahmezustand und eine Verwirrung aller Gedanken. Nur so ist es zu erklären, dass der frühere Vizepräsident Joe Biden öffentlich prophezeite: „McCain wird diesen Krebs besiegen.“ Haarsträubend, so etwas in die Welt zu setzen. Gerade Biden müsste es besser wissen. Sein Sohn ist vor zwei Jahren an dem gleichen Gehirntumor gestorben, der jetzt bei McCain gefunden wurde. Mit Blick auf die Details der Diagnose ist ein „Sieg“ gewiss nicht zu erwarten. Das schnell wachsende Glioblastom ist in den meisten Fällen tödlich. Gut ein Jahr nach der Erstdiagnose ist schon etwa die Hälfte der Patienten tot; nach fünf Jahren lebt nur noch jeder zwanzigste Patient.

          Das Lebensende in den Blick nehmen

          Wer es wirklich gut meint mit John McCain, muss ihm raten, das Lebensende in den Blick zu nehmen, sich mit Palliativmedizin und Hospizbetreuung vertraut zu machen, seine Angelegenheiten zu regeln und das, was er im Leben noch tun will, nun zu tun. Viel Zeit bleibt nicht mehr. McCain wird Hilfe brauchen, er wird entsetzlich schwierige Entscheidungen treffen müssen, wenn es um die Therapiemöglichkeiten geht - erst OP, dann Bestrahlung und immer wieder aggressive Chemotherapie, solange die Abwägung zwischen gewonnener Lebenszeit und erträglichem Leid eben noch sinnvoll zu treffen ist. Stoppen kann man das besonders feingliedrige Glioblastom nicht. McCain wird außer seinem formalen Testament auch das in Angriff nehmen müssen, was Franco Rest, einer der Vordenker der Sterbebegleitung in Deutschland, ein „spirituelles Testament“ nennt. Das ist nicht zwangsläufig religiös gemeint. Aber dazu gehören die Fragen: Mit wem will ich mich noch aussprechen oder versöhnen? Welche Fragen werden nach meinem Tod die Angehörigen beschäftigen, und wie kann ich dazu beitragen, dass alles gut geregelt ist? Schließlich auch die Frage: Welche spirituellen Bedürfnisse habe ich am Lebensende? Beten? Beichten? Bilanz ziehen? Reden oder schweigen?

          John McCain mit seiner Frau Cindy McCain

          All diesen Dingen stehen die markigen Sprüche und Kampfappelle des sozialen Umfeldes im Weg – und das gilt nicht nur bei einem weltbekannten Politiker, sondern bei jedem Krebspatienten. Auch wenn niemand nach einer solchen Diagnose gleich die Flinte ins Korn werfen will, ist die Gefahr doch groß, den Zeitpunkt zu verpassen, an dem es umzuschalten gilt von Hoffnung, Therapie und Motivation auf Abschied, Sterbevorbereitung und Lebensende. Oft kommen in den Hospizen Menschen an, die mit Durchhalteparolen für immer neue Therapien und Eingriffe motiviert wurden, bis ihnen der Arzt im Krankenhaus zu ihrer völligen Überraschung sagte: „Wir können nichts mehr für Sie tun.“ Wäre es nicht in vielen Fällen verantwortungsvoller gewesen, frühzeitig auf begrenzte Heilungschancen hinzuweisen? Katie Couric, eine der bekanntesten amerikanischen Fernsehmoderatorinnen, verlor ihren Mann, als er 42 Jahre alt war. Im Rückblick bereut sie die Kampfappelle, mit denen sie ihm Mut machen wollte: „Ich glaube, das hat uns um die Chance gebracht, wirklich voneinander Abschied zu nehmen.“

          Wirkt die Kampfrhetorik? Hilft sie dem Patienten?

          Wer Krebs hat, muss kämpfen – natürlich ist das als Ermutigung gemeint gerade in einem Augenblick, in dem die Gefahr, allen Mut zu verlieren, besonders groß ist und die Therapien meistens erst beginnen. Aber wirkt die Kampfrhetorik? Hilft sie dem Patienten? Ist der Erfolg einer Krebstherapie, wenigstens teilweise, von der Einstellung und Entschlossenheit des Patienten abhängig? Verkürzt und vereinfacht lautet die Antwort: Nein. Die empirische Erfahrung in der medizinischen Forschung und die alltägliche, menschliche Erfahrung in Onkologie, Palliativmedizin und Hospiz lassen solche Schlüsse nicht zu, auch wenn es verführerisch ist, zu glauben, dass Optimismus, Lebenswille, Mut und Hoffnung erfolgreiche Waffen im Kampf gegen den Krebs sein könnten. Sie sind es nicht.

          Den Kampf verloren? Roger Willemsen starb 2016 im Alter von 60 Jahren

          Elaine Schattner, Medizinprofessorin an der Weill Cornell-Universität in New York und selbst Krebspatientin, berichtet, es gebe keine Hinweise in der Forschung auf einen Zusammenhang zwischen der Einstellung des Patienten und dem Verlauf der Krankheit. Aufwendige Untersuchungen in verschiedenen Ländern hätten die Vorstellung längst widerlegt. Die militärische Sprache am Krankenbett macht ihr Sorgen: „Wenn alle Angehörigen den Patienten immer weiter anfeuern, kann es zwanghaft und unvernünftig werden, immer weiterzumachen statt sich für die Möglichkeiten einer palliativen, nicht kurativen Medizin zu öffnen.“ Emotionale Unterstützung und eine positive Einstellung würden zwar nachweislich den Umgang mit der Krankheit erleichtern und vor Ängsten und Depressionen während der Krebserkrankung schützen, aber eben nicht den Verlauf der Krankheit selbst beeinflussen. Und Jimmie Holland, Psychiater in einem New Yorker Krebszentrum, sagt: „Die Vorstellung, dass wir Krankheit und Tod durch unseren Geist kontrollieren können, spiegelt eine tiefe menschliche Sehnsucht wider. Aber es stimmt einfach nicht.“ Mit anderen Worten: Wunsch und Wille werden im Zusammenhang mit Krebs überschätzt.

          Dem wird mancher Krebspatient widersprechen. Bei weitem nicht jede Krebserkrankung verläuft tödlich. Es gibt viele, die es als motivierend erlebt haben, sich selbst in einem Kampf gegen eine Krankheit zu sehen, und oft haben sie selbst diese Sprache übernommen. Sie mussten alle Lebenskräfte mobilisieren, um unter den verzehrenden Begleiterscheinungen von Krebstherapien nicht zu verzagen. Erfahrungsberichte dieser Art gibt es massenhaft. Jeder Buchverlag kennt die Manuskripte aus dem Genre „Wie ich den Krebs besiegte“. Oft sind sie in der ehrlichen Motivation geschrieben, anderen Mut zu machen. Doch sind zwei Denkfehler im Spiel. Einmal gleicht kein Krebsfall dem anderen. Es ist das Dümmste, was man einem Krebskranken sagen kann, wenn man so tut, als kenne und verstehe man seinen Fall und seine Lage aus eigener Erfahrung: „Bei mir war es damals ganz genauso.“ Und zweitens ist es so, dass auch die „Cancer Survivors“ sich womöglich täuschen in der Analyse ihres eigenen Schicksals. Sieger überschätzen immer den Anteil ihrer Willenskraft am Sieg; Verlierer wissen, dass sie alles gegeben und dennoch verloren haben.

          „Er hat den Kampf gegen den Tod verloren“

          Verloren? Auch das ist eine schreckliche Vokabel in der Krebsrhetorik. Sie ist aber auch die logische Folge der Kampfmetapher. In vielen Todesanzeigen und Nachrufen steht es: „Er hat den Kampf gegen den Tod verloren.“ Peter Hintze, Guido Westerwelle, Roger Willemsen, Christine Kaufmann, Monika Pielhau - es ist immer dieselbe Formulierung, die in Nachrichten, Traueranzeigen und Grabreden auftaucht. Sogar Roger Moore, der mit 89 Jahren an Krebs starb, wurde nicht beerdigt, ohne dass die Familie ihm einen „tapferen Kampf gegen den Krebs“ attestierte, den er schließlich „doch verloren“ habe. Tatsächlich? Heißt das nicht, dass jeder am Ende seines Lebens als Verlierer vom Platz geht? Der Tod als Sieger, der Mensch als sein besiegtes Opfer?

          Die Kampfrhetorik verkennt die Gefühlslage des Patienten: Natürlich ist er bereit, Kräfte für die Therapie zu mobilisieren, aber er spürt auch, dass er letztlich machtlos ist. Oft ist der Patient auch schlicht am Ende seiner physischen und psychischen Kräfte. Dann werden die martialischen Durchhalteparolen der Familie zur zusätzlichen Belastung für einen Sterbenden, der ohnehin dem größten seelischen Druck ausgesetzt ist.

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          Die amerikanische Publizistin Susan Sontag war eine der Ersten, die gründlicher über die gefährliche Doppelbödigkeit von Sprachmetaphern im Angesicht von Krankheit und Tod nachgedacht hat. Ihr Essay „Krankheit als Metapher“, den sie schrieb, als sie selbst an Brustkrebs erkrankt war, war bahnbrechend, wenn auch an eine bestimmte historische Situation gebunden. Damals, 1972, hatte sich auf den Nebengleisen der Psychoanalyse eine Denkschule ausgebildet, die nicht nur das Wechselspiel zwischen psychischer und physischer Gesundheit ausleuchtete, sondern dabei auf gefährliche Abwege geriet. Krebs wurde als pathologischer Ausdruck einer neurotischen Persönlichkeit gedeutet, der Tumor erschien in dieser Perspektive als Ergebnis eines seelischen Überdrucks, der psychotherapeutisch behandelt werden musste. „Die romantische Idee, dass die Krankheit ein Ausdruck der Persönlichkeit ist, hat sich jetzt unverkennbar dahingehend weiterentwickelt, dass die Persönlichkeit die Krankheit verursacht hat“, schrieb Sontag und warnte davor, Krebspatienten auf diese Weise eine Art Mitschuld an ihrem Schicksal zu geben.

          Wer wirklich gegen den Krebs kämpfen muss

          Heute wird das niemand mehr so sagen. Doch in der Kampfrhetorik verbirgt sich ein Relikt dieser verhängnisvollen Denkschule: Der Patient hat sein Schicksal, wenigstens zu einem Teil, selbst in der Hand; sein Überleben hängt auch von seinem Überlebenswillen ab. Jede erfahrene Krankenschwester weiß, dass es Krankheiten und Situationen gibt, in denen diese Formel tatsächlich stimmt. Doch allgemeingültig ist sie keinesfalls. Es soll ein Trost stecken in der Aufforderung zum Kampf. Doch in Wahrheit steckt ein viel größerer Trost in dem Gedanken, das eigene Schicksal nicht in der Hand zu haben, an der Krankheit und ihrem Verlauf keine Schuld zu tragen, und am eigenen Tod schon gar nicht.

          Gegen den Krebs kämpfen – das muss in erster Linie eine Forderung an die medizinische Forschung sein. Dort wird diese Schlacht geschlagen. Ja, es geht darum, Waffen zu entwickeln für den „Krieg gegen den Krebs“, den Richard Nixon 1971 erklärte und den seither jeder amerikanische Präsident fortgeführt hat. Es ist bedrückend, dass der große Durchbruch in der Forschung bislang nicht gelungen ist. Andererseits gibt es hoffnungsvolle Entwicklungen, die durchaus darauf hindeuten, dass revolutionäre Immuntherapien schon bald gegen wesentliche Krebsarten erfolgreich sein können. Jeder Krebspatient hofft, den Durchbruch noch selbst zu erleben und davon profitieren zu können. Aber jeder Kranke weiß auch, dass seine mentalen und physischen Kräfte begrenzt sind und er nicht in einem Akt des Willens den Krebs besiegen kann.

          Es war ein Tag im Frühling, an dem ich den Satz sagte, den ich so sehr bereue: „Jetzt musst du kämpfen.“ Schon im Herbst haben wir Mutter beerdigt. Sie hatte für meine Schlachtrufe keinen Sinn. Große Operationen, Chemotherapie, sie machte alles mit, aber sie sah auch bald, dass ihr Leben zu Ende ging und das angebliche Kämpfen aussichtslos war. Einmal sagte sie: „Ich will nicht kämpfen. Ich will leben.“ Dass ich es ihr mit meinen Appellen unnötig schwer gemacht habe, dass ich Unmögliches von ihr verlangte, obwohl sie das Menschenmögliche versucht hatte, habe ich erst viel später verstanden.

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