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Umgang mit Krebskranken : Du musst kämpfen

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Nicht nur den Patienten selbst, auch alle Mitfühlenden stürzt die Krebsdiagnose erst einmal in einen emotionalen Ausnahmezustand und eine Verwirrung aller Gedanken. Nur so ist es zu erklären, dass der frühere Vizepräsident Joe Biden öffentlich prophezeite: „McCain wird diesen Krebs besiegen.“ Haarsträubend, so etwas in die Welt zu setzen. Gerade Biden müsste es besser wissen. Sein Sohn ist vor zwei Jahren an dem gleichen Gehirntumor gestorben, der jetzt bei McCain gefunden wurde. Mit Blick auf die Details der Diagnose ist ein „Sieg“ gewiss nicht zu erwarten. Das schnell wachsende Glioblastom ist in den meisten Fällen tödlich. Gut ein Jahr nach der Erstdiagnose ist schon etwa die Hälfte der Patienten tot; nach fünf Jahren lebt nur noch jeder zwanzigste Patient.

Das Lebensende in den Blick nehmen

Wer es wirklich gut meint mit John McCain, muss ihm raten, das Lebensende in den Blick zu nehmen, sich mit Palliativmedizin und Hospizbetreuung vertraut zu machen, seine Angelegenheiten zu regeln und das, was er im Leben noch tun will, nun zu tun. Viel Zeit bleibt nicht mehr. McCain wird Hilfe brauchen, er wird entsetzlich schwierige Entscheidungen treffen müssen, wenn es um die Therapiemöglichkeiten geht - erst OP, dann Bestrahlung und immer wieder aggressive Chemotherapie, solange die Abwägung zwischen gewonnener Lebenszeit und erträglichem Leid eben noch sinnvoll zu treffen ist. Stoppen kann man das besonders feingliedrige Glioblastom nicht. McCain wird außer seinem formalen Testament auch das in Angriff nehmen müssen, was Franco Rest, einer der Vordenker der Sterbebegleitung in Deutschland, ein „spirituelles Testament“ nennt. Das ist nicht zwangsläufig religiös gemeint. Aber dazu gehören die Fragen: Mit wem will ich mich noch aussprechen oder versöhnen? Welche Fragen werden nach meinem Tod die Angehörigen beschäftigen, und wie kann ich dazu beitragen, dass alles gut geregelt ist? Schließlich auch die Frage: Welche spirituellen Bedürfnisse habe ich am Lebensende? Beten? Beichten? Bilanz ziehen? Reden oder schweigen?

John McCain mit seiner Frau Cindy McCain

All diesen Dingen stehen die markigen Sprüche und Kampfappelle des sozialen Umfeldes im Weg – und das gilt nicht nur bei einem weltbekannten Politiker, sondern bei jedem Krebspatienten. Auch wenn niemand nach einer solchen Diagnose gleich die Flinte ins Korn werfen will, ist die Gefahr doch groß, den Zeitpunkt zu verpassen, an dem es umzuschalten gilt von Hoffnung, Therapie und Motivation auf Abschied, Sterbevorbereitung und Lebensende. Oft kommen in den Hospizen Menschen an, die mit Durchhalteparolen für immer neue Therapien und Eingriffe motiviert wurden, bis ihnen der Arzt im Krankenhaus zu ihrer völligen Überraschung sagte: „Wir können nichts mehr für Sie tun.“ Wäre es nicht in vielen Fällen verantwortungsvoller gewesen, frühzeitig auf begrenzte Heilungschancen hinzuweisen? Katie Couric, eine der bekanntesten amerikanischen Fernsehmoderatorinnen, verlor ihren Mann, als er 42 Jahre alt war. Im Rückblick bereut sie die Kampfappelle, mit denen sie ihm Mut machen wollte: „Ich glaube, das hat uns um die Chance gebracht, wirklich voneinander Abschied zu nehmen.“

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