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Patientengefährdung : Eine Frage der Wertschätzung

Warum für das Patientenvertrauen nicht mit gutem Personal statt mit Technik werben? Bild: Dominik Butzmann/laif

Eine Umfrage hat ergeben: Die Risiken für Patienten im OP steigen. Das liegt am großen Krankheitsstand des Personals, Schwierigkeiten bei der Organisation von Abläufen im OP-Trakt – und an Hygienemängeln. Muss man sich nun wirklich Sorgen machen?

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          Es gibt im Leben erwachsener Menschen vielleicht eine Handvoll Situationen, in denen sie anderen völlig hilflos ausgeliefert sind. Die meisten davon haben etwas mit Pflege oder Krankheit zu tun. Mit am hilflosesten fühlt man sich sicherlich bei einer Operation im Krankenhaus – völlig ungeschützt und meist bewusstlos liegt man auf dem Operationstisch. In dieser Lage legt man sein Leben, ohne einschreiten zu können, vollkommen in die Hände von Ärzten und Pflegern.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Häufig hat man, wenn es um medizinische Behandlungen geht, nicht wirklich eine Wahl. Eingriffe an Darm, Herz, Knochen oder anderen Organen müssen mitunter sein; trotzdem gehört eine Menge Vertrauen und Zuversicht dazu, solche Situationen zu ertragen. Da ist es nur verständlich, dass Meldungen verunsichern, wie sie in der zu Ende gehenden Woche zu lesen waren: „Gefahr im OP-Saal – steigende Risiken durch Personalknappheit“ oder auch „Kritische Situation in Operationssälen“.

          Die Meldungen beziehen sich auf eine soeben veröffentlichte Umfrage der Frankfurt University of Applied Sciences. Fürs sogenannte OP-Barometer, das die Wissenschaftler alle zwei Jahre vorlegen, sind OP- und Anästhesiepflegekräfte nach ihrer Arbeitssituation befragt worden. Und jene scheint, glaubt man den Zahlen, alles andere als zufriedenstellend zu sein – nicht nur für die Pflege, sondern eben auch für die Patienten.

          Patientengefährdung hat zugenommen

          So schätzen Pfleger und Schwestern, dass die Patientengefährdung im Operationssaal in den vergangenen zwei Jahren zugenommen hat. Als Gründe nennen sie vor allem den großen Krankheitsstand des Personals, Schwierigkeiten bei der Organisation von Abläufen im OP-Trakt und – was besonders aufhorchen lässt bei allen Diskussionen um multiresistente Keime – Hygienemängel.

          Dass die Personalsituation in deutschen Krankenhäusern teilweise bedenklich ist, ist durchaus bekannt. Der ein oder andere hat das auch schon am eigenen Leibe spüren müssen. Aber es erschreckt selbst abgebrühte Mitmenschen, dass die Situation offensichtlich immer schlimmer statt besser wird. 47 Prozent der Befragten jedenfalls fällen mit Blick auf die vergangenen Jahre dieses Urteil.

          Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerats, ist beunruhigt, jedoch nicht überrascht von solchen Ergebnissen. Zwar versucht er zuerst, zu beschwichtigen: Multimorbide, ältere Patienten, moderne Operationsverfahren oder unwirksame Antibiotika, das alles seien Faktoren, die zunähmen und für die man nicht die Klinik verantwortlich machen könne. Dann sagt er aber klar: „Solche Umfrageergebnisse sind das Resultat unserer Hochleistungsmedizin, die vor allem auf Effizienz und Erlös ausgerichtet ist.“

          Personalmangel erhöht Risiko

          Dass nur sechzig Prozent der Befragten finden, Hygienerichtlinien würden im jeweiligen Operationssaal streng eingehalten, und immer noch 34 Prozent (im Jahr 2013 waren es 39 Prozent) der Meinung sind, dass es in ihrer Klinik Probleme bei der Sterilisation der Geräte und Gegenstände gebe, setzt Westerfellhaus in einen direkten Zusammenhang mit dem Personalmangel: „In Hetze Arbeit mit zu wenigen Mitarbeitern erledigen zu müssen erhöht natürlich das Risiko, dass es zu Fehlern kommt, auch in der Hygiene.“

          Selbstverständlich gibt es in Deutschland für die Sterilisation des OP-Bestecks, die Säuberung des Saals und die Desinfektion der Hände Richtlinien und zeitliche Vorgaben. Das Desinfizieren der Hände, etwa nachdem eine Schwester einen Patienten ins Bett gehievt hat, soll rund eine Minute dauern – dreißig Sekunden für das gründliche Desinfizieren und dreißig weitere für das Einwirken des Mittels. Aber Vorschriften hin oder her, in der Praxis scheinen selbst diese Sekunden oft zu fehlen. Das glaubt zumindest Westerfellhaus.

          Auf die Frage, ob der Umgang mit Hygienevorschriften nicht auch etwas mit der Verantwortung und Sorgfalt jedes Einzelnen zu tun habe, wiegelt der Präsident ab und antwortet pauschal: „Dem Pflegepersonal ist es ausgesprochen wichtig, sorgfältig zu arbeiten, das entspricht seinem eigenen Anspruch. Wir haben kein Kompetenzproblem.“ Dass wir aber auch einen Fachkräftemangel haben und immer mehr Stellen in der Pflege durch Menschen aus dem Ausland besetzen müssen, die woanders gelernt haben und oft nur gebrochen Deutsch sprechen, ist ebenso unbestritten.

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