https://www.faz.net/-gum-wht2

Übergewicht : Armut macht dick, unbeweglich und abhängig

  • -Aktualisiert am

Auf eine vernünftige Ernährung umzuschalten ist für Erwachsene ein hartes Brot Bild: AP

Wer arm ist, stirbt früher - und wird noch viel früher krank. Um lange fit zu bleiben, braucht man jedoch keine Luxusmedizin: Viel wichtiger sind Bildung und gute Vorbilder, sagt eine neue Studie.

          5 Min.

          Sie heißen Hannah und Philipp Neumann, sind erst zwölf und 14 Jahre alt und die bisher jüngsten Autoren in der Geschichte der renommierten „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“. Die beiden Gymnasiasten befragten 729 Mitschüler über deren Ernährung, Bewegung und Freizeitverhalten. Und sie fanden heraus, dass diejenigen ihrer Mitschüler mit guten Noten schlanker sind (oder umgekehrt schlankere Schüler bessere Noten bekommen). Und dass jene Schüler, die viel Zeit vor Fernseher und Computer verbringen, sich deutlich ungesünder ernähren.

          In der Vestischen Kinderklinik in Datteln wird offensichtlich, wohin falsche Ernährung und fehlende Bewegung im Extremfall führen. „Obeldicks“ heißt ein Programm, in dem stark übergewichtige Kinder zu einem normalen Essverhalten zurückfinden. „Wir haben hier Kinder, die bei einer Körpergröße von 1,20 Metern über 45 Kilogramm wiegen - und von ihren Eltern eigentlich gar nicht für zu dick gehalten werden“, sagt Thomas Reinehr, Leiter des Programms.

          „Wir behandeln nicht nur die Kinder, sondern deren Eltern gleich mit, denn gegen ein schlechtes Vorbild der Eltern kommen Kinder nicht an und Jugendliche nur mit starkem Willen.“ Obeldicks - natürlich ein Wortspiel über den dicken Obelix - dauert ein Jahr: Die Kinder treffen sich ein- bis zweimal wöchentlich zu Bewegungstherapie, Verhaltenstraining und Ernährungskursen. Ein positives Beispiel: „Einer unserer Jungen hatte als Achtjähriger entschieden: Ich trinke jetzt keine Cola mehr und esse nur noch einmal täglich Süßes. Jetzt ist er normalgewichtig und ein sehr erfolgreicher Handballer“, sagt Reinehr.

          Mit Bewegungstherapie zum Normalgewicht

          An zu schlechter Medizin liegt es nicht

          Damit hat der Absolvent beste Chancen, gesund ein sehr hohes Alter zu erreichen. Denn die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland steigt alle zehn Jahre um etwa 2,5 Jahre: Kinder dürfen damit rechnen, bis zu zehn Jahre älter zu werden als ihre Eltern. Aber diese zusätzlichen Lebensjahre sind ungleich zwischen Arm und Reich verteilt: Frauen aus dem untersten Fünftel der Einkommensskala haben hierzulande eine Lebenserwartung von 77 Jahren. Frauen aus dem reichsten Fünftel werden dagegen im Durchschnitt 85 Jahre alt. Bei Männern beträgt der Unterschied sogar 10,8 Jahre (70 statt 81). Die Statistik des Robert-Koch-Instituts lässt eigentlich keine Fragen offen: Ausgewertet wurden Sterbetafeln des Statistischen Bundesamtes und Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), um Einkommen und Gesundheit in Beziehung zu setzen. Das Ergebnis ist eindeutig: Wer arm ist, stirbt früher - und wird noch viel früher krank.

          Aber warum profitieren Arme weniger von den Segnungen der modernen Medizin als Reiche? Wieso unterscheidet sich in einer Industrienation mit teurer ärztlicher Versorgung die Lebenserwartung verschiedener sozialer Schichten um Jahrzehnte? Die naheliegende Erklärung, dass Arme eine schlechtere ärztliche Versorgung bekämen, ist falsch. „Wir haben viele diesbezügliche Studien der letzten sechs Jahre analysiert und bei der therapeutischen Medizin außerhalb der Vorbeugung keine größere soziale Ungleichheit festgestellt“, sagt Christian Janßen von der Medizinischen Soziologie der Uniklinik in Köln. An zu schlechter Medizin für Arme liegt es nicht.

          Armut macht dick und unbeweglich

          Auch fehlende Vorbeugung ist nicht die Ursache: Die Kölner haben festgestellt, dass Männer selten zur Krebsfrüherkennung gehen, fast unabhängig von ihrer sozialen Schicht. Frauen nutzen sie erwartungsgemäß sehr viel konsequenter - auch die aus dem unteren Einkommensdrittel. Andere medizinische Angebote, vor allem die Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter, werden immer besser genutzt, und zwar von allen Schichten.

          Die gravierenden Unterschiede in der Lebenserwartung ruhen vor allem auf drei einfachen Säulen: Ernährung, Bewegung und Sucht. Pointiert gesagt: Armut macht dick, unbeweglich und abhängig. Alle drei Faktoren haben wenig mit Geldmangel, nichts mit schlechter ärztlicher Versorgung, aber viel mit ungesundem Verhalten zu tun, sogar vor der Geburt. Denn Frauen aus der unteren sozialen Schicht rauchen und trinken häufiger, auch während einer Schwangerschaft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Segregierte Schulen : Das weiße Amerika bleibt unter sich

          Heute gibt es in Amerika mehr Schulen mit fast nur weißen oder fast keinen weißen Schülern als vor 30 Jahren. Das liegt auch an den Entscheidungen weißer Eltern – auch solchen, die seit Wochen „Black Lives Matter“ rufen.
          Ein Coronatest in Gütersloh Ende Juni

          Nach dem Gütersloh-Beschluss : Leitplanken für Lockdowns

          Darf ein Land keine Ausgangssperren mehr verhängen, wenn ein Corona-Hotspot auftaucht? Doch, sagen die Richter in ihrem Gütersloh-Beschluss. Es darf nur nicht Ungleiches gleich behandeln.
          Wie viele Klamotten, die wir besitzen, tragen wir eigentlich?

          Nachhaltiges Design : Wie kann Mode die Welt verändern?

          Nina Lorenzen, Vreni Jäckle und Jana Braumüller beschäftigen sich seit Jahren mit nachhaltiger Mode. Nun haben sie ein Buch darüber herausgebracht, das zeigen soll: Mit Mode kann man die Welt verändern.
          Bela B Felsenheimer von Die Ärzte

          Künstler gegen Viagogo : Und das soll Demokratisierung sein?

          Wer im Internet Konzertkarten kauft, landet oft bei der Ticketbörse Viagogo. Bands wie Rammstein und Die Ärzte wehren sich gegen den Zweitmarkt für Eintrittskarten, der wächst – und Besuchern überteuerte oder ungültige Karten andreht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.