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Übergewicht : Armut macht dick, unbeweglich und abhängig

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Jetzt gibt es erstmals umfassende Zahlen über die Gesundheit von Kindern: Das Robert-Koch-Institut hat für den sogenannten Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) zwischen 2003 und 2006 mehr als 17 600 Kinder untersucht und deren Eltern befragt - und die Ergebnisse gerade veröffentlicht.

Kinder aus dem Prekariat ernähren sich falsch

So lässt sich schon bei Kindern ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Übergewicht und sozialer Schicht feststellen. Unter den Jungen zwischen elf und 17 Jahren waren 12 Prozent der oberen sozialen Schicht übergewichtig, aber 22 Prozent der unteren Schicht. Bei den Mädchen war der Unterschied noch gravierender: Jedes vierte der unteren Schicht, aber „nur“ jedes zehnte der Oberschicht war zu dick. Die Kinder aus dem Prekariat ernähren sich falsch: zu fett, zu viel, zu beiläufig. Das gemeinsame Mittag- oder Abendessen in der Familie lernt der Nachwuchs häufig überhaupt nicht mehr kennen. Man isst stattdessen, wann immer man Hunger hat, und das, was gerade greifbar ist. Und das in der Kindheit erlernte Verhalten ändert sich im Alter nicht mehr.

Janßen hat die riskanten Verhaltensweisen in einem GRABE-Index zusammengefasst (die Todesassoziation ist beabsichtigt), ein Akronym aus den Begriffen Gewicht, Rauchen, Alkohol, Bewegung, Ernährung. Nur beim Alkohol seien statistisch alle gleich: „Die Menge des konsumierten Alkohols ist unabhängig von den sozialen Schichten - alle anderen Faktoren aber zeigen einen eindeutigen Zusammenhang zur sozialen Schicht“, sagt Janßen. Seine roten Warnlampen sind: ein Body-Mass-Index von über 27,3 (Frauen) und 27,8 (Männer); Raucher zu sein; wenn Frauen mehr als zwanzig Gramm Alkohol pro Tag und Männer mehr als vierzig Gramm konsumieren; weniger als eine Stunde Bewegung am Tag sowie ungesunde Ernährung mit wenig Obst und Gemüse.

Vorbilder anbieten

Und genau diese Faktoren machen krank, führen zu Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt. „70 bis 80 Prozent aller Todesfälle in den Industrienationen sind lebensstilbedingt, sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO)“, so Janßen. Und der Lebensstil wird schon in den ersten Lebensjahren von den Eltern kopiert.

Wer schon in den entscheidenden ersten Lebensjahren gegensteuern will, muss den Kindern zusätzliche Vorbilder anbieten. Thomas Lampert von der Gesundheitsberichterstattung des Robert-Koch-Instituts plädiert dafür, „vor allem Kindern aus sozial schwächeren Familien schon in den ersten Lebensjahren eine Unterbringung in der Kindertagesstätte anzubieten, so früh und so konsequent wie möglich“. Dann können sich schon die Kleinkinder auch an anderen Vorbildern orientieren. Sie können Erfolgserlebnisse in der Gruppe sammeln, soziale Beziehungen ausprobieren. Und sie können sich schon im Kindergarten an Sport gewöhnen.

Ganztagsschulen tun den Kindern gut

Aber die Früherziehung hört mit dem Kindergarten nicht auf: „Die höchste Zunahme an Übergewicht beobachten wir bei Kindern in der Phase des Übergangs zur Grundschule“, sagt Lampert. Deswegen plädiert er für ein umfassendes Angebot an Ganztagsschulen - um auch hier Einfluss zu nehmen, notfalls auch gegen das Vorbild der Eltern. So könnten Kinder die Begeisterung für Sport in eine unsportliche Familie tragen. Dazu seien vor allem Ganztagsschulen mit guter Betreuung geeignet. Aber nur 23 Prozent aller Grundschulen bieten sie. Und auch diese Zahlen sind geschönt, denn bereits eine siebenstündige Aufsicht an mindestens drei Tagen pro Woche wird von der Kultusministerkonferenz als „Ganztagsschulbetrieb“ anerkannt.

Wichtig wäre aber ein größeres Angebot von Ganztagsschulen, um Mütter zurück in ihren Beruf zu locken. Denn auch das tut Kindern offensichtlich gut. Kinder berufstätiger Mütter sind seltener psychisch auffällig, auch wenn sie aus Familien der unteren Einkommensschichten stammen. Die Ursache liegt vermutlich darin, dass diese Kinder fast immer in Kitas, Kindergärten oder Ganztagsschulen untergebracht sind und ihnen diese Betreuung guttut. Wahrscheinlich auch gesundheitlich. Wer möchte, dass seine Kinder ohne Krankheiten alt werden, muss schon Kleinkindern ein gesundes Leben beibringen. Oder beibringen lassen.

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