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Patienten in der Notaufnahme : Was zum Teufel wollen Sie denn hier?

  • -Aktualisiert am

Zu viele Zipperlein? Die Klinik-Ambulanzen haben immer mehr mit Notfällen zu tun, die nicht wirklich welche sind: Patienten in der Leipziger Notaufnahme. Bild: Daniel Pilar

Bei Fachärzten muss man oft ewig auf einen Termin warten. Notaufnahmen gelten auch deswegen als chronisch überlastet. Darf deshalb der, dem seit drei Wochen schwindelig ist, nicht kommen?

          Stellen wir uns für einen Moment vor, wir wären Ärzte und würden in einer Notaufnahme arbeiten. Zum Beispiel in der im Universitätsklinikum Leipzig, an einem Mittwoch, es ist kurz vor 15 Uhr. Drinnen sind alle Pritschen belegt, Betten stehen im Flur. Draußen im Wartebereich sind noch Stühle frei. Der Herr mit der Platzwunde am Kopf (an der Betonmischmaschine gestoßen) wartet seit anderthalb Stunden. Die Frau mit trockenem Blut an der Hand (mit dem Fahrrad gestürzt) ist länger da und fragt jetzt am Aufnahmeschalter, ob sie vielleicht schon aufgerufen worden sei und es verpasst habe. Hat sie nicht.

          Außerdem sind gekommen:

          Herr B. Er ist 67 Jahre alt und ihm ist seit drei Wochen schwindelig. Gegen Mittag ist er in die Notaufnahme gelaufen und hat gesagt: „Ich kann kaum noch laufen.“

          Frau D., 53, hat seit vier Tagen Bauchschmerzen und Angst, dass das von der Galle kommt.

          Und: Frau H., die 82 Jahre alt ist, seit zwei Jahren bei keinem Arzt mehr war und die sich heute Morgen plötzlich „schwach auf den Beinen“ gefühlt hat.

          Was würden wir tun? Um wen kümmern wir uns zuerst? Und bei wem denken wir, heimlich (und an noch stressigeren Tagen als heute vielleicht sogar laut): Was zum Teufel wollen Sie denn hier?

          Patienten häufiger aggressiv und gewalttätig

          Seit Jahren heißt es, die Notaufnahmen in Deutschland seien mit Bagatellfällen überlastet. Vor allem am Wochenende und unter der Woche immer dann, wenn die Arztpraxen geschlossen haben, also am Mittwoch- und am Freitagnachmittag. Von einem „Ansturm“ war da zum Beispiel kürzlich bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg wieder die Rede, der gefährlich sei, weil Patienten in Lebensgefahr so vielleicht zu lange warten müssten.

          Eine Studie im Auftrag des Verbands der Ersatzkassen hat im Herbst ergeben: Jahr für Jahr kommen zwischen vier und neun Prozent mehr Menschen in die Ambulanzen, rund 20 Millionen sind es demnach derzeit. Und der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, machte Anfang November die „absolute Überlastung“ der Notaufnahmen als Ursache dafür aus, dass Patienten häufiger aggressiv und gewalttätig würden im Krankenhaus.

          Erst mal Ruhe bewahren

          Bei André Gries ist an der richtigen Adresse, wer jetzt einmal kurz durchatmen will und sich fragen: Was ist da eigentlich los und warum? Gries ist Arzt und leitet die Notaufnahme am Uniklinikum in Leipzig. Er muss also wirklich darüber entscheiden, was mit Herrn B., Frau D. und Frau H. an diesem Mittwochnachmittag passieren soll und in welcher Reihenfolge. Er tut das so: Hand in der Kitteltasche, erst mal Ruhe bewahren. Auf Herrn B., dem seit drei Wochen schwindelig ist, wird Gries am Nachmittag in der Konferenz mit seinem Ärzte-Team aufmerksam. „Und zu einem niedergelassenen Neurologen wollte er wohl nicht?“, fragt Gries die Kollegin, die sich schon um Herrn B. gekümmert hat. „Na ja, er läuft schon wirklich schlecht, und er sieht auch schlecht“, antwortet die junge Ärztin. Gries zweifelt: „Seit drei Wochen, ja?“

          Herr B. liegt auf einer Pritsche, auf dem Monitor über seinem Kopf zeigt eine Kurve stetig an, dass sein Blutdruck etwas niedriger sein könnte.

          „Waren Sie denn schon bei Ihrem Arzt?“

          „Ich habe immer so einen Druck im Kopf, seit drei Wochen etwa, schwindelig ist mir, und dann war die Schwester da, die hat gesagt, dass das vielleicht was Ernstes ist“, erzählt Herr B.

          „Welche Schwester?“, fragt André Gries.

          „Na, die Gabriele“, antwortet Herr B.

          Gries sagt: „Die kenn ich doch nicht mit Namen, ist das Ihre Schwester?“

          „Ja, aus Brandenburg.“

          „Waren Sie denn schon bei Ihrem Arzt?“, will Gries jetzt wissen.

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