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Tumor-Tagebuch : "Ich werde niemals ein alter Mann sein"

  • -Aktualisiert am

Stolz darauf, am Leben zu sein: Ivan Noble Bild: Richard Friebe

Der Londoner Wissenschaftsjournalist Ivan Noble leidet an einem Hirntumor. Er führt darüber Tagebuch im Internet. Viel lieber würde er über Mars-Sonden oder Archäologie schreiben. Doch mit der Kolumne macht er sich und anderen Mut.

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          Streng vegetarisch wie noch vor ein paar Monaten lebt Ivan Noble nicht mehr. Sein Lieblings-Italiener ist fünf Taximinuten entfernt von seiner Wohnung im Nordosten Londons. Das Restaurant steht an einem der unzähligen Kreisverkehre. Dort gibt es Pizza mit dünn geschnittener Wurst, "günstig, gut belegt, mit ganz annehmbarem Boden - und schnell, genau das, was ich jetzt brauche".

          Noble schreibt eine Kolumne im Internet und hat jede Woche ungefähr 100000 Leser. "Ziemlich seltsam" nennt der Wissenschaftsjournalist bei BBC News Online diesen "Job". Das Thema, das sich durch jede Folge zieht, interessiert ihn eigentlich nicht. Er würde lieber über Raketentechnologie, die Mars-Sonden, auch Genetik oder Archäologie schreiben. Nicht über seinen eigenen "blöden Krebs".

          Nachts kamen die Kopfschmerzen

          Ivan Noble hat Deutsch studiert, bekam vor der Wende einen Job beim Fremdsprachendienst der DDR in Berlin und überquerte am Abend des 9. November 1989 mit seinem Motorrad die Grenze - was er mit seinem britischen Paß vorher schon unzählige Male getan hatte. Danach ging er zur BBC und landete dort schließlich in der Wissenschaftsredaktion. Im August 2002 war er von einer Reportage-Reise aus dem Senegal zurückgekommen und litt vor allem nachts unter schrecklichen Kopfschmerzen. Auch die Ärzte glaubten zunächst an irgendeine tropische Infektion. Eine Computertomographie und eine Gewebe-Entnahme führten zu einer anderen Diagnose: Ein Tumor mit dem wissenschaftlichen Namen Glioblastoma multiforme links hinten im Sehzentrum des Großhirns.

          "Ich weiß gar nicht mehr, warum ich mich entschieden habe, diese Kolumne wöchentlich zu schreiben", sagt er heute. "Das war im August 2002, das ist eine Ewigkeit her - für mich. Es gab vor mir andere Journalisten, die Krebs hatten, darüber schrieben - und daran starben. Ich dachte nicht, daß das, was ich schreiben könnte, besser wäre. Es war eine Art Ur-Instinkt. Man will etwas tun, aber wenn man diese Diagnose bekommt, ist da nicht mehr viel, was man tun kann. Ich habe eben gemacht, was mein Job ist. Schreiben.“

          Seine Therapien, seine Operationen, sein Alltag

          Anfangs, sagt er, habe er nur Dramatik gespürt. Etwas "unendlich Wichtiges" passierte, das er mit journalistischen Mitteln dokumentieren mußte. In seinem "Tumor Diary" berichtet der 36jährige seither über sein Leben mit der Krankheit, Strahlentherapien, Operationen, Hirnscans im Tomographen, Hoffnungen, Enttäuschungen, und vorsichtig auch über seinen Alltag mit Frau und Tochter. "Am einfachsten ist die Kolumne ironischerweise zu schreiben, wenn mir gerade etwas wirklich Schlimmes passiert ist, wenn es schlechte Nachrichten gibt", sagt Noble.

          Er liebt schwarzen Humor und streut gelegentlich Aussagen ein wie: "Ich brauch' eine weitere Hirn-OP sosehr wie ein Loch im Kopf." Das schönste Kompliment, das ihm jemals zu seinem Projekt gemacht wurde, kam von einem Kollegen, der es eine Art Fortsetzungsroman mit "Seifenoper-Qualitäten" nannte.

          „Ich würd's nicht lesen“

          Er wundert sich noch immer, "daß das überhaupt jemand liest. Ich würd's nicht lesen." Von der ersten Folge an bekam er Mails aus aller Herren Länder. Leser sprechen ihm nicht nur, wie man erwarten würde, Mut zu. "Ich hatte das ja aus egoistischen Gründen angefangen. Jetzt schreiben mir Leute, die selber schwer krank sind oder jemand Krankem nahestehen, daß meine Zeilen ihnen helfen, daß ich ihnen ein bißchen von ihrer Angst nehme. Ich dachte nie, daß ich so was tun kann. Wenn es mir manchmal schwerfällt, weiterzumachen, sind das die Leute, an die ich denke." Es ist das einzige Mal an diesem Nachmittag, daß Ivan Noble Tränen in die Augen steigen.

          Er war nie stolz auf das "Zeug", das er schrieb. "Ich hab' einfach weitergemacht, es hielt mich mit meinem alten Leben in Kontakt, mit der Arbeit, die ich liebte, mit den Leuten in der Redaktion", sagt er beim dritten Cafe latte. Er trinkt viel Kaffee, weil die Chemotherapie ihn müde macht. Er hält sich nicht mehr streng an die fleischfreie Diät, auf die er umgestiegen war. Er hat viel Hunger, ausgelöst durch die Steroid-Hormone, die er zusätzlich einnehmen muß. "Ich esse jetzt, was immer ich will, natürlich vor allem gesunde Sachen, aber ich lasse das, was schmeckt, dafür nicht weg. Es ist wichtig, Spaß zu haben. Und ich versuche, meine Zeit zu genießen, so gut ich kann, auch wenn gerade in letzter Zeit ziemlich viel passiert ist, das mir große Angst macht."

          Bestenfalls eine Weile aufzuhalten

          Nachdem die erste Strahlentherapie erfolgreich gewesen und der Tumor geschrumpft war, hatte Ivan Noble in der Hoffnung zumindest auf eine lange Remission sogar aufgehört, die Kolumne zu schreiben. Im Herbst letzten Jahres kamen die Beschwerden wieder. Ein Ödem hatte sich um den Tumor gebildet, der wieder zu wachsen begonnen hatte. Seither hat er zwei Hirnoperationen hinter sich, die den Tumor nur verkleinern konnten. Auch die derzeitige Chemotherapie wird ihn bestenfalls eine Weile aufhalten.

          Sein Umgang mit der Krankheit hat sich geändert. Am Anfang hatte er im Internet unter dem Stichwort "Glioblastom" gesucht. Er fand Informationen über einen der häufigsten Hirntumoren, unter Männern etwas verbreiteter als unter Frauen, sehr aggressiv und auch mit Bestrahlung und Chemotherapie nur bedingt behandelbar.

          In Deutschland jährlich 4000 Erkrankte

          In Deutschland etwa erkranken pro Jahr mehr als 4000 Menschen daran. Die Statistiken erschraken ihn so sehr, daß er sich entschied, sich nicht weiter zu informieren. "Wenn du was Schlimmes hast, willst du wissen, was für dich getan werden kann. Du willst niemanden, der dir sagt: Das wird dich umbringen."

          In seiner Kolumne benannte er den Tumor lange Zeit nicht, auch, um anderen in einer ähnlichen Lage nicht noch mehr Angst zu machen. "Ich hätte wohl mutiger sein müssen. Statistiken sagen nicht viel. Die durchschnittliche Überlebensdauer nach meiner Diagnose ist neun Monate. Ich habe es schon doppelt so lange geschafft und sitze hier und esse Käsekuchen." Der ist gerade zusammen mit dem vierten Kaffee gekommen. "Es gefällt mir, anderen das zu zeigen. Man kann wie ich so ziemlich das Schlimmste haben und trotzdem weitermachen."

          Gewandelt hat sich auch sein Tagebuch. Er schreibt es nicht mehr für sich, sondern eigentlich nur noch für die, die es von ihm erwarten. Seine Arbeit wurde im März im Parlament gewürdigt, weil sie Betroffenen Angst nehme und zeige, wie ein "Leben mit einer schweren Krankheit möglich ist".

          „Man klaut sich mit Glück zusätzliche Monate“

          Lange Zeit hatte Ivan Noble von Heilung oder zumindest einem noch in Jahren zu zählenden Leben geschrieben, von Forschern, auf die er hoffte. "Ich weiß, daß ich um Zeit kämpfe", schreibt er jetzt. "Man macht, was man kann, man klaut sich mit Glück zusätzliche Monate, Wochen. Ich weiß, daß ich, wenn kein Wunder geschieht, niemals ein alter Mann sein werde, und ich akzeptiere das jetzt auch", sagt er.
          Zusammen mit seiner Frau, einer deutschen Krebsforscherin (noch eine Ironie, sagt Ivan Noble), hat er nach neuen, experimentellen Behandlungsmöglichkeiten gesucht. Die gibt es.

          Die meisten basieren darauf, tumorschädigende Substanzen gezielt in das kranke Gewebe zu bringen und dort zu verankern, ohne gesunde Hirnzellen zu stark zu beeinträchtigen. Auch an der Berliner Charite wird derzeit eine solche Methode erprobt. "Ich könnte zwar an so etwas teilnehmen", sagt er, "aber das steckt alles dermaßen in den Kinderschuhen, daß es extrem unwahrscheinlich ist, daß es mir helfen könnte. Ich würde durch die Teilnahme an so einem Experiment höchstens, und auch nur vielleicht, zukünftigen Patienten helfen." Soweit ist er noch nicht. Er macht jetzt, was in der Nähe von zu Hause aus möglich ist, versucht, seine "Zeit mit Sinn und Spaß zu füllen".

          Ivan Noble will in seiner Kolumne demnächst übers Rauchen schreiben. "Stell dir vor", sagt er, "wenn du drei Leute vom Rauchen abbringst, rettest du ein Leben. Das ist doch was." Dann lacht er. Ivan Noble lacht ziemlich viel.

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