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Tuberkulose : Bakterien rüsten auf

Diagnostik: Röntgenbild von der Lunge eines Tuberkulose-Erkrankten. Bild: Your_Photo_Today

Tuberkulose galt bei uns lange als besiegte Krankheit, nun schlagen Experten Alarm: Die Erkrankung tritt wieder häufiger auf. Besondere Risikofaktoren sind Armut und Obdachlosigkeit.

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          In Deutschland sind im Jahr 2012 rund 4220 Menschen an Tuberkulose erkrankt. 146 Menschen sind an der Infektionskrankheit gestorben. Angesichts der 80 Millionen Einwohner, die die Bundesrepublik aufzuweisen hat, nicht besorgniserregend viele, denkt sich zumindest der Laie beim Blick auf diese Zahlen, die das Robert-Koch-Institut (RKI), der Hüter über die Infektionskrankheiten in Deutschland, Anfang dieser Woche veröffentlicht hat.

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber die Schlagzeilen, die diesem Bericht folgten, lassen doch aufhorchen: „Ärzte warnen vor Tuberkulose-Gefahr“, „Experten besorgt über Tuberkulose-Entwicklung“, heißt es da. Und tatsächlich, der Blick auf die Statistiken zeigt: Seit rund vier Jahren geht die Zahl der Tuberkulose-Fälle in Deutschland nicht mehr zurück. Bis 2008 hingegen waren die Neuerkrankungen in jedem Jahr kontinuierlich und deutlich weniger geworden, nach rund 7800 Fällen im Jahr 2001 waren es etwa 450o im Jahr 2008.

          Danach nähern sich die Zahlen einem Plateau. Auf der Internetseite „SurvStat@RKI“, wo die Meldedaten des Robert-Koch-Instituts zu finden sind, kann man schon die Tuberkulose-Zahlen für das Jahr 2013 sehen, wenn auch noch nicht im Detail ausgewertet. Für das vergangene Jahr steht dort vorläufig die Zahl 4307, ein Zuwachs gegenüber dem Vorjahr um knapp 100. Der Trend bleibt also bestehen, die Tuberkulose-Fälle in Deutschland steigen eher, als dass sie fallen.

          Risikofaktor Gemeinschaftsunterkunft

          Zwar leben 85 Prozent der weltweit Neuerkrankten in Afrika, Südostasien und der westlichen Pazifikregion, aber für die Infektionskrankheit gibt es auch in unseren Breiten keine Entwarnung, stellen Experten klar. Und die von Bakterien übertragene Krankheit ist bedrohlich: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation erkranken jährlich fast neun Millionen Menschen daran, und etwa 1,4 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an ihren Folgen. Damit ist die Tuberkulose heute noch diejenige behandelbare bakterielle Infektionskrankheit, die am häufigsten zum Tod führt.

          Aber was genau ist nun dran an den „Warnungen der Ärzte“ und den „Sorgen der Experten“? Wie wahrscheinlich ist es, sich in Deutschland mit dem Erreger der Tuberkulose zu infizieren und zu erkranken? Anruf in Berlin beim Robert-Koch-Institut. „Schwierig zu sagen“, meint Susanne Glasmacher vom RKI. „Das Risiko in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland ist gering, aber es lässt sich nicht quantifizieren. Bei bestimmten Gruppen aber ist das Risiko deutlich erhöht.“

          Markrophage verschlingt Tuberkulose-Impfstoff: Die Bacille-Calmette-Guérin-Impfung (kurz: BCG) besteht aus lebenden, abgeschwächten Mykobakterien, speziell aus Mycobacterium bovis.
          Markrophage verschlingt Tuberkulose-Impfstoff: Die Bacille-Calmette-Guérin-Impfung (kurz: BCG) besteht aus lebenden, abgeschwächten Mykobakterien, speziell aus Mycobacterium bovis. : Bild: SPL / Agentur Focus

          Zu diesen Risikogruppen gehören beispielsweise Häftlinge in Justizvollzugsanstalten. Je nach Datengrundlage zeigt sich bei ihnen ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung mindestens zehnfach höheres Risiko, an einer Tuberkulose zu erkranken. Ein weiterer „Hot Spot“ für Tuberkulose-Erkrankungen, wie mancher Experte sich ausdrückt, sind Gemeinschaftsunterkünfte wie Asylbewerberheime oder Flüchtlingsquartiere; zu den Risikofaktoren, an Tuberkulose zu erkranken, zählen Obdachlosigkeit und Armut.

          Aufklärung in 22 Fremdsprachen

          Deutschland steht somit aktuell vor allem vor der Aufgabe, spezielle Bevölkerungsgruppen mit der Tuberkuloseprävention und Versorgung zu erreichen. Dazu zählen auch Migranten. Der Bericht des RKI zeigt nämlich: Jeder zweite Tuberkulose-Patient in Deutschland ist im Ausland geboren. Die meisten von ihnen kommen aus der Türkei, Rumänien und Russland. Dabei handelt es sich nicht nur um Menschen, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind. Auch viele Jahre nach der Einwanderung kann die Tuberkulose ausbrechen, in den meisten Fällen als Folge einer früher im Heimatland erworbenen Infektion.

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