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Tote durch gepanschten Alkohol : Gefrierschutzmittel im Sliwowitz

  • -Aktualisiert am

Nur noch Bier und Wein: Da in Prager Kneipen Spirituosen derzeit nicht verkauft werden dürfen, verhängen die Bartender die Flaschen. Bild: REUTERS

In der Tschechischen Republik sind in den vergangenen Tagen mehr als 20 Menschen gestorben, weil sie gepanschten Alkohol getrunken hatten. Die Regierung hat ein Verkaufsverbot für Spirituosen erlassen. Auch in Nachbarländern wird vor tschechischem Schnaps gewarnt.

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          Der Methanol-Skandal in der Tschechischen Republik weitet sich aus und bedroht auch benachbarte Länder. Die tschechische Regierung hat den Verkauf von Getränken mit einem Alkoholgehalt von mehr als 20 Prozent inzwischen auf unbefristete Zeit untersagt. In Polen gilt seit Sonntag ein Einfuhrverbot für tschechische Spirituosen. Am Wochenende wurden erste Vergiftungsfälle in der Slowakei bekannt. In Sachsen warnte das Gesundheitsministerium vor dem Konsum nicht gekennzeichneter alkoholischer Getränke, deren Herkunft unbekannt ist.

          Seit dem 6. September sind in der Tschechischen Republik mehr als 20 Personen an den Folgen einer Methanol-Vergiftung gestorben, 38 werden in Krankenhäusern behandelt. Einige von ihnen sind erblindet. Am stärksten betroffen ist die mährisch-schlesische Grenzregion zu Polen um die Industriestadt Ostrava (Mährisch-Ostrau), wo es bisher elf Tote gab. Weitere Vergiftungsfälle wurden in Südmähren, in Mittelböhmen und in Prag registriert.

          Für eine Familienfeier im ostslowakischen Kapušany hatte ein Mann aus Prešov über das Internet aus der Tschechischen Republik zehn Liter hausgebrannten und in nicht gekennzeichneten Plastikflaschen abgefüllten Pflaumenschnaps (Sliwowitz) bestellt. Acht der 17 Teilnehmer an der Feier mussten ins Krankenhaus, bei vier von ihnen wurde eine Methanol-Vergiftung diagnostiziert. Da der Methanol-Gehalt relativ gering war, dürften sie nach dem Urteil der Ärzte keine bleibenden Schäden erlitten haben.

          Woher der gepanschte Alkohol kommt, ist noch immer unklar

          In einem Spital in Mährisch-Ostrau starb eine Frau, die am Donnerstagabend gepantschten Inländerrum getrunken hatte. Ihr Mann und ihre Mutter überlebten, weil sie noch eine Flasche hochprozentigen, nicht gepanschten Alkohol tranken. Die Verabreichung von Alkohol ist das wirkungsvollste Mittel bei Methanol-Vergiftungen. Andere Patienten, die in den Spitälern behandelt werden, gaben an, Whisky, Wodka oder Branntwein getrunken zu haben. Die Spirituosen wurden auf Straßenmärkten, in Getränkeshops und in Supermärkten verkauft. Einige Flaschen sollen sogar den regulären Stempel des Finanzamtes getragen haben.

          Noch immer ist unklar, wie und von wem der gepanschte Alkohol in Umlauf gebracht wurde, und ob es nur eine oder mehrere Quellen gibt. Die Polizei hat 23 Personen festgenommen, die unter dem Verdacht stehen, illegal hergestellten und mit Methanol versetzten Alkohol verkauft zu haben. Am Montag berichtete die Prager Zeitung „Lidové noviny“ unter Berufung auf polizeiliche Ermittlungen, die Spirituosen könnten durch den Zusatz eines in Polen hergestellten Gefrierschutzmittels gestreckt worden sein.

          Nach einem Bericht der Zeitung ist die Verwendung von Methanol an Stelle des zuvor üblichen, aber viel teureren Ethanols (Alkohols) in Gefrierschutzmitteln seit zwei Jahren in der Europäischen Union erlaubt. In Polen gingen die meisten Methanol-Vergiftungen seither auf den Genuss von Reinigungsflüssigkeiten für Windschutzscheiben zurück, denen Gefrierschutzmittel beigemengt waren. 2011 soll es in Polen 77 Fälle von Methanol-Vergiftungen gegeben haben, 22 endeten tödlich. Der Sprecher des polnischen Polizeipräsidenten dementierte den Bericht. Nichts deute darauf hin, dass sich die Quelle des vergifteten Alkohols in Polen befinde. Es könne vielmehr nicht ausgeschlossen werden, dass tschechischer Fusel nach Polen gelangt sei.

          Nach unterschiedlichen Angaben werden zehn bis 25 Prozent des in der Tschechischen Republik konsumierten Alkohols illegal hergestellt und vertrieben, was auch auf die hohe Besteuerung zurückgeführt wird. Dadurch entgehen dem Staat jährlich mindestens 67 Millionen Euro.

          Deutsche Jugendliche trinken etwas weniger Alkohol

          In Deutschland betrinkt sich jeder siebte Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 17Jahren einmal im Monat schwer. Das ist zwar weniger als vor vier Jahren, damals war es noch jeder Fünfte, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung am Montag in Berlin berichtete. Damit beteiligten sich aber immer noch 700.000 junge Menschen am sogenannten Komasaufen, sagte die Direktorin der Bundeszentrale, Elisabeth Pott. Besonders Jungen seien gefährdet. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte, die Erfolge der Aufklärungskampagnen der vergangenen Jahre, von der privaten Krankenversicherung unterstützt, dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass etwa im Jahr 2010 an die 26000 junge Menschen unter 20Jahren wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt werden mussten. Riskanter Alkoholkonsum gehe durch alle Schichten. Deutschland sei immer noch ein Alkohol-„Hochkonsumland“, sagte Pott. Knapp ein Drittel der Kinder und Jugendlichen trinke einmal in der Woche Alkohol, bei den Achtzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen seien es gut 80 Prozent. (ami)

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