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Tödliche Infektion : Ein Kampf um jede Stunde

Oftmals dauert die Diagnostik im Krankenhaus im Falle einer Sepsis zu lange – was zum Tod des Patienten führen kann. (Symbolbild) Bild: dpa

An einer Sepsis sterben jedes Jahr zehntausende Menschen. Fachleute kritisieren, dass es in Deutschland noch keine nationale Strategie gibt, um mehr Menschen retten zu können.

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          Es geht sofort um alles oder nichts, wenn bei einer Sepsis Bakterien über die Blutbahn eines Menschen ihren rasend schnellen Vernichtungszug von Organ zu Organ beginnen. Eine einzige Stunde kann dann über Leben und Tod entscheiden, im Stundentakt erhöht sich die Sterblichkeit, wenn nicht damit begonnen wird, mit einem – am besten erregerspezifischen – Antibiotikum die tödlichen Keime zu bekämpfen. Zeit ist das, was ein Sepsis-Patient am allerwenigsten hat.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Diese Erkenntnis hat den Intensivmediziner Matthias Gründling, der am Universitätsklinikum Greifswald das Projekt „Sepsisdialog“ leitet, vor drei Jahren dazu bewogen, für seine Sepsis-Patienten Zeit zu kaufen. Er schaltete einfach bei der Diagnose einige Faktoren aus, die Zeit kosten, zum Beispiel lange Transportwege für Blutkulturen zum Labor. Und die Öffnungszeiten der Labore. Denn wird im Labor in einer Blutkultur eine Infektion nachgewiesen, piepen die Geräte zwar sofort. Doch was, wenn es nachts um 23 Uhr piept? Oder am Wochenende? An Weihnachten?

          Dann können Stunden vergehen, bis überhaupt mit der Suche nach dem Erreger begonnen wird. Stunden, die kein Sepsis-Patient erübrigen kann. Der erhält zwar im besten Falle schon ein Breitband-Antibiotikum – das aber nicht unbedingt wirkt. Je spezifischer das Antibiotikum, umso besser sind die Überlebenschancen des Patienten. Und umso eher beugt man auch Resistenzen gegen Antibiotika vor. Denn der Kampf gegen Resistenzen ist eine Herausforderung für die ganze Welt: Vielversprechende neue Antibiotika sind kaum in Sicht, zahlreiche Pharma-Unternehmen haben, wie aus einem Bericht des NDR vom Donnerstag hervorgeht, inzwischen die wenig lukrative Forschung nach neuen Antibiotika eingestellt.

          Spezielle „Handy-Alarmbereitschaft“ für Ärzte

          In Greifswald wurde der Schrank mit den Blutkulturen auf die Intensivstation gestellt. Fingen die Geräte an zu piepen, bekamen das Ärzte und Pfleger mit – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Sie konnten dann sofort einen Schnelltest für den Erregernachweis beginnen. Der Erreger steht nach ein bis zwei Stunden fest. Dann dauert es noch einmal etwa sechs Stunden, bis das „Antibiogramm“ bestimmt ist, also das spezifische Antibiotikum, das genau diese Bakterien töten kann. Je eher mit der Diagnostik begonnen wird, umso eher bleibt der Patient am Leben. Durch die 24-Stunden-Alarmbereitschaft in Greifswald, die Teil einer Studie war, stand das passgenaue Antibiotikum meist einen Tag schneller fest, als es sonst in deutschen Krankenhäusern der Fall ist.

          Im Wettlauf gegen die Zeit: Intensivmediziner Matthias Gründling
          Im Wettlauf gegen die Zeit: Intensivmediziner Matthias Gründling : Bild: privat

          Inzwischen steht der Schrank mit den Blutkulturen wieder im Zentrallabor. In Kürze wird es im Greifswalder Uniklinikum einen 24-Stunden-Bereitschaftsdienst geben: Wenn es piept, wird sofort über ein Signal auf dem Handy ein Arzt benachrichtigt. Die Techniker-Krankenkasse fördert den Alarmdienst finanziell, als Teil eines Projekts im Rahmen eines „Exzellenz-Zentrums für Patientensicherheit“. Wenn auch diese „Handy-Alarmbereitschaft“ in der Diagnostik Zeit spart, soll es in Greifswald in die klinische Routine überführt werden. „Wir wären dann das erste Krankenhaus in Deutschland mit einer so schnellen Blutkultur-Diagnostik“, sagt Matthias Gründling.

          Die Diagnostik so nah wie möglich an den Patienten zu bringen, ist ein wesentlicher Pfeiler des Greifswalder „Sepsisdialogs“, eines umfassenden Konzepts im Kampf gegen die tödliche Krankheit. Eine Sepsis, an der jedes Jahr in Deutschland etwa 70.000 bis 90.000 Menschen sterben, kann jeden – aus dem Nichts – treffen: Babys, Kinder, Erwachsene, arme und reiche, schwerkranke und völlig gesunde Menschen. Manchmal genügt ein Insektenstich oder eine kleine Schnittwunde beim Zwiebelschneiden, um eine tödliche Infektion in Gang zu setzen. Manchmal ist ein Harnwegsinfekt, eine Grippe oder eine an sich harmlose Blinddarmoperation das Einfallstor für Bakterien. Und zwar nicht nur für „Killer-Keime“, sondern für diejenigen, die uns ständig in Hülle und Fülle, meist in friedlicher Koexistenz, umgeben – wie den Hautkeim staphylococcus aureus.

          Um die Früherkennung und die Behandlung der Sepsis-Patienten weiter zu verbessern, gibt es im Greifswalder Projekt zudem die erste und bislang wohl einzige „Sepsis-Schwester“ Deutschlands: Intensivkrankenschwester Manuela Gerber kümmert sich seit zehn Jahren darum, retrospektiv alle Sepsisfälle zu erfassen, um anhand der Daten die Qualität der Behandlung zu erfassen: Wie schnell wurde die Sepsis erkannt? Wurde eine Blutkultur angelegt? Wann wurde welches Antibiotikum gegeben? Zudem organisiert die Sepsis-Schwester die Weiterbildung. Denn unter Ärzten und Pflegekräften gebe es „zum Teil große Wissensdefizite“, sagt Matthias Gründling. Das Team klärt deshalb seit Jahren alle Stationen darüber auf, welche Symptome bei den Patienten auf eine Sepsis deuten könnten: Verwirrtheit, Fieber oder Untertemperatur, eine erhöhte Atem- und Herzfrequenz sowie eine Erhöhung der weißen Blutkörperchen. Eigens entworfene „Kitteltaschenkarten“ sollen das Wissen stets verfügbar halten.

          Doch auch die Angehörigen der Patienten müssen für die Sepsis-Symptome sensibilisiert werden, die so unspezifisch wie tückisch sind: Betritt man die Uniklinik in Greifswald, kommt man an den großflächigen Postern, auf der die Symptome aufgelistet werden, nicht vorbei. In großen Buchstaben steht dort die Frage, die der Besucher sich stellen sollte, der vielleicht seinen gestern noch gut aufgelegten Vater, der wegen einer unspektakulären Knie-OP im Krankenhaus ist, plötzlich fiebrig und verwirrt vorfindet: „Könnte es eine Sepsis sein?“

          Denn ein Bewusstsein für die Gefährlichkeit der Krankheit ist in der Bevölkerung kaum ausgeprägt. Wie sollte es auch: Blickt man auf die Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, erfährt man dort vieles über Kopfläuse und Syphilis – und nichts über Sepsis. Dabei nehmen rund 80 Prozent der Sepsisfälle außerhalb der Krankenhäuser ihren Ursprung. Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 200.000 bis 300.000 Menschen daran.

          Andere Länder weisen eine geringere Sepsis-Sterberate vor

          Seitdem in Greifswald Gründling und sein Team das Qualitätsmanagement des „Sepsisdialogs“ eingeführt haben, konnten nach den Angaben rund 500 Menschen gerettet werden. Die Sepsis-Sterblichkeit sank im Greifswalder Krankenhaus auf 35 Prozent. Sie liegt damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von rund 42 Prozent – was nach Einschätzung von Experten viel zu hoch ist.

          Anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am Freitag und des ersten Welttags der Patientensicherheit am Dienstag verweist die Sepsis-Stiftung abermals auf Länder, in denen weit weniger Menschen im Krankenhaus an einer Sepsis sterben: auf Australien mit einer Sterblichkeitsrate von 18 Prozent, die Vereinigten Staaten mit 24 Prozent oder Großbritannien mit 32 Prozent.

          Was machen diese Länder anders? „Sie haben einen nationalen Sepsis-Plan, der verpflichtende Qualitätsstandards vorschreibt“, sagt Konrad Reinhart, Vorsitzender der am Universitätsklinikum Jena angesiedelten Sepsis-Stiftung. Diese nationale Strategie, die Vorbeugung durch Impfungen, Hygienevorkehrungen sowie eine flächendeckende Früherkennung umfasst, fordert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit 2017. Denn laut WHO kann die Mehrheit der jährlich fünf Millionen Sepsis-Todesfälle auf der Welt vermieden werden – in Deutschland sind nach Schätzungen 20.000 Todesfälle jedes Jahr vermeidbar. Von den Kosten ganz abgesehen: Nach Angaben der Sepsis-Stiftung verursacht die Behandlung der Krankheit jedes Jahr etwa Kosten in Höhe von neun Milliarden Euro.

          Doch bislang gibt es in Deutschland immer noch keine nationale Strategie zur Bekämpfung der Krankheit. „Eigentlich hatten die Gesundheitsminister die Entwicklung eines solchen Konzepts 2018 verlangt. Aber nichts ist passiert bislang“, kritisiert Konrad Reinhart. Schuld daran sei ein „Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern“. Erschwert wird die Etablierung von nationalen Standards seiner Meinung nach zudem durch eine deutsche Besonderheit: den Unwillen einer zu oft „in Statusdenken verharrenden Ärzteschaft“, sich Qualitätsleitlinien zu unterwerfen, die national und international gelten.

          „Die primäre Verantwortung für Patientensicherheit und Qualitätssicherung liegt in Deutschland bei den Ärzten und Krankenhäusern. Doch wie diese Verantwortung in der Praxis aussieht, wird, von Ausnahmen abgesehen, völlig unzureichend überprüft“, sagt Reinhart. Es sei ungefähr so, als überließe man die Flugsicherheit nur den Piloten und Fluggesellschaften. Allein die viel zu hohe Zahl der Sepsis-Toten sei ein Beweis für die Missstände. „Es ist grotesk, wenn Politiker und Ärztefunktionäre immer davon reden, Deutschland hätte das beste Gesundheitssystem der Welt.“

          Begonnen werden muss nach seiner Einschätzung so schnell wie möglich mit einer systematischen Aufklärung: „Vom Rettungsassistenten über den Chefarzt bis zum Pfleger muss jeder über die Symptome Bescheid wissen, damit ein potentieller Sepsis-Patient als das behandelt wird, was er ist: ein Notfall. Das sollte auch jeder Bürger wissen.“ Hier sieht Reinhart vor allem die Bundeszentrale für gesundheitliche Bildung mit ihrem millionenschweren Budget in der Pflicht. Andere Länder machten es mit ihren nationalen Konzepten erfolgreich vor, wie man die heimtückische Krankheit am besten bekämpfen sollte. Nicht nur Industrienationen. „Selbst der Sudan hat eine umfassende Strategie entwickelt. Die haben uns einiges voraus.“

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