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Tödliche Infektion : Ein Kampf um jede Stunde

Anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am Freitag und des ersten Welttags der Patientensicherheit am Dienstag verweist die Sepsis-Stiftung abermals auf Länder, in denen weit weniger Menschen im Krankenhaus an einer Sepsis sterben: auf Australien mit einer Sterblichkeitsrate von 18 Prozent, die Vereinigten Staaten mit 24 Prozent oder Großbritannien mit 32 Prozent.

Was machen diese Länder anders? „Sie haben einen nationalen Sepsis-Plan, der verpflichtende Qualitätsstandards vorschreibt“, sagt Konrad Reinhart, Vorsitzender der am Universitätsklinikum Jena angesiedelten Sepsis-Stiftung. Diese nationale Strategie, die Vorbeugung durch Impfungen, Hygienevorkehrungen sowie eine flächendeckende Früherkennung umfasst, fordert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit 2017. Denn laut WHO kann die Mehrheit der jährlich fünf Millionen Sepsis-Todesfälle auf der Welt vermieden werden – in Deutschland sind nach Schätzungen 20.000 Todesfälle jedes Jahr vermeidbar. Von den Kosten ganz abgesehen: Nach Angaben der Sepsis-Stiftung verursacht die Behandlung der Krankheit jedes Jahr etwa Kosten in Höhe von neun Milliarden Euro.

Doch bislang gibt es in Deutschland immer noch keine nationale Strategie zur Bekämpfung der Krankheit. „Eigentlich hatten die Gesundheitsminister die Entwicklung eines solchen Konzepts 2018 verlangt. Aber nichts ist passiert bislang“, kritisiert Konrad Reinhart. Schuld daran sei ein „Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern“. Erschwert wird die Etablierung von nationalen Standards seiner Meinung nach zudem durch eine deutsche Besonderheit: den Unwillen einer zu oft „in Statusdenken verharrenden Ärzteschaft“, sich Qualitätsleitlinien zu unterwerfen, die national und international gelten.

„Die primäre Verantwortung für Patientensicherheit und Qualitätssicherung liegt in Deutschland bei den Ärzten und Krankenhäusern. Doch wie diese Verantwortung in der Praxis aussieht, wird, von Ausnahmen abgesehen, völlig unzureichend überprüft“, sagt Reinhart. Es sei ungefähr so, als überließe man die Flugsicherheit nur den Piloten und Fluggesellschaften. Allein die viel zu hohe Zahl der Sepsis-Toten sei ein Beweis für die Missstände. „Es ist grotesk, wenn Politiker und Ärztefunktionäre immer davon reden, Deutschland hätte das beste Gesundheitssystem der Welt.“

Begonnen werden muss nach seiner Einschätzung so schnell wie möglich mit einer systematischen Aufklärung: „Vom Rettungsassistenten über den Chefarzt bis zum Pfleger muss jeder über die Symptome Bescheid wissen, damit ein potentieller Sepsis-Patient als das behandelt wird, was er ist: ein Notfall. Das sollte auch jeder Bürger wissen.“ Hier sieht Reinhart vor allem die Bundeszentrale für gesundheitliche Bildung mit ihrem millionenschweren Budget in der Pflicht. Andere Länder machten es mit ihren nationalen Konzepten erfolgreich vor, wie man die heimtückische Krankheit am besten bekämpfen sollte. Nicht nur Industrienationen. „Selbst der Sudan hat eine umfassende Strategie entwickelt. Die haben uns einiges voraus.“

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