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Tödliche Infektion : Ein Kampf um jede Stunde

Die Diagnostik so nah wie möglich an den Patienten zu bringen, ist ein wesentlicher Pfeiler des Greifswalder „Sepsisdialogs“, eines umfassenden Konzepts im Kampf gegen die tödliche Krankheit. Eine Sepsis, an der jedes Jahr in Deutschland etwa 70.000 bis 90.000 Menschen sterben, kann jeden – aus dem Nichts – treffen: Babys, Kinder, Erwachsene, arme und reiche, schwerkranke und völlig gesunde Menschen. Manchmal genügt ein Insektenstich oder eine kleine Schnittwunde beim Zwiebelschneiden, um eine tödliche Infektion in Gang zu setzen. Manchmal ist ein Harnwegsinfekt, eine Grippe oder eine an sich harmlose Blinddarmoperation das Einfallstor für Bakterien. Und zwar nicht nur für „Killer-Keime“, sondern für diejenigen, die uns ständig in Hülle und Fülle, meist in friedlicher Koexistenz, umgeben – wie den Hautkeim staphylococcus aureus.

Um die Früherkennung und die Behandlung der Sepsis-Patienten weiter zu verbessern, gibt es im Greifswalder Projekt zudem die erste und bislang wohl einzige „Sepsis-Schwester“ Deutschlands: Intensivkrankenschwester Manuela Gerber kümmert sich seit zehn Jahren darum, retrospektiv alle Sepsisfälle zu erfassen, um anhand der Daten die Qualität der Behandlung zu erfassen: Wie schnell wurde die Sepsis erkannt? Wurde eine Blutkultur angelegt? Wann wurde welches Antibiotikum gegeben? Zudem organisiert die Sepsis-Schwester die Weiterbildung. Denn unter Ärzten und Pflegekräften gebe es „zum Teil große Wissensdefizite“, sagt Matthias Gründling. Das Team klärt deshalb seit Jahren alle Stationen darüber auf, welche Symptome bei den Patienten auf eine Sepsis deuten könnten: Verwirrtheit, Fieber oder Untertemperatur, eine erhöhte Atem- und Herzfrequenz sowie eine Erhöhung der weißen Blutkörperchen. Eigens entworfene „Kitteltaschenkarten“ sollen das Wissen stets verfügbar halten.

Doch auch die Angehörigen der Patienten müssen für die Sepsis-Symptome sensibilisiert werden, die so unspezifisch wie tückisch sind: Betritt man die Uniklinik in Greifswald, kommt man an den großflächigen Postern, auf der die Symptome aufgelistet werden, nicht vorbei. In großen Buchstaben steht dort die Frage, die der Besucher sich stellen sollte, der vielleicht seinen gestern noch gut aufgelegten Vater, der wegen einer unspektakulären Knie-OP im Krankenhaus ist, plötzlich fiebrig und verwirrt vorfindet: „Könnte es eine Sepsis sein?“

Denn ein Bewusstsein für die Gefährlichkeit der Krankheit ist in der Bevölkerung kaum ausgeprägt. Wie sollte es auch: Blickt man auf die Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, erfährt man dort vieles über Kopfläuse und Syphilis – und nichts über Sepsis. Dabei nehmen rund 80 Prozent der Sepsisfälle außerhalb der Krankenhäuser ihren Ursprung. Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 200.000 bis 300.000 Menschen daran.

Andere Länder weisen eine geringere Sepsis-Sterberate vor

Seitdem in Greifswald Gründling und sein Team das Qualitätsmanagement des „Sepsisdialogs“ eingeführt haben, konnten nach den Angaben rund 500 Menschen gerettet werden. Die Sepsis-Sterblichkeit sank im Greifswalder Krankenhaus auf 35 Prozent. Sie liegt damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von rund 42 Prozent – was nach Einschätzung von Experten viel zu hoch ist.

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