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Tod durch Glukosemischung : „Da kann irgendwas nicht stimmen“

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Die Heilig-Geist Apotheke in Köln-Longerich. Hier wurde das Arzneimittel hergestellt, durch das eine junge Frau und ihr Kind gestorben sind. Bild: dpa

Nachdem in Köln eine Frau und ihr Baby an einem Glukosegemisch gestorben sind, heißt es nun, es sei ein Narkosemittel beigemischt worden. Wie kann das passieren? Eine Pharmazeutin erzählt aus ihrem Arbeitsalltag.

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          Frau Cisternas, in Köln sind eine Frau und ihr Baby nach der Einnahme eines Glukosgemischs gestorben. Nun heißt es, Narkosemittel sei der Glukoselösung beigemischt worden. Gibt es dafür irgendeine Erklärung?

          Ich kann mir das nicht erklären. Narkosemittel wird nach Milligramm abgewogen, die Verwendung wird akribisch dokumentiert. Da kann irgendwas nicht stimmen. Die Apotheke in Köln liegt in der Nähe einer Klinik, dadurch könnte es sein, dass dort vermehrt mit Narkosemitteln umgegangen wird. Aber das sind nur Vermutungen.

          Wieso wird ein Mittel wie diese Lösung überhaupt eigenhändig in der Apotheke hergestellt?

          Natürlich gibt es diese Glukoselösung bereits fertig vom Hersteller, die war in den letzten Monaten aber deutschlandweit länger nicht lieferbar. Ich vermute, dass die Apotheke in Köln deshalb die Rezeptur selbst angemischt hat. Die Situation mit den Lieferengpässen ist momentan sehr schlimm, das fängt bei ganz normalen blutdrucksenkenden Mitteln an. Das liegt auch daran, dass wir die Wirkstoffe fast nur noch von Herstellern kaufen, die im Ausland – Indien, Israel oder hauptsächlich China – produzieren. Wir als Apotheker machen uns da sehr abhängig. 

          Also mischen Apotheken eigentlich nicht mehr so häufig selbst Arzneimittel?

          Die Apotheken mischen immer noch Rezepturen, allerdings hauptsächlich Cremes und Salben für die äußerliche Anwendung. Die Arzneimittel zum Einnehmen werden immer seltener verordnet, da die meisten Präparate sich schon auf dem Markt befinden. Diese Glukoselösung besteht aus Glukosesirup und Wasser und beinhaltet 75 Gramm wasserfreie Glukose vom Originalhersteller. Die Firma, die diese Glukoselösung fertig zum Verkauf herstellt, fügt noch Konservierungs- und Geschmacksstoffe hinzu, damit sie länger hält und besser schmeckt. Die stellen das ja auch in größeren Mengen her.

          Überprüft eine Apotheke die reinen Wirkstoffe wie Glukose, die ein Hersteller liefert?

          Wir als Apotheker überprüfen, ob der gelieferte Wirkstoff auch wirklich der richtige Wirkstoff ist, aber wir können nicht jede mögliche Verunreinigung überprüfen.

          Was meinen Sie damit?

          Jede Substanz, die bestellt wird, um eine Rezeptur zu machen, wird schon geprüft gekauft. Die hat ein Prüfprotokoll vom Hersteller. Die müssen prüfen, ob wirklich Glukose drin ist, wo auch Glukose draufsteht. Wir als Apotheker sind dann verpflichtet, mindestens eine Identitätsprüfung zu machen, um ebenfalls sicherzustellen, dass das Glukose ist. Wenn wir Glukose kaufen und Spuren von Substanzen darin sind, die giftig sind, dann können wir das nicht feststellen. Man kann nicht jeden Giftstoff kontrollieren, dann ist man den ganzen Tag im Labor. Aber wir können sagen, ob der Hersteller sich geirrt hat und etwas anderes eingepackt hat.

          Was muss man beim Anmischen beachten?

          Wenn wir eine Rezeptur bekommen, müssen wir immer erst mal eine Plausibilitätsprüfung machen, ob diese Mischung in Ordnung ist, etwa ihre Stabilität. In dem Fall der Glukoselösung gibt es da keine Zweifel. Grundsätzlich gibt es genaue Vorschriften für die Apotheker. Man muss ein Herstellungsprotokoll schreiben, in dem jeder Schritt, der gemacht wird, festgehalten wird. Das geht bis ins letzte Detail: Die Mengen, die man abwiegt, und wann genau was hergestellt wurde. Für jeden Schritt, den man macht, gibt es zusätzlich einen Zwischentest. Zum Schluss könnte man beispielsweise noch testen, ob die Konzentration der Glukose geeignet ist, dazu ist man aber nicht verpflichtet. Was aber gesetzlich festgelegt ist: Wir müssen stets neue Gefäße für die Rezepturen verwenden. Wir dürfen keines waschen und wieder verwenden.

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