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Kabinenluft : Flugzeuge im Blut

  • -Aktualisiert am

Luft holen: Die Kabinenluft für Personal und Passagiere wird in fast allen Verkehrsflugzeugen vor der Kerosinspritzung direkt aus dem Verdichter des Triebwerks gezapft. Bild: dpa

Spekuliert wird seit langem und viel. Macht Kabinenluft im Flieger wirklich krank?

          7 Min.

          Der Pilot Richard Westgate war 42 Jahre alt, als er seine Flugtauglichkeit verlor. Ein Jahr später war er tot. Zuletzt klagte er häufig über taube Hände und Füße, Schwindel, Sehstörungen und Gedächtnisverlust. Und Kopfschmerzen, stark wie bei einer Migräne. Seine Symptome, sagten die Ärzte, ähnelten denen einer Leukämie, einer multiplen Sklerose, einer Arsenvergiftung oder einer Herzmuskelentzündung. All das schlossen sie aber aus. Westgate glaubte, die Ursache für sein Leiden zu kennen: die Luft im Flugzeug.

          Er hinterließ seinen Körper der Wissenschaft, und nachdem Pathologen Teile des Hirns, des Rückenmarks und der Nerven entnahmen, fanden sie heraus, dass sogenannte Organophosphate sein Nervensystem geschädigt hatten. Der Gerichtsmediziner Frank van de Goot, der Westgates Leiche nach seinem Tod im Jahr 2011 untersuchte, merkte an, dass vielleicht doch etwas dran sei am „aerotoxischen Syndrom“. So heißt ein Phantom, das altbekannt ist und bis heute trotzdem kaum erforscht. Für manche Experten ist es das bestgehütete Geheimnis der Luftfahrt. Für die Industrie gehört es, offiziell, ins Reich der Phantasie.

          Die Kabinenluft in fast allen Verkehrsflugzeugen wird vor der Kerosineinspritzung direkt aus dem Verdichter des Triebwerks gezapft. Das hat den Vorteil, dass sie warm ist und sich leicht transportieren lässt. Das Öl, mit dem die Triebwerkswellen geschmiert werden, enthält zum Schutz vor Überhitzung Trikresylphosphat (TKP). Wird TKP, das zur Gruppe der Organophosphate gehört und in seiner Zusammensetzung dem Kampfstoff Sarin ähnelt, allerdings erhitzt, können der Stoff und seine Isomere das Nervensystem hochgradig schädigen. Es wird vermutet, dass TKP, wenn die Dichtungen versagen, über den Luftstrom des Triebwerks direkt in die Zapfluft gelangen kann, also ins Flugzeug. Dann, sagen Betroffene, rieche es an Bord nach „nassem Hund“ oder „alten Socken“.

          Ein „Geruchsvorfall“ pro Tag in Deutschland

          Kommt es zu einer olfaktorischen Belastung im Flugzeug, spricht man von „Geruchsvorfällen“. Experten gehen von einem Vorfall pro Tag in Deutschland aus. Nur selten dringen diese an die Öffentlichkeit, wie dieser vom Dezember 2010: Beim Anflug auf den Flughafen Köln/Bonn klagen die Piloten eines Airbus 319 der Germanwings über einen „elektrisch-süßlichen“ Geruch im Cockpit. Ihre geistige und körperliche Leistungsfähigkeit fällt ab, dem Kopiloten ist „kotzübel“.

          Sie setzen die Sauerstoffmasken auf und landen das Flugzeug sicher, aber in einer „surrealistischen“ Gemütsverfassung. Die Medien ergehen sich nach dem „Beinahe-Absturz“ in Spekulationen, aber bei der Untersuchung finden die Gutachter nichts, außer erhöhten Werten des Enzyms Creatinkinase beim Kopiloten.

          Auf einem Flug von London nach Nürnberg roch es intensiv und ätzend. Den Piloten befielen weiche Knie und starke Müdigkeit. In seinem Blut wurden danach Spuren von TKP gefunden.

          Zwar ist bekannt, dass TKP sich auf die Enzyme im Körper auswirken kann. Doch die Gutachter sehen als Ursache für den Anstieg des Enzyms, das in Muskelzellen vorkommt, primär das exzessive Krafttraining des Kopiloten an. Später sagt Airbus-Sprecher Tore Prang im ZDF, die Piloten hätten womöglich „hyperventiliert“ und sich so in eine Ohnmacht hineingesteigert.

          In einer als „Studie“ titulierten Abhandlung hat die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) 663 ihr gemeldete „Geruchsvorfälle“ von 2006 bis 2013 untersucht und davon 57 als „schwere Störung“ eingestuft. 142 gingen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung einher. Obwohl bei einzelnen Vorfällen „die Sicherheitsreserven so weit reduziert“ waren, „dass eine hohe Unfallwahrscheinlichkeit bestand“, könne die BFU „weder ausschließen noch bestätigen, ob ein kausaler Zusammenhang“ mit kontaminierter Kabinenluft besteht.

          Ein Pilot fühlte sich wie betrunken

          Denn bisher gibt es nichts als Fallberichte. Etwa den Fall einer Boeing 737 auf einem Flug von London nach Nürnberg. Flugbegleiter fühlen sich schwach und bemerken einen „intensiven, ätzenden Geruch“. Den Piloten, der sich selbst ein Bild der Lage macht, befallen bei der Rückkehr ins Cockpit weiche Knie und starke Müdigkeit, „er fühlte sich wie betrunken, seine linke Hand und der Unterarm fühlten sich blutleer und kalt an“, heißt es im Bericht. In seinem Blut werden Spuren von TKP gefunden.

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