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Tipps für Kassenpatienten : „Wer akute Schmerzen hat, muss das klar sagen“

Zwei-Klassen-Medizin? Wartende Patienten Bild: dpa

Überleben in der Zwei-Klassen-Medizin: Wann darf man einen Termin beim Facharzt mit Nachdruck fordern, und wann muss man warten? Acht Tipps für Kassenpatienten.

          Kaum hat der Patient am Telefon der Arzthelferin sein Anliegen geschildert, folgt die Frage nach der Krankenkasse, der man angehört. Gesonderte Nummern oder für Privatpatienten reservierte Sprechzeiten sind keine Seltenheit. Wie lange man auf einen Termin bei einem Augenarzt, Radiologen, Hautarzt oder einem anderen Facharzt warten muss, entscheidet das Versicherungskärtchen. Zu diesem Ergebnis kam, nach zahlreichen anderen Studien quer über die Republik, jüngst auch eine Untersuchung aus Hessen, die von der grünen Bundestagsabgeordneten Nicole Maisch in Auftrag gegeben wurde. Ist die Plastikkarte von einer gesetzlichen Kasse, wartet man in Hessen im Schnitt 20 Tage länger auf einen Termin als ein Privatpatient.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als Gründe für diese Ungleichbehandlung werden wirtschaftliche Fehlanreize, Kostendruck in den Praxen und eine unterfinanzierte ambulante Betreuung genannt. Ärzte betonen dabei, dass es keinen Unterschied in der Qualität der ambulanten Versorgung gebe, wenn überhaupt im Service - und schon flammt die Diskussion über eine „Zwei-Klassen-Medizin“ wieder auf, nicht nur in Hessen. Argumente werden ausgetauscht, Konsequenzen nur selten gezogen. Zurück bleiben nach solchen Debatten ein verunsicherter Patient und ein belastetes Arzt-Patienten-Verhältnis.

          Was also sollte man als Patient bei einer Terminvereinbarung beim Facharzt beachten? Wann mit Nachdruck einen Termin fordern und wann Wartezeiten auch mal akzeptieren?

          Bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) rufen immer wieder Menschen mit solchen Fragen an. „Doch es gibt rechtlich keine klaren Regeln, in welchem Zeitraum ein Arzt einen Termin vergeben muss. Wer wann drankommt, ist eine Entscheidung des Arztes“, sagt Stefan Palmowski von der UPD. Die Vergabe hänge mit der Dringlichkeit und den Beschwerden, aber auch mit der Art der Untersuchung zusammen. Notfälle müssten natürlich immer unverzüglich behandelt werden, Vorsorgeuntersuchungen könnten hingegen auch mal warten.

          Auch Daniela Hubloher von der hessischen Verbraucherzentrale berät Patienten bei Fragen rund um die ärztliche Versorgung. Beide Experten nennen Tipps für die erfolgreiche Terminvereinbarung beim Facharzt.

          1. „Wer Schmerzen, akute Beschwerden oder die Befürchtung hat, dass die Erkrankung schlimmer wird, muss das bei der Terminvereinbarung klar zum Ausdruck bringen“, sagt Hubloher. Da dürfe man nicht zurückhaltend sein, denn diese Angaben seien für den Arzt ein wichtiger Indikator für die Dringlichkeit der Behandlung.
          2. Wer unsicher ist, ob er mit den vorhandenen Symptomen wirklich noch auf einen Termin warten kann, hat die Möglichkeit, nicht nur mit der Sprechstundenhilfe zu reden, sondern sich auch mal mit dem Arzt verbinden zu lassen, sagt Hubloher.
          3. Wer trotz genauer Angaben das Gefühl hat, beim Facharzt zu lange auf einen Termin warten zu müssen, sollte Rücksprache mit seinem Hausarzt halten. Dieser kann gemeinsam mit dem Patienten einschätzen, wie dringlich ein Termin ist, einen anderen Facharzt empfehlen oder selbst bei dem betreffenden Kollege noch einmal nachfragen, erklärt Palmowski.
          4. Viele Krankenkassen unterstützen ihre Mitglieder bei der Terminvereinbarung und bieten den zusätzlichen Service an, für Patienten einen Termin zu vereinbaren. „Dabei bekommt man natürlich nicht immer den Wunschfacharzt, kann sich aber Arbeit und manchmal auch Zeit sparen“, sagt Hubloher.
          5. Wer nicht auf einen Arzt festgelegt sei, könne, um einen früheren Termin zu bekommen, auch verschiedene Fachärzte im Umkreis anrufen, nicht selten mit Erfolg, erläutert Palmowski.
          6. Sind der Ärger oder das Ausmaß des Wartens mal sehr arg, könnten sich gesetzlich Versicherte auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) beschweren. Sie stellt die Versorgung von Kassenpatienten sicher und ist der richtige Ansprechpartner, wenn man den Eindruck hat, man würde unverhältnismäßig benachteiligt, sagt Palmowski.
          7. Auch über Apps und Internetseiten können Patienten Arzttermine ausmachen. Angezeigt werden dem Suchenden dann beispielsweise alle Orthopäden in der Nähe, die noch Termine frei haben. Hubloher und Palmowski sehen diese Art der Terminvereinbarung allerdings kritisch. Bei einem solchen Vorgehen fehle der persönliche Kontakt, um die Situation des Patienten einzuschätzen. Außerdem sei unter Umständen die Auswahl des Arztes eingeschränkt und nicht immer transparent.
          8. Zu einem reibungslosen Ablauf bei der Terminvergabe kann auch der Patient etwas beitragen: Termine, die er nicht wahrnehmen kann, absagen, zum eigenen Termin pünktlich erscheinen und regelmäßige Arztbesuche, die gut planbar sind, frühzeitig vereinbaren, sagt Palmowski.

          Beratungsmöglichkeiten

          Die UPD, ein Verbund unabhängiger Beratungsstellen, berät kostenlos zu allen Gesundheitsfragen: www.upd-online.de, Telefon: 0800/01177 22 oder bundesweit in 21 lokalen Beratungsstellen.

          Die Verbraucherzentrale berät lokal und per Telefon. Informationen zu den verschiedenen Beratungsstellen der Bundesländer unter: www.verbraucherzentrale.de.

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