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Interview : „Tiere sind Türöffner“

  • -Aktualisiert am

Ein Behandlungsteam: Stefanie Ruhfus mit zweien ihrer Therapiehunde. Bild: privat

Eine Ergotherapeutin über die Frage, wie Hunde oder Kaninchen Kranken helfen und warum gerade Kampffisch „Loui“ stumme Kinder zum Kommunizieren bringt.

          Frau Ruhfus, Sie arbeiten in der Ergotherapie und setzen Tiere ein, unter anderem Fische. Man denkt, Therapietiere müssten ein kuscheliges Fell haben. Ist das ein Irrtum?

          Definitiv. Auch mit Fischen kann man vieles trainieren, zum Beispiel Fürsorge, Konzentration und Handlungsplanung. Unser Aquarium ist bei unseren Patienten sogar ausgesprochen beliebt. Vor allem „Loui“, unser asiatischer Kampffisch. Er ist bunt, und inzwischen lässt er sich sogar streicheln.

          Das klingt zwar nett. Aber wozu ist so eine glitschige Angelegenheit gut?

          Unsere Patienten haben körperliche, psychische und emotionale Probleme, da sind die Behandlungsziele sehr unterschiedlich. Kinder mit der Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS zum Beispiel sind oft sehr zappelig. Nur wenn sie sich ganz ruhig bewegen, lässt sich Loui streicheln. Manchmal legt er sich sogar in die geöffnete Hand. Am Aquarium fällt es den Kindern leichter, ihre Unruhe zu zügeln. Hier macht es Sinn für sie, sich ruhig zu verhalten.

          Das heißt, Sie setzen die Tiere ein, nicht nur, damit Patienten sie streicheln und mit ihnen spielen, sondern um Ihre Patienten zur Kooperation, zu einer Therapie zu bewegen.

          In vielen Fällen könnte man das so sagen. Die Tiere schaffen Motivation für die Therapie.

          Woran leiden Ihre Patienten?

          Unter Entwicklungsstörungen aller Art. Zu unseren Patienten gehören Regelschulkinder mit Konzentrationsschwierigkeiten, aber auch junge Autisten oder Menschen mit Schwerst- und Mehrfachbehinderungen. Die meisten sind zwischen zwei und dreißig Jahre alt, aber wir haben auch einen älteren Demenzpatienten. Bei ihnen allen erleben wir, dass sich mit Hilfe der Tiere alles einfacher lernt. Die Tiere sind Eisbrecher und Türöffner.

          Wie hilft der Fisch Loui denn zum Beispiel Autisten?

          Viele Patienten mit autistischer Störung haben motorische Schwierigkeiten. Wenn sie die Fische füttern und dazu die Futterdose öffnen und schließen, üben sie ihre Auge-Hand-Koordination. Zudem merken sie, dass sie gebraucht werden. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein. Oft können Autisten nicht sprechen, so wie die Tiere. Tiere einzubeziehen kann aber ein Anlass dazu sein, trotzdem zu kommunizieren. Sich auszudrücken ist ja immer auch ein Stück Lebensqualität...

          Moment bitte, das mit der Kommunikation müssen Sie genauer erklären.

          Einige unserer Patienten sprechen nicht. Manche, weil sie an einer autistischen Störung leiden, andere etwa aufgrund einer frühkindlichen Hirnschädigung. In vielen Fällen ist kaum erforscht, warum Menschen stumm sind; vielleicht wollen einige auch nicht sprechen. Wir zeigen ihnen dann alternative Kommunikationsmöglichkeiten, zum Beispiel Bildkarten. Darauf sind Aktivitäten zu sehen, mit denen wir sie animieren wollen, eine Wahl zu treffen. Sie können entscheiden, ob sie lieber mit dem Hund Ball spielen oder auf dem Pferd reiten möchten. Wenn es funktioniert hat, die Kinder über Bildkarten an Kommunikation überhaupt heranzuführen, geht es weiter. Später lernen sie, darüber auch anderes mitzuteilen. Zum Beispiel, dass sie Hunger haben.

          Aber es ginge vielleicht auch mit anderen Dingen, die Kinder zu einer Entscheidung zu bewegen. Zum Beispiel mit Gummibärchen oder Eis.

          Das mag sein, aber nur mit Tieren findet auch Interaktion statt. Tiere urteilen nicht und gehen von sich aus auf unsere Patienten zu, egal, ob sie krank sind oder klein. Wir würden nie ein Kaninchen oder ein Meerschweinchen nehmen und es den Patienten auf den Schoß setzen.

          Wir warten immer, bis sie auf unsere Patienten zugehen. Diese Akzeptanz ist für viele eine wichtige Erfahrung. Hier entstehen Sympathie und Empathie, ein offenes Therapie-Setting. Oft identifizieren sich unsere Patienten mit den Tieren.

          Identifikation? Mit einem Tier?

          Heimkinder erzählen wir zum Beispiel davon, dass auch manche unserer Kleintiere aus dem Tierheim stammen. Und unsere Labrador-Hündin Coco sieht aus, als hätte sie mit den Pfoten in einem Marmorkuchen gesteckt. Ein Züchter würde sagen, sie ist eine Fehlzüchtung, weil Labradore normalerweise einfarbig sind. Wir finden sie gerade deshalb besonders. Auch das erzählen wir.

          Sie arbeiten neben den Fischen auch mit Hunden, Pferden, Meerschweinchen und Kaninchen. Insgesamt halten Sie vierzehn Säugetiere. Ist es in der Therapie egal, welches Tier man einsetzt, oder helfen bestimmte Tierarten besonders gut gegen bestimmte Leiden?

          In vielen Fällen entscheiden die Vorlieben und Vorerfahrungen der Patienten. Aber nicht immer: Bei körperlich Behinderten lässt sich etwa mit Pferden gut an der Rumpfstabilität arbeiten. Auch die Charaktere der Tierarten kann man für verschiedene Therapieziele nutzen. Alle unsere Tiere sind geschult und an Patienten gewöhnt, aber sie spiegeln in unterschiedlichem Ausmaß das Verhalten der Patienten wider. Hunde etwa sind Meister darin, die Ruhe zu bewahren. Ein ausgelernter Therapiehund beherrscht außer- dem noch einige Tricks und kann körperlich Behinderten zum Beispiel dabei helfen, die Socken auszuziehen. Das kann man einem Meerschweinchen nicht beibringen, egal wie viel man mit ihm trainiert.

          Vor der Gründung des Therapie-Parks arbeite Ruhfus auf der Karibikinsel Curaçao mit Delphinen. Die Therapie ist für Patienten aber meist kostspielig.

          Hunde sind anscheinend sehr lernfähig. Manche heben Schlüssel auf oder machen das Licht aus. Oft sind körperbehinderte Menschen auf sie angewiesen. Wäre es in ihrem Fall nicht sinnvoller, die Betroffenen würden sich selbst solch ein Tier anschaffen, statt es einmal wöchentlich bei Ihnen zu besuchen?

          Einen Assistenzhund zu halten ist tatsächlich oft sinnvoll, und manche unserer Patienten machen das auch. Aber nicht jeder hat so viel Platz, Zeit und Geld. Gerade Familien mit einem chronisch kranken Kind fehlen oft die Ressourcen, sich gut um ein Tier zu kümmern. Die kommen dann lieber zu uns.

          Aber eine Therapiestunde bei Ihnen ist sicher auch nicht günstig.

          Das stimmt, auch die ist kostenaufwendig. Die tiergestützte Therapie ist kein Bestandteil des Heilmittelkatalogs für die Ergo- und Physiotherapie, so dass man sie nicht verordnen kann. Wir können unsere Arbeitszeit mit den Kassen abrechnen, aber nicht den Einsatz der Tiere. Die Kosten von 175 Euro, die wir für eine Therapieeinheit von eineinhalb Stunden berechnen, kann kaum eine Familie aufbringen. Wir haben deshalb einen Förderverein gegründet. Aus Kostengründen mussten wir noch keinen Patienten abweisen.

          Für eine Therapiestunde mit Tieren übernehmen die Kassen also keine Kosten. Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Fehlen Nachweise zur Wirksamkeit?

          Dass der Kontakt zu Tieren positive Auswirkungen auf Blutdruck und Herzfrequenz hat, das ist schon lange belegt. Man weiß auch, dass Tiere gut für die Psyche der Menschen sind. Zeitweise war die Hippotherapie, das therapeutische Reiten auf Pferden, sogar Teil des Heilmittelkatalogs. Dass diese Therapie darin nicht mehr vorkommt, kann ich mir nur mit dem Kostendruck der Krankenkassen erklären.

          Gibt es auch Patienten, bei denen Sie in der Therapie doch lieber auf Tiere verzichten?

          Das kam bis jetzt noch nicht vor. Durch die Vielfalt an Tieren können wir darauf reagieren, wenn jemand beispielsweise eine Hundephobie hat. Bei krebserkrankten Kindern müssen wir eng mit den behandelnden Ärzten zusammenarbeiten. Diese Patienten sind häufig immunschwach, da darf dann kein medizinisches Kriterium gegen die Therapie mit Tieren sprechen. Sie sind ja nicht steril. Und bei aggressiven Kindern müssen wir gut auf den Schutz der Tiere achten.

          Haben Ihre Tiere denn eigentlich auch einen Acht-Stunden-Tag, so wie Sie?

          Natürlich nicht. Als Norm gilt, dass Pferde und Hunde am Tag bis zu drei Stunden mitarbeiten. Auch die Tiere müssen motiviert sein, damit die Therapie zu den gewünschten Erfolgen führt. Es ist wichtig, dass wir die Stress-Zeichen unserer Tiere kennen. Wenn ein Hund zum Beispiel gähnt, kratzt oder speichelt, merkt man, dass er erschöpft ist. So weit soll es erst gar nicht kommen.

          Bevor Sie vor vier Jahren den Therapie-Park gegründet haben, haben Sie auf der Karibikinsel Curaçao Delphine zur Therapie eingesetzt. Warum haben Sie damit aufgehört?

          Delphine sind schlau und interessiert, sie sind lernfähig und kooperativ. Die Delphintherapie ist aber sehr teuer für die Patienten, und nach fünf Jahren auf Curaçao wollte ich auch aus persönlichen Gründen wieder zurück. Es war Zeit für etwas Neues. Mit Pferden, Hunden, Kleintieren und Fischen zu arbeiten ist weniger aufwendig als mit Delphinen. Aus meiner Kindheit und Pubertät weiß ich, wie gut uns auch die heimischen Tiere tun. Das wollte ich meinen Patienten weitergeben.

          Allerdings fehlen Ihnen Katzen.

          Das stimmt, aber ich selbst hatte nie eine Katze und habe auch keine Erfahrung mit ihnen. Ich arbeite lieber mit Tieren, mit denen ich mich auskenne. Es gibt sogar Leute, die setzen in der Therapie Schnecken ein. Aber auch das machen wir nicht.

          Stefanie Ruhfus, 34 Jahre, ist Diplom-Ergotherapeutin mit Zusatzausbildung für tiergestützte Therapie. 2013 hat sie auf dem nördlichsten Grundstück Düsseldorfs den „Therapie-Park“ ins Leben gerufen. Mit zum Team gehören neben zwei Physiotherapeuten, einer Pferdetherapeutin, einer Tierpflegerin und einem Garten- und Landschaftsbauer auch vierzehn Säugetiere - sowie einige Fische und Garnelen.

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