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Interview : „Tiere sind Türöffner“

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In vielen Fällen entscheiden die Vorlieben und Vorerfahrungen der Patienten. Aber nicht immer: Bei körperlich Behinderten lässt sich etwa mit Pferden gut an der Rumpfstabilität arbeiten. Auch die Charaktere der Tierarten kann man für verschiedene Therapieziele nutzen. Alle unsere Tiere sind geschult und an Patienten gewöhnt, aber sie spiegeln in unterschiedlichem Ausmaß das Verhalten der Patienten wider. Hunde etwa sind Meister darin, die Ruhe zu bewahren. Ein ausgelernter Therapiehund beherrscht außer- dem noch einige Tricks und kann körperlich Behinderten zum Beispiel dabei helfen, die Socken auszuziehen. Das kann man einem Meerschweinchen nicht beibringen, egal wie viel man mit ihm trainiert.

Vor der Gründung des Therapie-Parks arbeite Ruhfus auf der Karibikinsel Curaçao mit Delphinen. Die Therapie ist für Patienten aber meist kostspielig.

Hunde sind anscheinend sehr lernfähig. Manche heben Schlüssel auf oder machen das Licht aus. Oft sind körperbehinderte Menschen auf sie angewiesen. Wäre es in ihrem Fall nicht sinnvoller, die Betroffenen würden sich selbst solch ein Tier anschaffen, statt es einmal wöchentlich bei Ihnen zu besuchen?

Einen Assistenzhund zu halten ist tatsächlich oft sinnvoll, und manche unserer Patienten machen das auch. Aber nicht jeder hat so viel Platz, Zeit und Geld. Gerade Familien mit einem chronisch kranken Kind fehlen oft die Ressourcen, sich gut um ein Tier zu kümmern. Die kommen dann lieber zu uns.

Aber eine Therapiestunde bei Ihnen ist sicher auch nicht günstig.

Das stimmt, auch die ist kostenaufwendig. Die tiergestützte Therapie ist kein Bestandteil des Heilmittelkatalogs für die Ergo- und Physiotherapie, so dass man sie nicht verordnen kann. Wir können unsere Arbeitszeit mit den Kassen abrechnen, aber nicht den Einsatz der Tiere. Die Kosten von 175 Euro, die wir für eine Therapieeinheit von eineinhalb Stunden berechnen, kann kaum eine Familie aufbringen. Wir haben deshalb einen Förderverein gegründet. Aus Kostengründen mussten wir noch keinen Patienten abweisen.

Für eine Therapiestunde mit Tieren übernehmen die Kassen also keine Kosten. Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Fehlen Nachweise zur Wirksamkeit?

Dass der Kontakt zu Tieren positive Auswirkungen auf Blutdruck und Herzfrequenz hat, das ist schon lange belegt. Man weiß auch, dass Tiere gut für die Psyche der Menschen sind. Zeitweise war die Hippotherapie, das therapeutische Reiten auf Pferden, sogar Teil des Heilmittelkatalogs. Dass diese Therapie darin nicht mehr vorkommt, kann ich mir nur mit dem Kostendruck der Krankenkassen erklären.

Gibt es auch Patienten, bei denen Sie in der Therapie doch lieber auf Tiere verzichten?

Das kam bis jetzt noch nicht vor. Durch die Vielfalt an Tieren können wir darauf reagieren, wenn jemand beispielsweise eine Hundephobie hat. Bei krebserkrankten Kindern müssen wir eng mit den behandelnden Ärzten zusammenarbeiten. Diese Patienten sind häufig immunschwach, da darf dann kein medizinisches Kriterium gegen die Therapie mit Tieren sprechen. Sie sind ja nicht steril. Und bei aggressiven Kindern müssen wir gut auf den Schutz der Tiere achten.

Haben Ihre Tiere denn eigentlich auch einen Acht-Stunden-Tag, so wie Sie?

Natürlich nicht. Als Norm gilt, dass Pferde und Hunde am Tag bis zu drei Stunden mitarbeiten. Auch die Tiere müssen motiviert sein, damit die Therapie zu den gewünschten Erfolgen führt. Es ist wichtig, dass wir die Stress-Zeichen unserer Tiere kennen. Wenn ein Hund zum Beispiel gähnt, kratzt oder speichelt, merkt man, dass er erschöpft ist. So weit soll es erst gar nicht kommen.

Bevor Sie vor vier Jahren den Therapie-Park gegründet haben, haben Sie auf der Karibikinsel Curaçao Delphine zur Therapie eingesetzt. Warum haben Sie damit aufgehört?

Delphine sind schlau und interessiert, sie sind lernfähig und kooperativ. Die Delphintherapie ist aber sehr teuer für die Patienten, und nach fünf Jahren auf Curaçao wollte ich auch aus persönlichen Gründen wieder zurück. Es war Zeit für etwas Neues. Mit Pferden, Hunden, Kleintieren und Fischen zu arbeiten ist weniger aufwendig als mit Delphinen. Aus meiner Kindheit und Pubertät weiß ich, wie gut uns auch die heimischen Tiere tun. Das wollte ich meinen Patienten weitergeben.

Allerdings fehlen Ihnen Katzen.

Das stimmt, aber ich selbst hatte nie eine Katze und habe auch keine Erfahrung mit ihnen. Ich arbeite lieber mit Tieren, mit denen ich mich auskenne. Es gibt sogar Leute, die setzen in der Therapie Schnecken ein. Aber auch das machen wir nicht.

Stefanie Ruhfus, 34 Jahre, ist Diplom-Ergotherapeutin mit Zusatzausbildung für tiergestützte Therapie. 2013 hat sie auf dem nördlichsten Grundstück Düsseldorfs den „Therapie-Park“ ins Leben gerufen. Mit zum Team gehören neben zwei Physiotherapeuten, einer Pferdetherapeutin, einer Tierpflegerin und einem Garten- und Landschaftsbauer auch vierzehn Säugetiere - sowie einige Fische und Garnelen.

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