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Thabo Mbeki : Der Aidskritiker von Toronto

„Aids ist ein Syndrom”: Thabo Mbeki Bild: AFP

Südafrikas Staatspräsident Mbeki ist ein Aidskritiker. Damit steht er nicht alleine. Nicht wenige in Afrika bestreiten, daß Aids eine Krankheit ist. Zudem sei das HI-Virus nicht der Auslöser. Selbst renommierte Wissenschaftler stützen diese These.

          Carl Strygg ist HIV-positiv. Daß er es ist, weiß er seit genau zehn Jahren. Er weiß es, obwohl es ihn eigentlich gar nicht interessieren dürfte. Warum er es weiß? „Was für eine komplizierte Geschichte“, antwortet er in seinem manchmal fast drollig wirkenden Deutsch. Kurz gesagt: Er wollte sich an jemandem rächen. „Mein ehemaliger Freund wollte unbedingt, daß ich mich testen lasse. Ich wollte aber nicht. Daraufhin hat er mich verlassen. Und dann dachte ich, was wirklich kindisch war, dem zeige ich es - und ließ mich testen.“ Die Diagnose war nicht überraschend. Sie hat aber für Carl Strygg auch keinerlei Aussagekraft. Denn Carl Strygg ist Aidskritiker.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Aidskritiker gibt es viele. Berüchtigt ist die Gesundheitsministerin Südafrikas, Manto Tshabalala-Msimang. Auch Südafrikas Staatspräsident Thabo Mbeki zählt zu den Aidskritikern. Nur wenige Wochen nach der Weltaidskonferenz in Durban, die Mbeki in seinem Land eröffnet hatte, sagte er am 20. September 2000 in einer Rede vor dem südafrikanischen Parlament: „Ein Virus kann kein Syndrom auslösen. Ein Virus kann zu einer Krankheit führen, und Aids ist keine Krankheit, Aids ist ein Syndrom.“ Aids ist das Akronym von „Acquired Immune Deficiency Syndrome“, was soviel wie erworbenes Immundefekt-Syndrom heißt. Unter einem Syndrom versteht die Medizin einen unklaren Zustand, bei dem verschiedene Symptome vorliegen, deren Ursprünge unbekannt sind.

          Gegen das HIV=AIDS=TOD-Dogma

          Auf der von Carl Strygg betreuten Internetseite www.healtoronto.com ist ein Bild Thabo Mbekis zu sehen und die Aufforderung, den Präsidenten bei der Suche nach der Wahrheit über den Ursprung von Aids zu unterstützen. Heal, zu deutsch „heilen“ und zugleich ein Akronym für „Health, Education, Aids Liaison“ (“Gesundheit, Aufklärung, Aids Verbindung“) ist eine in vielen nordamerikanischen Städten, aber auch in Europa und sogar in Deutschland vertretene Organisation, die ursprünglich 1982 von Michael Ellner in New York gegründet wurde. Auf einer der deutschen Heal-Internetseiten steht, es gebe inzwischen Hunderte Gruppen und Initiativen überall auf der Welt. „Die Initiatoren und Mitarbeiter von Heal kritisieren vehement das HIV=AIDS=TOD-Dogma.“ Den einzelnen Gruppen gemeinsam sind vor allem zwei Überzeugungen: Das HI-Virus ist nicht der Auslöser von Aids. Und die vielgepriesenen Aidsmedikamente sind als Behandlung ungeeignet.

          Carl Strygg nimmt keinerlei Medikamente ein. Er sagt: „Aidsmedikamente retten keine Leben, sie verändern nur Leben.“ Er lehnt auch die regelmäßigen Bluttests ab, mit denen gewöhnlich festgestellt wird, wie groß die körpereigene Immunabwehr und wie hoch die Viruslast im Blut ist. „Man starrt doch nur alle paar Wochen auf Zahlen, die sowieso keinerlei Aussagekraft haben.“

          HI-Virus soll harmlos sein

          Mit ihren Überzeugungen können sich Aidskritiker auf zum Teil renommierte - oder genauer gesagt: einstmals renommierte - Wissenschaftler berufen, zum Beispiel auf den Molekularbiologen Peter Duesberg von der University of California in Berkeley, den Entdecker der Retroviren, oder auf die Chemie-Nobelpreisträgerin (1993) Karry B. Mullis. Duesberg hat die Bibel der Aidskritiker geschrieben: „Inventing the Aids Virus“ (Die Erfindung des Aidsvirus). Für den Aidsdissidenten steht außer Frage, daß das HI-Virus - ein Retrovirus - harmlos ist und Aids durch Drogenmißbrauch und die Einnahme hochtoxischer Medikamente, wie sie Aidskranken zur Therapie verschrieben werden, hervorgerufen wird.

          Davon ist auch der Mitbegründer von Heal Toronto überzeugt. Carl Strygg wohnt in einem der letzten viktorianischen Backsteinhäuser von Toronto. Das Haus an der Queen Street East hat er vor einigen Jahren gekauft und damit vor dem Abriß bewahrt. Liebevoll hat er es renoviert und nach und nach mit Antiquitäten aus dem späten 19. Jahrhundert ausgestattet. Er ist freiberuflich tätig: Im Sommer rettet und renoviert er alte Häuser, im Winter backt er, wie er auf deutsch sagt, „Butterplättchen“. Deutsch hat er am Goethe-Institut in Toronto gelernt.

          Todesdrohungen gegen den Aidskritiker

          Carl Strygg nimmt nicht an der Weltaidskonferenz in Toronto teil. Dort will man die Aidsdissidenten nicht haben. Das sei unwissenschaftlich oder wie Albert Einstein, der auf den Heal-Internetseiten als Leumund herhalten muß, schon sagte: „Wichtig ist, alles in Frage zu stellen.“ Gerade vom Dissens lebe doch die Wissenschaft, sagt Carl Strygg. Wissenschaft sei keine Religion. Kaum eine Hypothese habe länger als 50 Jahre bestand. „Wie können da Mediziner sicher sein, daß HIV zu Aids führt!“

          Inzwischen lebt der 41 Jahre alte Strygg in einer monogamen Beziehung mit seinem Partner Will zusammen. Früher einmal sei er promiskuitiv gewesen. Daran hat auch die Diagnose nichts geändert - die ja im Grunde für ihn keine war. Carl Strygg hat im Laufe der Jahre mehrere Freunde sterben sehen. Robert Johnston, der Mitbegründer von Heal Toronto, starb 2003. Ein anderer guter Freund von Carl Strygg bekam seine Diagnose schon 1984. An seinem Lebensstil hat dieser Freund bis heute nichts geändert - dazu gehört auch regelmäßig ungeschützter Sex mit Fremden. Aidskritiker Strygg lebt, wenngleich nun treu, auch nicht ungefährlicher. Wegen seines Engagements als Aidskritiker hat er schon Todesdrohungen bekommen.

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