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Telemedizin : Zum Arzt, ohne zum Arzt zu gehen

Während die Bundesregierung also ihrem erklärten Ziel, Telemedizin in die Regelversorgung aufzunehmen, noch nicht näher gekommen ist, passiert in den Bundesländern mehr. Bayern ist dabei, kleinere Krankenhäuser mit speziellen Schlaganfallzentren kommunikationstechnisch zu verbinden. Dort sollen rund um die Uhr Spezialisten ansprechbar sein. Telemedizin gibt es eben nicht nur zwischen Arzt und Patient, sondern auch zwischen Arzt und Arzt. Der Aufbau der Netze kostet den Freistaat 800 000 Euro.

Fast zehn Millionen Euro EU-Mittel fließen in ein Telemedizin-Projekt des Landes Sachsen und der Telekom, unter anderem, um Patienten auf dem Land mit Sensoren und Messgeräten zu vernetzen - ähnlich wie bei Koehlers Charité-Studie. Und Baden-Württemberg hat für 600 000 Euro eine Koordinierungsstelle eingerichtet, die verhindern soll, dass Telemedizin-Projekte in der Pilotphase steckenbleiben. Was derzeit oft passiert.

Diagnose per Mausklick

Auch Private haben den Markt entdeckt. Das Berliner Hautarzt-Online-Unternehmen „Goderma“, das entfernt an „Medgate“ erinnert, bewegt sich nach Einschätzung von Experten an der Grenze des Fernbehandlungsverbots, verstößt aber nicht dagegen. Nutzer laden Fotos von Leberflecken oder Ekzemen hoch, teilen per Mausklick mit, ob die Hautstelle etwa „krustig“ ist oder manchmal blutet, seit wann das Problem existiert und auf welchem Körperteil es sich befindet. Das Ganze anonym und für 19 Euro. Die „Begutachtung“, explizit „keine ärztliche Diagnose oder Behandlung“, kommt dann innerhalb von 48 Stunden. Das Unternehmen verweist darauf, dass seine Leistungen „ergänzend zum klassischen Arztbesuch anzusehen“ seien und diesen „in keinem Falle ersetzen“ sollen.

Spricht etwas dagegen? Ist es verwerflich, sich auf solchem Weg eine schnelle Einschätzung zu holen? Warum sollten Ärzte diesen Service nicht anbieten? Schließlich ist auch das Krankheiten-Googeln weit verbreitet – ist es da nicht wenigstens etwas besser, einen echten Arzt im Netz zu konsultieren? In der Fach-Diskussion über Telemedizin ist erstaunlich wenig die Rede vom klassischen Arzt-Patienten-Verhältnis. Vom Handauflegen, Mut-Zusprechen, überhaupt Sprechen.

Überwachung von Herzschrittmachern bildet Ausnahme

Ärzte-Vertreter Bartmann sagt, wenn niedergelassene Kollegen anfingen, vom gewachsenen Arzt-Patienten-Verhältnis zu reden, dann könne er oft nicht sagen, was sich genau dahinter verberge. „Wenn das Fernbehandlungsverbot verteidigt wird, hat das oft ganz konkret mit der Furcht um tradierte Überweisungspraktiken zu tun.“ Etwa mit der Sorge eines Facharztes, dass sein Nachbar, der Allgemeinmediziner, Patienten nicht mehr zu ihm überweist, sondern einen Kollegen in Leipzig kontaktiert. Und ihn auf die Distanz um einen Tipp bittet, wie man diese Rachenentzündung behandeln könnte, Foto anbei.

Bisher können Ärzte eine einzige telemedizinische Leistung bei den Kassen abrechnen: die Überwachung von Herzschrittmacher-Patienten, eine Ausnahme. Da schickt ein Sensor Daten aus dem Schrittmacher an ein kleines Gerät auf dem Nachttisch des Patienten, das Gerät wiederum funkt die Daten an den Arzt. Kardiologe Koehler von der Charité meint dennoch, dass die Telemedizin-Diskussion in fünf, sechs Jahren Geschichte sein werde. Weil Telemedizin dann selbstverständlich zur Medizin gehören werde. Auch beim Hausarzt. Seine Studenten, für die das Virtuelle längst Teil des Alltags ist, fragen ihn schon jetzt oft: „Wie, da gibt’s noch nicht mehr?“

Zum Fernbehandlungsverbot sagt der Kardiologe schlicht: „Das fällt.“

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