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Tabletten-Abhängigkeit : Das Zeug verliert nicht die Lust an dir

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Bild: Istock

Benzodiazepine helfen gegen Angstattacken. Aber sie können süchtig machen. Besonders wenn man sie zu lange und unkontrolliert einsetzt. Dann muss man ständig die Dosis erhöhen, damit sie überhaupt noch wirken. Der Erfahrungsbericht eines Tablettenabhängigen.

          Angst, das Gefühl kennt jeder. In meinem Fall geht die Angst ins Uferlose. Seit ich zwanzig Jahre alt bin, leide ich unter einer sozialen Phobie, unter Panikattacken. Ich habe Angst auf dem Weg zur Uni, Angst davor, den Mund aufzumachen, Angst vor der Zeit mit anderen im Wartezimmer beim Arzt. Ich habe Angst vor dem Fremden, der mir im Zug gegenübersitzt, Angst vor der Schlange im Supermarkt.

          Über die Jahre wurde es immer schlimmer. Ich habe es nicht mehr ausgehalten. Meine Ärztin verschrieb mir ein Beruhigungsmittel, ein Medikament aus der Gruppe der Benzodiazepine. Das Medikament wirkt angstlösend und vor allem schnell, aber ich bin abhängig davon. Um meine Angst zu bekämpfen, habe ich in den vergangenen sechs Jahren zunehmend mehr gebraucht. Ich habe das Zeug geschluckt wie Smarties. Das Medikament hat meinen Alltag bestimmt.

          Ein willkürlicher Tag Anfang August 2012. Ich stehe gegen halb elf Uhr auf. Morgens ist die Angst am heftigsten. Nach dem Aufwachen rauche ich auf der Bettkante sitzend meine erste Zigarette. Wie jeden Morgen wird mir von der ersten Zigarette des Tages schwindlig. Noch bevor ich mir einen Kaffee mache, schlucke ich welche von den Pillen, drei Milligramm. Ich muss auf mein Level kommen. Vor dem Duschen rauche ich in der Regel drei oder vier Zigaretten, trinke Kaffee und warte, bis ich halbwegs auf der Höhe bin. Das dauert einen Moment. Es dauert, bis das es wirkt. Ich spüre es eigentlich gar nicht richtig, wann es wirkt, nur die Sorge und Gedanken in meinem Kopf sind nicht mehr erdrückend.

          Nach dem Duschen setze ich mich an den Schreibtisch und fahre den Computer hoch. Morgens esse ich nichts, sondern trinke nur Kaffee, einen nach dem anderen. Ich arbeite an meinem Abschlussfilm. Die vergangenen zwei Jahre habe ich an einer kleinen Filmschule in Frankfurt studiert. Ich stehe unter Druck: Der Film muss fertig werden. Eigentlich liege ich gut in der Zeit. Einige Passagen des Films sind allerdings noch asynchron. Es ist eine unangenehme Arbeit, die richtige Sounddatei zum richtigen Bild zu finden und den Ton neu anzulegen.

          Gegen Mittag nehme ich wieder Pillen. Zwei Milligramm wirken etwa sechs Stunden. Ich achte darauf, dass sich der Spiegel hält. Um die Mittagszeit gehe ich kurz zum Supermarkt. Er liegt gleich um die Ecke. Ich kaufe ein Baguette und Streichkäse, ein paar Oliven. In geringer Variation esse ich das jeden Tag, zum Kochen fehlt mir die Lust. Außerdem kaufe ich zwei Flaschen Wein. Roten. Wieder zu Hause, mache ich den Wein auf und esse das Baguette. Es gibt niemanden, der vorbeikommt, der fragt, wie es mir geht, oder aus irgendwelchen anderen Gründen anruft.

          Soziale Angst macht hässlich

          Am Nachmittag verabrede ich mich mit einer Freundin. Es ist eine Situation, die angstbesetzt ist. Vor dem Treffen nehme ich das Mittel. Diese Freundin kennt mich eigentlich nicht. Sie kennt nur den ausgelassenen Typen, der immer ein bisschen nach Wein riecht und locker ist. Es ist mir wichtig, genau dieses Bild von mir zu vermitteln, gleichzeitig lässt genau das die Angst in mir größer und stärker werden, weil ich ohne die Droge eben nicht locker und ausgelassen bin. Soziale Angst macht hässlich, so empfinde ich das. Und nur mit Alkohol und dem Gebrauch von Benzodiazepin bin ich schön.

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