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Fachmann über Suizide : „Wenn es einen halboffiziellen Weg gibt, sinkt die Hemmschwelle“

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Vor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Parkkrankenhaus in Leipzig Bild: dpa

In fast allen europäischen Ländern hat es einen Rückgang an Suiziden gegeben. Nur in den Niederlanden ist das Gegenteil der Fall. Eine Erklärung könnte die liberale Haltung dort zum assistierten Suizid sein.

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          Alle fünf Minuten versucht ein Mensch in Deutschland, sich das Leben zu nehmen. Alle 53 Minuten begeht ein Mensch Suizid. Das sind 10.000 Suizide jedes Jahr. Durch Suizid kommen mehr Menschen zu Tode als durch Verkehrsunfälle, Mord, illegale Drogen und Aids zusammen. So gut wie nie tötet sich aber ein Mensch spontan oder aus einer Laune heraus. „Suizide“, sagt Ulrich Hegerl, „erfolgen zu etwa 90 Prozent im Rahmen psychiatrischer und in der Mehrzahl depressiver Erkrankungen.“ Hegerl ist Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie. Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig erforscht das Thema seit Jahren. „Suizid wird von vielen nicht als das gesehen, was er ist: die tragische, vermeidbare Folge einer nicht optimal behandelten psychischen Erkrankung.“

          Die verbreitete Vorstellung, dass Depression und Suizid Folge äußerer Belastungen sind, ist nach Angaben Hegerls in den meisten Fällen irreführend. Eine schwerere Depression sei etwas ganz anderes als eine gedrückte Stimmung bei Stress, Überforderung, Trauer, Kränkung oder anderen Bitternissen des Lebens. „Depression ist mehr als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände, sie ist eine eigenständige Erkrankung, die jeden mit einer entsprechenden Veranlagung treffen kann“, sagt Hegerl, der auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist.

          Die Zahl der Suizide ist seit Anfang der achtziger Jahre von 18.000 auf mittlerweile relativ konstant rund 10.000 Tote im Jahr gesunken. Das führt Hegerl vor allem darauf zurück, dass sich die Versorgungssituation in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland verbessert hat. So scheint es auf den ersten Blick zwar eine Zunahme der Häufigkeit von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen zu geben. Anfang der achtziger Jahre wurden neun Prozent der Frühberentungen mit einer psychischen Erkrankung begründet, heute sind es 43 Prozent. Doch diese Entwicklung basiert nicht auf einer wirklichen Zunahme, wie Hegerl sagt. „Menschen mit Depressionen holen sich häufiger Hilfe, und die Ärzte erkennen Depressionen besser.“

          Klärt auf: Ulrich Hegerl ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

          Depressiv Erkrankte würden nicht mehr so oft fälschlicherweise wegen Rückenschmerzen, Tinnitus oder Migräne, sondern gezielt wegen Depressionen behandelt. „Die Betroffenen kommen deshalb häufiger aus ihrer Isolation.“ Trotzdem sind Suizide ein Tabuthema, das auch von Medien kaum aufgegriffen wird. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Hauptgrund ist der Werther-Effekt, benannt nach Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“. Er besagt, dass Suizide, über die ausführlich berichtet wird, zu weiteren Suiziden führen. Von Bund und Ländern gibt es zwar Aufklärungskampagnen und Beauftragte für die Sicherheit im Straßenverkehr und den Kampf gegen Rauschgift und HIV. In der Suizidprävention hingegen hält sich die Bundesregierung eher zurück.

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