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Südafrika : Den Patienten trauen und auf die Finger schauen

Zwei Krankheiten haben sich verbündet Bild: F.A.Z. - Peter-Philipp Schmitt

In Südafrika werden extrem resistente Erreger der Tuberkulose zur großen Gefahr - vor allem für Aidskranke. Nun, da sich zwei Krankheiten verbündet haben, rächt sich die jahrzehntelange Ignoranz. Peter-Philipp Schmitt berichtet.

          Thami Sijila kennt sich gut aus im Township Langa. Hier ist er geboren, hier wohnt der Sechsundzwanzigjährige bis heute. Und trotzdem findet er seine Patienten nicht immer. Für genau 196 Aidskranke ist der „patients advocat“ (PA) zuständig. Er soll sich für seine Patienten einsetzen, ihnen bei ihrer Behandlung zur Seite stehen, und er soll ihnen bei seinen Hausbesuchen auf die Finger und den Mund schauen. Das macht er allerdings nur während der ersten zwei Wochen einer häuslichen Therapie, danach vertraut Thami ihnen. Das ist sein Auftrag: seinen Patienten zu vertrauen und ihnen zu misstrauen. Darum zählt er einmal in der Woche die übriggebliebenen Tabletten nach, die die Kranken mit nach Hause genommen haben.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Für einen Monat werden sie mit antiretroviralen Medikamenten ausgestattet, danach müssen sie wieder in die Klinik von Langa kommen und sich eine neue Ration holen. Damit sie zwischendurch gut versorgt sind und zum Beispiel nicht unter schweren Nebenwirkungen leiden, schickt die Klinik ihre PA vorbei. Gehen Thami Sijila Patienten verloren, kann er sie meist erst nach vier Wochen wieder zur Rede stellen, wenn sie denn überhaupt noch einmal in der Klinik erscheinen, um sich neue Pillen zu holen. Dass er sie manchmal nicht finden könne, sei aber nicht allein seine und auch nicht ihre Schuld, sagt Thami. Die Bewohner der Townships sind oft nur unter einem Spitznamen bekannt, viele Straßen haben keinen Namen. Das ist selbst in Langa so, dem ältesten Township von Kapstadt, das mehr als 100 Jahre alt ist.

          Khayelitsha führt fast jede Negativstatistik an

          Langa ist nur zwölf Kilometer vom Zentrum Kapstadts entfernt. Die „Site B Clinic“ von Township Khayelitsha liegt indes gut 30 Kilometer vor den Toren der Stadt. Schon deshalb haben es die Menschen von Khayelitsha besonders schwer. Zwar gehören sie offiziell zu den etwa 3,5 Millionen Einwohnern Kapstadts, von der Metropole jedoch profitieren sie kaum: Mehr als 70 Prozent leben in einem Haushalt, dem kaum mehr als 19.200 Rand (etwa 1950 Euro) pro Jahr zur Verfügung stehen. Mehr als die Hälfte von ihnen ist arbeitslos. Auch sonst führt Khayelitsha so gut wie jede Negativstatistik an, die Kapstadts acht Stadtdistrikte zu bieten haben - ob es sich um Kindersterblichkeit, um sexuell übertragbare Krankheiten wie Aids oder auch um Tuberkulose (TB) handelt.

          Um Tuberkulose schneller nachweisen zu können, werden Erreger in flüssiger Nährlösung angezüchtet

          Für Mediziner jedoch ist Khayelitsha die erste Wahl, wenn es um Pilotprojekte geht. Zu Hunderten reisten die Delegierten der 38. „Union World Conference on Lung Health“ in dieser Woche in das Township. Denn nicht die Klinik in Langa, die ein gutgeführtes Tuberkuloseprogramm mit einer hohen Heilungsrate hat, sondern die „Site B Clinic“ in Khayelitsha wurde ausgewählt, der Distrikt also, wo zwar nur elf Prozent (etwa 350.000) der Kapstädter hausen, in dem aber gut 21 Prozent aller Tuberkulosefälle der Stadt diagnostiziert werden. In Khayelitsha kommen auf 100.000 Einwohner etwa 1600 Tuberkulosefälle, in den anderen sieben Distrikten sind es zwischen 400 und 1000 Erkrankungen, in Deutschland - zum Vergleich - nur etwa sieben.

          Ein vernachlässigtes Stiefkind

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