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Sucht nach Nasenspray : Alle naselang

  • -Aktualisiert am

Mindestens 100.000 bis 120.000 Abhängige

Anders als beim Missbrauch von sedierenden Medikamenten, Alkohol- oder Drogensucht geht es Nasenspray-Abhängigen nicht um Rausch oder Befriedigung, sondern nur darum, die Nase frei zu bekommen. Wie viele Menschen in Deutschland täglich zum Sprühfläschchen greifen, weiß niemand genau. Der Bremer Pharmakologe Gerd Glaeske hat die Anzahl der Abhängigen vor einigen Jahren, ausgehend von den Verkaufszahlen der Präparate, auf „mindestens 100.000 bis 120.000“ geschätzt. In einem Leitfaden der Bundesapothekerkammer von 2011 wird von einer Prävalenz von sechs bis neun Prozent der Deutschen ausgegangen. Die Dunkelziffer ist sicher hoch. Das Mittel über viele Jahre zu konsumieren, wie es Lamprecht getan hat, ist offenbar nicht ungewöhnlich. In Internetforen tauschen sich Leidensgenossen aus, die seit mehreren Jahren, teilweise sogar schon seit Jahrzehnten, abhängig sind. Etwa unter der Überschrift „Ich habe die Nase voll“ berichten die Betroffenen von ihren oft vergeblichen Versuchen, endlich vom Sprühfläschchen loszukommen.

Die Nasen der Patienten, die letztlich wegen ihrer Abhängigkeit zum Arzt gehen, sagt Martin Wagenmann, weisen oft Fehlbildungen auf – so wie bei Frauke Lamprecht. Schon als Kind bekam sie nie gut Luft, atmete im Schlaf durch den Mund, hatte daher oft Halsschmerzen und war krank. Nasensprays oder Nasentropfen nahm sie trotzdem keine. Später stellte eine Hals-Nasen-Ohren-Ärztin fest, dass Lamprecht vergrößerte Nasenmuscheln, eine schiefe Nasenscheidewand, mehrere kleine Polypen und Allergien hatte. All das behinderte ihre Atmung. Lamprecht, damals Mitte 20, entschied sich gegen eine Operation, zu der ihr die Ärztin geraten hatte. Mit Studium und Arbeit wäre ihr das zu viel gewesen.

Äußerst sozialverträgliches Suchtmittel

Stattdessen bekam sie von einer Freundin den Tipp, doch mal abschwellendes Nasenspray zu nutzen. Schon nach dem ersten Sprühstoß bekam Lamprecht besser Luft als je zuvor, auch durch den Mund musste sie nicht mehr atmen. „Das Nasenspray war die Problemlösung“, erinnert sie sich.

Befördert wurde ihr Sprühzwang auch durch den Umstand, dass die Abhängigkeit ausgesprochen sozialverträglich ist. „Ich habe mich nicht dafür geschämt“, sagt Lamprecht. Sie hatte keine Hemmungen, vor Freunden oder im Restaurant einen Zug zu nehmen. Nur wenn sie einen neuen Partner kennengelernt hatte, sprühte sie zunächst im Verborgenen, ehe sie sich offenbarte. Ein bisschen peinlich war die Sucht Lamprecht dann doch. In der Apotheke in der Ladenzeile unter ihrer Wohnung holte sie nur im Halbjahres-Takt Nachschub: „Mehr hab ich mich nicht getraut.“ Schließlich gab es in der Stadt genug andere Apotheken, manchmal bestellte sie auch mehrere Packungen auf einmal im Internet. Und im Notfall konnte sie immer noch ihren Partner schicken, um etwaigen unangenehme Fragen des Apothekers auszuweichen.

Denn laut Apothekenbetriebsordnung sind Apotheker verpflichtet, „einem erkennbaren Arzneimittelmissbrauch in geeigneter Weise entgegenzutreten“ und „bei begründetem Verdacht auf Missbrauch“ das jeweilige Medikament nicht auszugeben. Auch sollen bei der Kundenberatung „insbesondere Aspekte der Arzneimittelsicherheit“ – also auch das Abhängigkeitspotential der Nasensprays – thematisiert werden. Eine Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände sagte dieser Zeitung, dass die Apotheker „in den allermeisten Fällen ihrer Verantwortung gerecht“ würden und auf die Risiken der Sprays aufmerksam machten.

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