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Langzeitstudie : In manchen Regionen wird achtmal häufiger operiert

  • -Aktualisiert am

Wird zu spät operiert? Bild: dpa

Im deutschen Gesundheitssystem herrscht Über-, Unter- und Fehlversorgung. Zwei aktuelle Studien zeigen, wie unterschiedlich die ärztliche Versorgung in Deutschland ist. Häufig ist die medizinische Notwendigkeit nicht der Grund für eine Operation.

          Wie Patienten in Deutschland medizinisch versorgt sind, hängt vom Wohnort ab. Diese Problematik, die in der jüngeren Vergangenheit in mehreren Untersuchungen demonstriert wurde, zeigt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nun in einer groß angelegten Studie, in der unter anderem die Rate an Operationen am Herzen und die Rate an Kaiserschnitten in unterschiedlichen Regionen verglichen wurden. Die Bertelsmann Stiftung veröffentlicht parallel weitere Daten, die die Ergebnisse der OECD bestätigen: In manchen Städten und Landkreisen werden demnach acht Mal so viele Einwohner an den Mandeln operiert wie anderswo. Ähnlich große regionale Unterschiede gibt es bei der Entfernung des Blinddarms oder der Prostata.

          Rein medizinisch sind derart hohe Abweichungen kaum zu erklären. Auch die Unterschiede bei Alters- und Geschlechtsstrukturen reichen nicht aus, um die Variation zu begründen - für die Studienautoren ein Warnsignal. Sie stellen ihre Ergebnisse in der kommenden Woche in Berlin vor. Neben Deutschland wurden durch die OECD auch zwölf andere Industrienationen in die Studie einbezogen, darunter Spanien, Frankreich und Großbritannien. Auch hier bestehen auffällige regionale Unterschiede.

          Unerklärliche Abweichungen

          Die Daten für Deutschland stammen aus Langzeituntersuchungen. Seit dem Jahr 2007 beobachtet die Bertelsmann Stiftung mit ihrem Projekt „Faktencheck Gesundheit“ die Häufigkeit von Operationen in allen 402 deutschen Kreisen und Städten. Die regionalen Unterschiede sind demnach nicht nur verblüffend auffällig, ihr Ausmaß innerhalb Deutschlands bleibt offenbar auch über die Jahre hinweg bei den einzelnen medizinischen Eingriffen nahezu gleich. Und es sind auch überwiegend dieselben Regionen, die konstant unter besonderer Über- oder Unterversorgung leiden. Auffällig ist zudem, dass einige Städte und Kreise gleich bei mehreren Eingriffen die deutschlandweit höchsten Operationsraten aufweisen. „Große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung sind ein klares Zeichen für Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme“, kommentiert OECD-Direktor Mark Pearson die Ergebnisse.

          Das Kapitel über Deutschland im OECD-Report „Geographische Variationen in der Gesundheitsversorgung“ hat Philipp Storz-Pfennig von der Abteilung Medizin des GKV-Spitzenverbands verfasst. Ein beträchtlicher Teil der Variation sei „nach wie vor unerklärt und somit, nach dem derzeitigen Wissensstand, möglicherweise ungerechtfertigt“, bilanziert er. Er fordert dringend weitergehende Untersuchungen, um die Ursachen zu erforschen.
          In Storz-Pfennigs Analyse wurden Krankenhauseinweisungen für medizinische (nicht-operative) Behandlungen berücksichtigt, zudem koronare Bypass-Operationen, Koronarangioplastien, Operationen nach Hüftfrakturen, Kniegelenkersatz-Operationen, Kaiserschnitte und Hysterektomien.
          Die Daten stammen vom Statistischen Bundesamt.

          Größte Unterschiede bei Herz-OPs

          Die größten regionalen Unterschiede waren bei den Raten koronarer Interventionen und koronarer Bypass-Operationen festzustellen, bei Kniegelenkersatz-Operationen und Hysterektomien waren die Unterschiede geringer. Die geringste Variation wiesen Krankenhauseinweisungen für medizinische Behandlungen und Kaiserschnitte auf. Ebenfalls gering waren die Unterschiede bei Hüftfraktur-Operationen; dieser Eingriff war nur zu Kalibrierungszwecken einbezogen worden, weil die Unterschiede stets gering ausfallen.

          Bei den Kniegelenkersatz-Operationen war die regionale Variation immer noch beträchtlich, aber nicht ganz so auffällig wie bei den Operationen am Herzen. Insbesondere ein Nord-Süd-Gefälle trat zum Vorschein: In Bayern werden besonders viele dieser Eingriffe vorgenommen, in Mecklenburg-Vorpommern besonders wenige. Durch Unterschiede im Vorkommen der zugrundeliegenden Erkrankung, der Osteoarthritis, ließe sich diese Variation  nicht erklären, so Storz-Pfennig. Beim Kaiserschnitt hingegen ist die Variation zwischen den Bundesländern zwar nicht so deutlich ausgeprägt, allerdings lässt sich dennoch aus den Daten ersehen, dass in Westdeutschland mehr Kinder mittels Schnittentbindung zur Welt kommen als im Osten. Durch das Alter der Mütter oder durch eine Einstellung zum Einsatz von Technik oder die Inanspruchnahme von Hebammen ließe sich dieser Unterschied nicht erklären, heißt es in der Studie. Insgesamr stieg die Kaiserschnittrate von sechzehn Prozent im Jahr 1990 auf gegenwärtig dreißig Prozent.

          Spielen Gewohnheiten der Ärzte eine Rolle?

          Nicht nur zwischen Ost- und Westdeutschland, Norden und Süden zeigten sich Variationen. Auch innerhalb einzelner Bundesländer fielen deutliche Unterschiede auf. In Hessen etwa: In Waldeck-Frankenberg werden seit Jahren fast vier Mal so vielen Kindern die Gaumenmandeln herausgenommen wie im Hochtaunuskreis. Nicht anders sieht es in Mecklenburg-Vorpommern aus: Im Kreis Mecklenburgische Seenplatte ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kindern der Blinddarm entfernt wird drei Mal höher als in Rostock oder Schwerin. Die beiden größten Städte des nordöstlichen Bundeslandes weisen auch im bundesweiten Vergleich sehr niedrige Blinddarm-OP-Raten auf. Das Gleiche gilt für Kniegelenk-Erstimplantationen. Die OP-Raten liegen weit unter dem Bundesdurchschnitt. Fünf der insgesamt acht Kreise in Mecklenburg-Vorpommern zählen zu den bundesweit zwanzig Kreisen mit den niedrigsten OP-Raten. Eindrucksvoll sind auch die Zahlen aus Bayern: Im Landkreis Schweinfurt und in Weiden in der Oberpfalz ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kindern die Gaumenmandeln entfernt werden fünf Mal höher als in Coburg oder im Unterallgäu. Achtzehn von zwanzig Kreisen mit den höchsten Raten an Kniegelenk-Erstimplantationen und acht von zwanzig Kreisen mit den höchsten Kaiserschnittraten liegen in Bayern. „Offensichtlich spielen hier andere Faktoren eine Rolle als nur die medizinische Notwendigkeit“, sagt Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

          Die Autoren halten Ursachenforschung übereinstimmend für dringend geboten. „Man könnte jetzt auf der einen Seite Ursachenforschung für ganz Deutschland betreiben und dafür statistisch arbeiten“, sagt Marion Grote Westrick, die das Projekt „Faktencheck Gesundheit“ der Bertelsmann Stiftung leitet. „Aber es gibt auch die Möglichkeit, zunächst punktuelle Analysen vorzunehmen und sich die Kreise anzusehen, die auffällig sind. Dabei würde man die Frage stellen, ob es beispielsweise um Gewohnheiten von Ärzten geht. Gibt es soziale, ökonomische oder Bildungsfaktoren, die eine Rolle spielen?  Oder hat es etwas mit der Ärzte- und Fachabteilungsdichte zu tun?“ Die Antworten sind oft weniger eindeutig, als man denken könnte. „Beim faktencheck Gesundheit haben wir herausgefunden, dass die Eingriffszahlen bei den Knieoperationen umso geringer waren, je höher die Dichte an Orthopäden in einer Region war. Bei den Gaumenmandel-Operationen ist es anders: Je mehr  Belegbetten es gibt, desto höher ist auch die Rate an Eingriffen.“ Klar ist nur eines: Internationale Studien haben in der Vergangenheit mehrfach ergeben, dass faktenbasiert aufgeklärte Patienten sich oft gegen eine OP entscheiden. „Wir müssen die Patienten stärken“, sagt Grote Westrick deshalb. „Es ist wichtig, dass die Patienten mehr einfordern.“ Zudem sei auch eine Analyse der Strukturen sinnvoll, denn vielleicht fehlten den Ärzten mancherorts schlicht die Möglichkeiten und Materialien, um Aufklärung zu leisten.

          Die beiden Studien von OECD und Bertelsmann Stiftung stellen zudem übereinstimmend fest, dass das Fehlen klarer medizinischer Leitlinien die Gefahr von regionalen Unterschieden vergrößert. Auch die OECD betont die Rolle der ärztlichen Aufklärung, die offenbar regional unterschiedlich wahrgenommen wird: „Von Ärzten kann man normalerweise erwarten, dass sie über alternative Behandlungsmethoden verständlich und neutral informieren. Dies sollten die Patienten auch einfordern“, sagt Mark Pearson. Entscheidungen für oder gegen eine Operation dürften nicht eine Frage der Angebotskapazität oder etwa der Gewohnheiten der ortsansässigen Ärzte sein.

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