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Langzeitstudie : In manchen Regionen wird achtmal häufiger operiert

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Spielen Gewohnheiten der Ärzte eine Rolle?

Nicht nur zwischen Ost- und Westdeutschland, Norden und Süden zeigten sich Variationen. Auch innerhalb einzelner Bundesländer fielen deutliche Unterschiede auf. In Hessen etwa: In Waldeck-Frankenberg werden seit Jahren fast vier Mal so vielen Kindern die Gaumenmandeln herausgenommen wie im Hochtaunuskreis. Nicht anders sieht es in Mecklenburg-Vorpommern aus: Im Kreis Mecklenburgische Seenplatte ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kindern der Blinddarm entfernt wird drei Mal höher als in Rostock oder Schwerin. Die beiden größten Städte des nordöstlichen Bundeslandes weisen auch im bundesweiten Vergleich sehr niedrige Blinddarm-OP-Raten auf. Das Gleiche gilt für Kniegelenk-Erstimplantationen. Die OP-Raten liegen weit unter dem Bundesdurchschnitt. Fünf der insgesamt acht Kreise in Mecklenburg-Vorpommern zählen zu den bundesweit zwanzig Kreisen mit den niedrigsten OP-Raten. Eindrucksvoll sind auch die Zahlen aus Bayern: Im Landkreis Schweinfurt und in Weiden in der Oberpfalz ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kindern die Gaumenmandeln entfernt werden fünf Mal höher als in Coburg oder im Unterallgäu. Achtzehn von zwanzig Kreisen mit den höchsten Raten an Kniegelenk-Erstimplantationen und acht von zwanzig Kreisen mit den höchsten Kaiserschnittraten liegen in Bayern. „Offensichtlich spielen hier andere Faktoren eine Rolle als nur die medizinische Notwendigkeit“, sagt Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Die Autoren halten Ursachenforschung übereinstimmend für dringend geboten. „Man könnte jetzt auf der einen Seite Ursachenforschung für ganz Deutschland betreiben und dafür statistisch arbeiten“, sagt Marion Grote Westrick, die das Projekt „Faktencheck Gesundheit“ der Bertelsmann Stiftung leitet. „Aber es gibt auch die Möglichkeit, zunächst punktuelle Analysen vorzunehmen und sich die Kreise anzusehen, die auffällig sind. Dabei würde man die Frage stellen, ob es beispielsweise um Gewohnheiten von Ärzten geht. Gibt es soziale, ökonomische oder Bildungsfaktoren, die eine Rolle spielen?  Oder hat es etwas mit der Ärzte- und Fachabteilungsdichte zu tun?“ Die Antworten sind oft weniger eindeutig, als man denken könnte. „Beim faktencheck Gesundheit haben wir herausgefunden, dass die Eingriffszahlen bei den Knieoperationen umso geringer waren, je höher die Dichte an Orthopäden in einer Region war. Bei den Gaumenmandel-Operationen ist es anders: Je mehr  Belegbetten es gibt, desto höher ist auch die Rate an Eingriffen.“ Klar ist nur eines: Internationale Studien haben in der Vergangenheit mehrfach ergeben, dass faktenbasiert aufgeklärte Patienten sich oft gegen eine OP entscheiden. „Wir müssen die Patienten stärken“, sagt Grote Westrick deshalb. „Es ist wichtig, dass die Patienten mehr einfordern.“ Zudem sei auch eine Analyse der Strukturen sinnvoll, denn vielleicht fehlten den Ärzten mancherorts schlicht die Möglichkeiten und Materialien, um Aufklärung zu leisten.

Die beiden Studien von OECD und Bertelsmann Stiftung stellen zudem übereinstimmend fest, dass das Fehlen klarer medizinischer Leitlinien die Gefahr von regionalen Unterschieden vergrößert. Auch die OECD betont die Rolle der ärztlichen Aufklärung, die offenbar regional unterschiedlich wahrgenommen wird: „Von Ärzten kann man normalerweise erwarten, dass sie über alternative Behandlungsmethoden verständlich und neutral informieren. Dies sollten die Patienten auch einfordern“, sagt Mark Pearson. Entscheidungen für oder gegen eine Operation dürften nicht eine Frage der Angebotskapazität oder etwa der Gewohnheiten der ortsansässigen Ärzte sein.

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