https://www.faz.net/-gum-6y4p7

Studie zu Übergewicht : Ungebildet, arbeitslos, fett

Die OECD rechnet damit, dass bis 2020 in mehreren ihrer Mitgliedstaaten bereits zwei Drittel der Bewohner übergewichtig sein werden. Viele Kinder sind betroffen. Bild: dapd

In Griechenland, den Vereinigten Staaten und Italien sind ein Drittel aller Kinder inzwischen zu dick. Eine Studie über Übergewicht in den OECD-Ländern verdeutlicht die ungesunde Entwicklung.

          Fast jeder zweite Bürger in einem Mitgliedsland der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist inzwischen übergewichtig, jeder sechste gilt als fettleibig. Allerdings zeigen neue Daten aus zehn der 34 OECD-Staaten, dass sich der Anteil fettleibiger Menschen in einigen Ländern in den vergangenen zehn Jahren weniger stark als bislang oder zum Teil gar nicht erhöht hat. Dazu gehören vor allem Großbritannien (die Rate liegt bei 23 Prozent), Italien (zehn Prozent), Südkorea (vier Prozent), die Schweiz (acht Prozent) und Ungarn (19 Prozent), in Frankreich (elf Prozent) und Spanien (16 Prozent) stiegen die Zahlen um zwei bis drei, in Irland (23 Prozent), Kanada (24 Prozent) und den Vereinigten Staaten (35 Prozent) um vier bis fünf Prozentpunkte, wie die OECD in ihrem aktualisierten Bericht „Obesity Update 2012“ feststellt.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ältere Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass der Anteil Übergewichtiger in Deutschland zwischen 1999 und 2009 bei Männern von 56 auf mindestens 60 Prozent und bei Frauen von 40 auf 45 Prozent gestiegen ist. Insgesamt sind damit mindestens 51 Prozent der Deutschen zu dick. Der Anteil der fettleibigen Frauen und Männer (jeweils 16 Prozent) ist bis 2009 ebenfalls „signifikant angestiegen“ - und zwar in allen Altersgruppen, aber besonders bei den über Fünfundsechzigjährigen: um mehr als fünf Prozentpunkte bei den Frauen und um sieben Prozentpunkte bei den Männern.

          Die OECD rechnet damit, dass bis 2020 in mehreren ihrer Mitgliedstaaten bereits zwei Drittel der Bewohner übergewichtig sein werden. Vor 1980 war es nur jeder zehnte. Die Zahlen der Erwachsenen spiegeln sich bei Kindern und Jugendlichen wieder. Nur in den OECD-Staaten Türkei und Südkorea sind gerade einmal zehn Prozent der Fünf- bis Siebzehnjährigen übergewichtig oder fettleibig. In Griechenland, den Vereinigten Staaten und Italien sind ein Drittel von ihnen inzwischen zu dick. In den meisten Ländern leiden Jungen vermehrt unter Übergewicht, nur in den skandinavischen Staaten Schweden, Norwegen und Dänemark sowie in den Niederlanden, Frankreich, Großbritannien und Australien sind mehr Mädchen zu dick.

          Die meisten Kinder mit Übergewicht gibt es in Griechenland und in den Vereinigten Staaten.

          Insgesamt sind Frauen häufiger fettleibig als Männer, allerdings holen die Männer in den vergangenen Jahren stark auf. Zugleich ist Fettleibigkeit unter ärmeren und weniger gebildeten Bevölkerungsschichten weiter verbreitet. Besonders schlecht ausgebildete Frauen sind zwei bis drei Mal häufiger fettleibig als ihre besser gestellten Geschlechtsgenossinnen, ein Trend, der sich bei Männern seltener beobachten lässt. Soziale Unterschiede führen auch bei Kindern und Jugendlichen etwa in Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten öfter zu Fettleibigkeit - in Südkorea aber zum Beispiel nicht.

          Stark Übergewichtige entwickeln nicht nur mit höherer Wahrscheinlichkeit Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, sie sterben auch im Schnitt acht bis zehn Jahre früher als normalgewichtige Personen. Die Belastungen für die Gesundheitssysteme sind enorm: Schon jetzt ist Fettleibigkeit etwa in den Vereinigten Staaten für fünf bis zehn Prozent der Gesamtausgaben im Bereich Gesundheit verantwortlich. Neben schlechter Gesundheit sind Übergewichtige und Fettleibige auch beruflich meist wesentlich schlechter gestellt. Umfragen zeigen, dass Arbeitgeber dicke Bewerber seltener einstellen, da sie diese Mitarbeiter für weniger produktiv halten und Fehlzeiten fürchten. In Amerika sind fast 40 Prozent der stark übergewichtigen weißen Frauen arbeitslos, bei ihren normalgewichtigen Geschlechtsgenossinnen sind weniger als ein Drittel ohne Job. Wie die OECD-Statistik zeigt, verdienen Fettleibige im Schnitt ein Fünftel weniger als Normalgewichtige.

          Weitere Themen

          Kiffer knabbern mehr

          Studie legt nahe : Kiffer knabbern mehr

          Eine neue Studie zeigt: In amerikanischen Staaten, in denen Cannabis als Genussmittel legal ist, steigt der Snack-Konsum auch stärker an. Es könnte durchaus einen Zusammenhang geben.

          Keine Mehrheit für soziale Dienstpflicht

          Umfrage : Keine Mehrheit für soziale Dienstpflicht

          Die Idee einer sozialen Dienstpflicht für Jugendliche stößt in Deutschland auf Vorbehalte, wie eine Umfrage zeigt. Die Bürger wollen sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen, sagt der Zukunftsforscher Opaschowski. Können die Deutschen etwas von den Franzosen lernen?

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Mittwoch in London

          Parlament gegen Johnson : Aufstand gegen den No-Deal-Brexit

          Noch ist Boris Johnson nicht Premierminister. Aber er spielt schon öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen. Jetzt reagiert das Parlament – und macht ihm eine solche Lösung durch einen Trick schwerer.
          Außenminister Heiko Mass (links) und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow unterhalten sich vor Beginn des Petersburger Dialogs in Königswinter.

          „Petersburger Dialog“ : Maas nähert sich an – Lawrow teilt aus

          Laut Außenminister Maas könnten die dringenden Fragen der Weltpolitik nur mit Russland angegangen werden. Sein russischer Amtskollege wirft Deutschland hingegen vor, sich an „einer aggressiven antirussischen Politik“ zu beteiligen.

          Verhör von Carola Rackete : „Es sollte um die Sache gehen“

          Die „Sea-Watch“-Kapitänin kritisiert nach ihrer Anhörung den Rummel um ihre Person. Der lenke vom eigentlichen Problem ab: dem Umgang mit den Migranten im Mittelmeer. Doch Racketes Äußerungen zur Seenotrettung sind in Italien umstritten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.