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Studie zu Abtreibungen : „Die Frauen finden ihre Entscheidung richtig“

  • -Aktualisiert am

Beim Women’s March 2020 in Kalifornien macht eine Demonstrantin mit einem Kleiderbügel auf die Gefahr von selbst durchgeführten Abtreibungen aufmerksam. Bild: EPA

Ein Forschungsteam aus Kalifornien hat fünf Jahre lang 667 Frauen zu ihren Gefühlen nach einer Abtreibung befragt. Die leitende Wissenschaftlerin erklärt, wie Stigmata die Gefühle beeinflussen und was die Politik ändern sollte.

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          Frau Rocca, Sie haben vor kurzem eine Studie über die emotionale Verarbeitung von Schwangerschaftsabbrüchen in dem Fachmagazin „Social Science & Medicine“ veröffentlicht. 667 Frauen wurden über fünf Jahre zu ihren Gefühlen gegenüber der Abtreibung befragt. Wie erging es den Befragten?

          Unsere Studie hat gezeigt, dass die Frauen kurz nach dem Abbruch unterschiedliche Gefühle – sowohl positive als auch negative – empfinden. Unabhängig der Art der Gefühle, ist die Intensität dieser Emotionen nach einer gewissen Zeit verschwunden. Nach fünf Jahren haben 85 Prozent der Befragten keine, nur noch sehr wenige oder ausschließlich positive Gefühle gegenüber ihrem Schwangerschaftsabbruch empfunden. Darüberhinaus war sich die überragende Mehrheit von 95 Prozent der Befragten nach fünf Jahren sicher, dass die Abtreibung die richtige Entscheidung war. Das trifft auch auf die Frauen zu, die zuvor berichtet hatten, mit der Entscheidung zum Abbruch gehadert zu haben sowie jene, die in ihrem Umfeld eine hochgradige Stigmatisierung aufgrund der Abtreibung erfahren haben.

          Viele andere Studien kamen zu einem sehr ähnlichen Ergebnis. Warum ist Ihre Studie dennoch relevant?

          Der Großteil der vorherigen Studien zu Emotionen nach einer Abtreibung beziehungsweise über die Reue oder Erleichterung nach dieser Entscheidung waren allesamt auf einen relativ kurzen Zeitraum nach der Abtreibung bezogen – also zum Beispiel wurden die ersten Wochen nach dem Eingriff beobachtet. Studien, die diese Frauen über einen längeren Zeitraum befragt haben, wurden entweder vor Jahrzehnten erhoben, als das politische Klima zu Abtreibungen in Amerika noch anders war, oder sie wurden in Europa durchgeführt, wo die Normen hinsichtlich Schwangerschaftsabbrüchen deutlich von den Vereinigten Staaten abweichen. Unsere Studie ist einmalig, da sie erstmals so viele Frauen, die übrigens aus 21 unterschiedlichen amerikanischen Bundesstaaten stammen, über einen so langen Zeitraum untersucht hat.

          Wie Sie eingangs in Ihrer Studie erwähnen, hat die Untersuchung auch einen politischen Charakter. Die Abtreibungsgesetze haben sich in den letzten Jahren in Amerika drastisch verschärft. 

          Die Verschärfung wird häufig auch damit begründet, Frauen würden oftmals unter ihrer Entscheidung zum Abbruch leiden. Dabei zeigen die Ergebnisse, dass es keine wissenschaftlich begründbare Notwendigkeit gibt, Frauen systematisch vor der Abtreibung über mögliche negative Verstimmungen oder Reue zu unterrichten. Wir fanden keine Beweise dafür, dass negative Gefühle über die Jahre nach dem Abbruch fortbestehen oder auftauchen. Zahlreiche andere Studien sind zu übereinstimmenden Ergebnissen gekommen. Stattdessen führt eher starke Stigmatisierung nach der Abtreibung dazu, die Entscheidung für eine Abtreibung anzuzweifeln. Es sollte also viel eher darüber nachgedacht werden, gezielte Beratungsangebote zu schaffen, wie Frauen mit dieser Stigmatisierung fertig werden.

          Auch in Deutschland wird zur Zeit viel über das hiesige Abtreibungsgesetz diskutiert. Paragraf 219a, ein Verbot zur Werbung für Schwangerschaftsabbrüche wurde zwar gelockert, aber nicht abgeschafft. Stattdessen kündigte die Bundesregierung als „Kompromiss“ eine Studie an, die abermals prüfen soll, wie Frauen Abtreibungen verarbeiten. Was kann Ihre Studie dieser Debatte beisteuern?

          Ich bin der Meinung, dass diejenigen, die die Gesetze machen, ihre Politik zum Thema Abtreibungen auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu stützen sollten, wie Frauen mit dieser Entscheidung umgehen. Die überwiegende Mehrheit der Frauen ist von der Richtigkeit ihrer Entscheidung überzeugt. Demnach sind gesetzliche Einschränkungen, die auf der Annahme beruhen, Frauen würden ihre Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch eher bereuen, wissenschaftlich nicht fundiert.

          2015 haben Sie bereits einen Teil der Studie veröffentlicht – damals über den Befragungszeitraum von drei Jahren. Unterscheiden sich die Ergebnisse von denen nach fünf Jahren?

          Die Studie von 2015 hat untersucht, ob der Zeitpunkt der Abtreibung im Schwangerschaftsverlauf Einfluss auf die Gefühle der Frauen hat. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass es für die Gefühlswelt der Frauen unerheblich ist, wie weit die Schwangerschaft vorangeschritten ist. Die aktuelle Studie hat hingegen untersucht, wie der Verlauf der Gefühle durch Stigmatisierungen und eine erschwerte Entscheidungsfindung beeinflusst wird, weil diese beiden Einflüsse zu negativen Gefühlen gegenüber dem Schwangerschaftsabbruch führen können. Bei beiden Faktoren hat sich jedoch herausgestellt, dass sie nur kurze Zeit die Gefühle der abtreibenden Frauen beeinflussen: Hier haben die Gefühle von jenen, denen die Entscheidung zum Abbruch zunächst schwergefallen ist, nach einer gewissen Zeit mit denen übereingestimmt, die sich mit der Entscheidung nicht schwer getan haben. Ebenso glichen sich die Gefühle der Frauen, die mit Stigmatisierungen durch den Schwangerschaftsabbruch in ihrem Umfeld zu kämpfen hatten jenen an, bei denen das nicht der Fall war. Eine überwiegende Mehrheit dieser Frauen teilte am Ende vor allem ein Gefühl der Erleichterung über ihre Entscheidung.

          Werden Folgestudien an die Ergebnisse Ihrer aktuellen Studie angeschlossen? Und wenn ja, welche?

          Die aktuelle Forschung zu Abtreibungen konzentriert sich bislang auf die Frauen, die den Eingriff in einer Abtreibungsklinik durchführen lassen. Frauen, die den Abbruch anderweitig, vielleicht sogar selbst durchführen, werden in der Forschung also vollkommen vernachlässigt. In unserem nächsten Forschungsprojekt begleiten wir Frauen von dem Moment der frühen Schwangerschaft, über die Entscheidung zur Abtreibung, bis hin zur Zeit nach dem Eingriff. So können wir nachvollziehen, wie Frauen die Entscheidung zu einer Abtreibung treffen, ob Frauen die Betreuung bekommen, die sie sich wünschen und ob Frauen besonders dort, wo Abtreibungen schwer zugänglich sind, sich für eine inoffizielle, meist risikoreiche Variante entscheiden.

          Corinne Rocca forscht an der Universität von Kalifornien in San Francisco. Mit ihrem Team untersucht sie die Einstellungen von Frauen hinsichtlich Schwangerschaften und Abtreibungen sowie deren Zugang zu medizinischer Versorgung.

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