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Studie zweifelt an Erfolg : Zahnspange, das Statussymbol aus Draht

Früher unbeliebt, heute für viele ein modisches Accessoire: Die Zahnspange verheißt den Eintritt in eine neue Lebenphase. Bild: Bildagentur-online/Tetra-Images

Eine neue Studie äußert deutliche Zweifel am Erfolg von kieferorthopädischen Behandlungen. Gerade jetzt, wo die Spange für Teenies ein Statussymbol ist.

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          Ein Jugendzimmer in einem Hochhaus, und bevor diese Geburtstagsparty an einem Herbsttag in den achtziger Jahren um 21 Uhr zu Ende geht, wird Flaschendrehen gespielt. Ein Stapel Superheldencomics neben dem Bett und ein Commodore C64 auf dem Schreibtisch, es gibt Cola und keinen Alkohol. Die Gäste, die im Kreis auf dem Teppichboden sitzen, sind schließlich erst 13. Die leere Flasche zeigt auf einen der schüchterneren Jungs aus der Klasse, und diesmal geht es nicht darum, bei den Nachbarn in einem anderen Stockwerk Zucker zu erbetteln. Einmal küssen, bitte. Und zwar ausgerechnet das schönste Mädchen der Party. Wozu spielt man sonst Flaschendrehen? Die Runde grölt. Die Auserwählten werden rot. Plötzlich ruft jemand, das könne aber gehörig schiefgehen, wegen der Zahnspangen – was, wenn die beiden sich verhaken? Der schüchterne Junge und das schöne Mädchen erröten noch mehr. Am Ende kommen sie ohne Geküsse davon. Sie wirken erleichtert.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zahnspangen sind eine ambivalente Angelegenheit. Weniger schlimm als Pickel oder Liebeskummer. Aber wenn es einen erwischt, muss man sich langfristig arrangieren – mit seinem entstellten Lächeln zum Beispiel, mit Schmerzen beim Nachziehen, lästigen Besuchen beim Kieferorthopäden und dem nervigen Putzen. Gleichzeitig verheißt eine Zahnspange auch verschämten Stolz auf ein äußerliches Zeichen, das besagt: Jetzt ist man in der Pubertät. Eine feste Spange auf Mädchenzähnen ist beinahe ein modisches Accessoire. Sie glitzert erwachsener als das Pailletten-Einhorn auf dem Kinder-T-Shirt und wirkt fast wie ein Vorgeschmack auf den dezenten Glow auf Model-Wangen. Kandidaten mit loser Spange bekommen als Attribut ihres Aufstiegs in die Welt der etwas Größeren immerhin eine dieser roten oder blauen Plastikdosen in Bohnenform.

          So exotisch wie die Demeter-Möhren, die meine Mutter im Reformhaus kaufte

          In Zeiten, da Youtuberinnen selbstverständlich mit Brackets in ihre Handy-Kameras grinsen, sind Zahnspangen eine Selbstverständlichkeit. Angeblich erhält heute rund jeder zweite Jugendliche eine kieferorthopädische Behandlung, genaue Zahlen gibt es nicht. Die Kosten dafür sind jedenfalls seit 2005 kontinuierlich gestiegen und liegen derzeit bei mehr als 1,1 Milliarden Euro im Jahr – Selbstzahlerleistungen kommen noch hinzu. In Berlin-Prenzlauer Berg raunen sich Mütter im Geheimtippmodus die Adressen guter Kieferorthopäden zu. Gymnasiastinnen beschweren sich lediglich, wenn die Eltern sich zu spät um eine Korrektur ihrer Zahnfehlstellung kümmern – aus Angst, mit 17 Jahren als Letzte mit Draht im Mund unterwegs zu sein. Der 18-jährige Flüchtlingsjunge aus Syrien trägt seine Zahnspange mit derselben Zufriedenheit wie den frischen Undercut: angekommen in Deutschland.

          Und wozu das Ganze? Eine neue Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums kommt zu dem Schluss, dass der medizinische Nutzen kieferorthopädischer Behandlungen alles andere als erwiesen ist. Die langfristige Auswirkung etwa auf Zahnausfall, das Karies-Risiko oder Parodontitis sei zu wenig untersucht. Schon im Frühjahr hatte der Bundesrechnungshof Forschungsdefizite moniert. Jetzt müssen Krankenkassen und Gesundheitspolitiker entscheiden, ob die Kriterien für die Verordnung auf den Prüfstand sollen. Droht der flächendeckend eingesetzten Zahnspange das Aus? Dieser Insignie des Teenietums, in der sich nicht nur das Niveau der Gesundheitsversorgung in Deutschland materialisierte, sondern scheinbar auch ein Recht auf ebenmäßige Zähne? Schon jetzt sind kosmetische Korrekturen eigentlich keine Kassenleistung. Allerdings lässt sich der neuen Studie zufolge einzig ein Erfolg bei der Behebung von Fehlstellungen beweisen – und damit eine Verbesserung der Lebensqualität.

          Meine eigene Zahnspange war in diesem Sinne übrigens ein Fehlgriff. Sie hieß Bionator und war in den achtziger Jahren ungefähr so exotisch wie die verschrumpelten Demeter-Möhren, die meine Mutter im Reformhaus kaufte. Im Internet lese ich heute, dass dieses Modell für einen ganzheitlichen Ansatz in der Kieferorthopädie stand. Es bestand aus einem rosa Plastikbogen und zwei Drahtbügeln, lag beweglich im Mund und sollte durch die eigene Muskelkraft beim Schlucken oder Sprechen auf die Bissstellung einwirken. Natürlich war deshalb eine längere Behandlung nötig als beispielsweise mit diesen martialischen Außenspangen, die mit einem Gummi im Nacken festgespannt wurden und wie Folterinstrumente wirkten in einer Zeit, in der Gewalt in der Kindererziehung endlich aus der Mode kam.

          Vier, fünf Jahre lang fuhren wir alle sechs Wochen zu unserem ganzheitlichen Kieferorthopäden und nahmen dafür eine halbe Autostunde Weg in Kauf. Die notorische Zahnlücke, die ich von meiner Oma und meinem Vater geerbt habe, ist dadurch keineswegs verschwunden. Einziger Vorteil meiner Bio-Spange: Zum Küssen konnte man sie sekundenschnell herausnehmen.

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