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Analyse von Drogenrückständen : So viel Heroin steckt noch in Heroin

Spritzen stehen im Konsumraum Niddastraße im Bahnhofsviertel bereit. Bild: dpa

In einer bundesweit einmaligen Studie sind Heroinproben auf ihren tatsächlichen Gehalt der Droge untersucht worden. Das Ergebnis überrascht auch Experten.

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          Das Paket, das er einmal monatlich aus Frankfurt erwartet, enthält Müll. Zumindest auf den ersten Blick. Aufgerissenes Verpackungsmaterial, kleine Tütchen, Spritzenfilter. Für Volker Auwärter, Toxikologe am Institut für Rechtsmedizin der Uni Freiburg, ist der Inhalt dennoch von unschätzbarem Wert. In einem bundesweit einzigartigen Projekt gibt genau dieser Müll aus Frankfurt Aufschluss darüber, welche Drogen gerade auf dem Straßenmarkt verkauft und konsumiert werden. Im Auftrag des Gesundheitsdezernats und in Zusammenarbeit mit drei der vier Frankfurter Drogen-Konsumräume untersucht der Toxikologe anhand von kleinsten Rückständen auf dem Verpackungsmaterial, wie sich die Drogen zusammensetzen.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Es ist wichtig, dass wir genau wissen, was in Frankfurt konsumiert wird“, sagte Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) gestern bei der Vorstellung erster Ergebnisse. Gerüchte, welche Substanzen Heroin und Kokain beigemischt werden, gibt es viele. Da ist die Rede von gefärbten Paracetamol, da ist die Angst vor Strychnin, auch bekannt als Rattengift. Mit der Analyse der Drogenreste, die sich an dem Verpackungsmaterial befinden, will die Stadt den Gerüchten nun Wissen entgegensetzen.

          Die gewonnenen Erkenntnisse sollen den Konsumenten einzuschätzen helfen, was genau sie sich injizieren. Es soll aber auch die Mitarbeiter in den Konsumräumen befähigen, auf medizinische Notfälle besser zu reagieren. Außerdem sei es ein Ziel, so Majer, Polizei und Sanitätern ein fundiertes Bild der Drogenszene zu vermitteln. Nur wer wisse, was genau die Abhängigen konsumieren und wie diese Substanzen sich auf den Körper und die Psyche auswirken, könne der Situation angemessen begegnen, sagte auch Regina Ernst, Leiterin des Drogenreferates. Ihre Hauptbefürchtung, dass psychisch hochaktive Substanzen (NPS), die beispielsweise zu gesteigerter Aggressivität führen können, als Streckmittel verwendet werden, konnte der Toxikologe nicht bestätigen. Auwärter gab Entwarnung. „Vorerst“, wie er betonte.

          Beruhigend war das, was er zu sagen hatte, aber trotzdem nicht. Bei seinen Untersuchungen fand er zwar keine Rückstände von NPS und Strychnin, dafür aber jede Menge anderer Substanzen. „In nahezu allen Proben waren Streckmittel enthalten“, sagte er. Etwa Levamisol, ein Entwurmungsmittel, das in der Tiermedizin eingesetzt wird, Rückstände eines Hustenblockers oder das Schmerzmittel Fentanyl.

          Besonders das Auftauchen von Fentanyl in Heroin sei besorgniserregend, sagte Ernst. Denn 2016 seien bei der Obduktion von drei Drogentoten Rückstände dieses hochwirksamen Schmerzmittels gefunden worden. Die Mitarbeiter in den Konsumräumen müssten besonders über solche Entwicklungen Bescheid wissen, so Ernst. Immer wieder müsse das Personal bei medizinischen Notfällen eingreifen. Zu wissen, welche Substanzen sich die Klienten gespritzt hätten, könne manchmal über Leben und Tod entscheiden.

          „Man bringt seine Kunden um“

          Einmal monatlich können in den Konsumräumen Verpackungen zur Untersuchung abgeben werden. Dies geschieht anonym. 409 Konsumenten sind dem Aufruf bisher gefolgt. Die Ergebnisse der Untersuchungen werden monatlich in den Räumen ausgehängt. Auf Plakaten wird genauestens erklärt, welche Streckmittel aktuell auf dem Markt sind. Ziel sei es, so Ernst, das Risikobewusstsein der Klienten zu erhöhen und indirekt auf den Drogenmarkt einzuwirken. „Wenn bekannt ist, das ein Händler lebensbedrohliche Substanzen untermischt, kauft keiner mehr bei ihm“, so ein Mitarbeiter des Drogenkonsumraums an der Niddastraße. Nüchtern fügte er hinzu: „Es ist übrigens eine schlechte Idee so etwas zuzumischen. Man bringt seine eigene Kundschaft um.“

          43.000 Euro lässt sich die Stadt das Wissen über die Drogenqualität auf dem Straßenmarkt kosten. Und dieses Wissen ist detailreicher, als es manchem Konsumente lieb sein dürfte. Besonders beim Handel mit Heroin werde nämlich gestreckt und geschummelt, was der Chemiebaukasten hergebe, so Auwärter. Nur neun Prozent Heroinanteil wurde im Schnitt in den Proben gefunden. „Das, was in Frankfurt ankommt, ist unterdurchschnittlich“. Anders bei Kokain. Mit 70 Prozent Kokainanteil liege der Wert über dem europäischen Durchschnitt von 45 Prozent. Aber auch hier sei die Varianz groß, so Auwärter. Er habe Kokainproben analysiert, die aus nur einem Prozent der gewünschten Droge und 99 Prozent Streckmittel bestanden. Andere Proben seien zu einhundert Prozent „rein“ gewesen.

          Hoffnung auf ein Frühwarnsystem

          Die Ergebnisse sollen dabei helfen, langfristig den Drogenmarkt zu beobachten, neue Trends frühzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren. Sie sollen aber auch die Konsumenten schützen. Ihre Bereitschaft, die Studie zu unterstützen, sei enorm, so Regina Ernst. Ihr Interesse an den Ergebnissen auch.

          Stefan Majer hofft auf den Aufbau eines Frühwarnsystems. „Wir wollen sehen, wenn sich etwas auf dem Markt tut.“ Professor Auwärter wartet schon auf sein nächstes Päckchen, das einiges über die Stadt und ihre Drogenszene verrät.

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