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Streit um Impfung : Masern sind kein Kinderkram

An Masern kann man sterben. Trotzdem lassen zu viele Menschen sich oder ihre Kinder nicht impfen. Manche sind schlicht nachlässig. Andere sind überzeugte Impfgegner. Informiert genug sind die wenigsten.

          Es war kurz vor der Jahrtausendwende, als der britische Kinderarzt Andrew Wakefield eine spektakuläre These veröffentlichte. In dem medizinischen Fachblatt „The Lancet“ berichtete er über Kinder, bei denen nach der Impfung gegen Masern Autismus aufgetreten sei. Schnell wurden in der Wissenschaft Zweifel an der Belastbarkeit von Wakefields Beobachtung geäußert. Auf die Untersuchung von gerade mal zwölf Kindern stützte er sich. Eine andere Studie, die auf der Entwicklung von fast 30 000 Kindern fußte, widerlegte Wakefields These. Entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen folgten, das Journal zog den Artikel zurück.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Doch wie das mit brisanten Thesen manchmal ist: So schnell war die Sache nicht aus der Welt zu schaffen. In Großbritannien sank die Rate der Masernimpfungen von 92 auf 80 Prozent. Als sich vor wenigen Wochen Ole Wichmann, der Leiter des Fachreferats Impfprävention des Robert-Koch-Instituts, zu den Gefahren der Masern und den Vorzügen einer Impfung äußerte, kam er auf Wakefields Theorie zu sprechen. Sie sei zwar „wissenschaftlich fragwürdig“ und mehrfach widerlegt: „Aber die Gerüchte darum kursieren natürlich noch im Internet.“ Nicht nur die Masern sind für Gesundheitsbehörden, Ärzte und Politik ein Problem, sondern auch der immer noch vorhandene Widerstand, sich gegen sie impfen zu lassen.

          Da müssen Kinder eben nicht durch

          Masern werden gemeinhin zu den Kinderkrankheiten gezählt, aber sie sind nichts, worüber sich leicht sagen ließe: „Da müssen Kinder eben durch.“ Das Virus ist hochansteckend, die Krankheit meldepflichtig. Auch Erwachsene kann sie hart, ja tödlich treffen. Wie es ist, Masern zu haben, bekamen seit Beginn dieses Jahres mehr als tausend Menschen in Deutschland zu spüren. Sie beginnen wie eine Grippe: Reizhusten, Schnupfen, Kopfweh. Dazu kommt eine starke Lichtscheu. Die Augen tränen, weil sich das Bindegewebe entzündet. In den Wangen bilden sich weiße Flecken, die restliche Mundhöhle färbt sich tiefrot. Das Fieber steigt. Dann kommt der Ausschlag. Die Pusteln, dicht an dicht, breiten sich von den Ohren über den ganzen Körper aus. Bis die roten Punkte an den Füßen angekommen sind, vergehen vier Tage. Danach schuppt sich die Haut, der Ausschlag wird blasser.

          In vielen Fällen ist es damit aber noch nicht überstanden. Nach Schätzungen bekommt jeder fünfte bis zehnte Masernpatient Komplikationen. Eine Lungenentzündung. Oder eine eitrige Mittelohrentzündung. Beide können schwer verlaufen, weil das Immunsystem noch Wochen nach den Masern geschwächt ist. In einem von 1000 bis 5000 Fällen bekommt der Patient eine Gehirnentzündung, an der 20 bis 30 Prozent sterben.

          Die schlimmste Komplikation der Masern ist immer tödlich: die chronische Gehirnentzündung SSPE. Die Masernviren fressen Löcher ins Gehirn, oft erst Jahre nachdem die Masern scheinbar durchgestanden waren. Wer an dieser „subakuten sklerosierenden Panenzephalitis“ leidet, verlernt das Laufen, das Sprechen, das Essen, liegt irgendwann im Wachkoma, bis er stirbt. Diese Spätfolge ist sehr selten, die meisten Forscher gehen von einem von 10.000 bis zu einem von 100.000 Masernpatienten aus.

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