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Straight Edge : Enthaltsam unterhaltsam

Maroon-Sänger Moraweck: Langweiler oder Sektenmitglied oder einfach nur zurückhaltend? Bild: Nina Stiller

Ausgerechnet Punks und Hardcore-Musiker haben sich der Straight-Edge-Bewegung angeschlossen. Das bedeutet: Keinen Alkohol, keine Drogen, und meist auch keinen Sex.

          André Moraweck ist 32 Jahre alt und sieht zum Fürchten aus: tätowierte Arme, schwarzes T-Shirt mit Totenkopfemblem, düsterer Blick - im Dunkeln möchte man ihm nicht begegnen. Das ist allerdings nur seine Arbeitskleidung. Denn Moraweck ist Sänger der in Thüringen beheimateten Metalcore-Band Maroon. Wenn Moraweck und seine vier Bandkollegen auftreten, dann schreit er mehr, als dass er singt, und die Fans tanzen mit rudernden Fäusten und gefährlichen Tritten ganz so, als befänden sie sich in einem Boxring.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Privat wird Moraweck indes oft für einen „extremen Christen“ gehalten. Oder für einen Langeweiler. Für ein Sektenmitglied oder einen trockenen Alkoholiker. „Manche fragen auch, ob ich schlechte Erfahrungen gemacht hätte“, sagt er. „Die Leute lassen sich die wundersamsten Dinge einfallen, aber sie denken nicht an die einfachsten Sachen: dass ich keine Lust auf Alkohol hab'.“

          Abstinenz - davon träumen viele Eltern

          Seit fast dreizehn Jahren macht er freiwillig das, wovon viele Eltern träumen: Er trinkt keinen Tropfen Alkohol und verzichtet samt seinen vier Bandkollegen auf Zigaretten, Drogen, Promiskuität und den Konsum von tierischen Produkten. Und sie sind nicht die Einzigen, die das systematisch tun. Fachleute vermuten, dass sich die Zahl derer, die in Deutschland abstinent leben, im fünfstelligen Bereich bewegt.

          Weil jede Bewegung einen Namen braucht, hat auch diese einen: „straight edge“, das heißt, frei übersetzt, „unbedröhnter Weg“ und bezeichnet eine nach außen hin vollkommen widersprüchliche Subkultur, die sich um Hardcore-Musik und persönlichen Verzicht dreht. Der typische „straight edger“ verfällt sozusagen von einem Extrem ins andere.

          Die erste Alkoholvergiftung mit 20

          Moraweck ist dafür ein gutes Beispiel: „Ich hatte 'ne bewegte Jugend, Gothic, Punkrock, wir waren Alkohol und leichten Drogen nicht abgeneigt.“ Mit zwanzig hatte er die erste Alkoholvergiftung. „Ich war dabei, mich ganz langsam selbst hinzurichten, und irgendwann war mir das nicht mehr genug vom Leben.“ Er trank erst weniger, dann gar nicht mehr, und eines Tages, an den er sich nicht genau erinnern kann, beschloss er, „straight edge“ zu werden: Seitdem trinkt er am liebsten alkoholfreies Radler, rührt keine Zigaretten mehr an, geht nicht gleich mit jeder Frau ins Bett und konsumiert außerdem keine tierischen Produkte mehr - was im engeren Sinn nicht einmal Bestandteil der „straight edge“-Philosophie ist.

          André Moraweck also kocht zum Beispiel Tofuschnitzel mit Rotkohl und Klößen, denn am liebsten isst er gutbürgerlich. „Ich bin eher so der Biedere. Oder sagen wir mal, ich wohne auf dem Dorf, hab's gern ordentlich und hör' gern andere Musik, als ich selbst mache: Klassik, ruhige Folkmusik oder experimentelle Avantgardemusik.“

          Übermenschliche Selbstbeherrschung

          Auch andere „straight edger“ wie zum Beispiel der 29 Jahre alte Essener Informatiker Henning Jäger, ein durchtrainierter Hüne von 1,95 Metern, der im Netz eine Homepage zum Thema betreibt, leben im Spannungsfeld zwischen einer Musik, bei der sich die meisten Menschen die Ohren zuhalten würden, und einer fast übermenschlichen Selbstbeherrschung: „Man merkt es mir vielleicht nicht so an. Aber für mich ist das ein Ideal, das mein ganzes Leben bestimmt wie bei anderen die Religion. Ich hebe mich dadurch von den anderen ab, und es hilft mir, in Krisensituationen nicht den Mut zu verlieren“, sagt Henning Jäger. Nicht viele Menschen hätten wie er die Disziplin, einer Sache ihr Leben lang treu zu bleiben. Früher habe er oft zu viel getrunken, dann sei er auf die Abstinenzler aufmerksam geworden.

          Gegründet wurde die Straight-Edge-Bewegung allerdings nicht von einem Haufen geläuterter Säufer, sondern von Jugendlichen aus der Punkbewegung. Sie konnten es nicht mehr mit ansehen, wie ihre älteren Vorbilder sich um den Verstand soffen und schnieften. Die Anfänge der Bewegung liegen in den späten Siebzigern. 1980 schrieb die amerikanische Punkband Minor Threat jenen Songtext, der der Bewegung ihren Namen gab: „I'm a person just like you, But I have better things to do, Than sit around and fuck my head, Hang out with the living dead, Snort white shit up my nose, Pass out at the shows, I don't even think about speed, That's something I just don't need, I've got the straight edge“.

          Ein großes X auf dem Handrücken

          Als äußeres Zeichen ihrer Gesinnung malten sich erst Minor Threat und dann alle Totalabstinenzler fortan ein großes X auf den Handrücken - das Symbol, das in den Vereinigten Staaten ursprünglich von Türstehern verwendet wurde, um minderjährige Gäste zu markieren, an die kein Alkohol ausgeschenkt werden durfte. Seitdem steht Straight Edge nicht nur für Verzicht, sondern auch für Weltverbesserung: Statt „No Future“ heißt es bei Straight Edgern „Do it yourself“.

          André Moraweck sagt: „Ich wollte schon immer was bewegen - diese Gesellschaft, die sich nur an ihrem eigenen Reichtum orientiert. Aber wenn du immer nur besoffen bist, kannst du nichts verändern. Wenn ich jetzt andere im Vollrausch sehe, denk' ich: Okay, du bist auf der richtigen Seite.“

          Rauch ins Gesicht geblasen

          Seine Weltverbesserungsbestrebungen halten sich allerdings auch in nüchternem Zustand in engen Grenzen: Er hofft, dass die Fans nach dem Konzert über ihr Leben nachdenken. Denn natürlich sind die meisten Fans der Band nicht „straight edge“, im Gegenteil: Maroon werden für ihre Haltung sogar angegriffen. „Einmal hat mir einer mit Absicht Rauch ins Gesicht geblasen, als ich auf der Bühne stand“, erinnert er sich. „Ich hab' mich aber einfach nur weggedreht. Ich wollte nicht, dass das eskaliert.“

          Immer wieder werde er auch für arrogant gehalten. Er komme aus der Punkszene, und viele Punks seien enttäuscht gewesen, als er „straight edge“ wurde. Oder auf einer Tournee in Russland: Da hätten alle fünf Bandmitglieder den Begrüßungswodka abgelehnt - „da sind schon manchmal viele Worte nötig“. Trotz der Konflikte: Moraweck gibt zu, dass er die Abgrenzung sehr genießt: „Das war schon immer so, ich bin stolz darauf, anders zu sein.“ Und dann hat er zu guter Letzt doch noch einen Ratschlag parat, obwohl er doch eigentlich nicht missionieren will: „Du bist erkältet? Musst vegan werden, dann wirst du nicht so schnell krank.“

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