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Straight Edge : Enthaltsam unterhaltsam

Auch andere „straight edger“ wie zum Beispiel der 29 Jahre alte Essener Informatiker Henning Jäger, ein durchtrainierter Hüne von 1,95 Metern, der im Netz eine Homepage zum Thema betreibt, leben im Spannungsfeld zwischen einer Musik, bei der sich die meisten Menschen die Ohren zuhalten würden, und einer fast übermenschlichen Selbstbeherrschung: „Man merkt es mir vielleicht nicht so an. Aber für mich ist das ein Ideal, das mein ganzes Leben bestimmt wie bei anderen die Religion. Ich hebe mich dadurch von den anderen ab, und es hilft mir, in Krisensituationen nicht den Mut zu verlieren“, sagt Henning Jäger. Nicht viele Menschen hätten wie er die Disziplin, einer Sache ihr Leben lang treu zu bleiben. Früher habe er oft zu viel getrunken, dann sei er auf die Abstinenzler aufmerksam geworden.

Gegründet wurde die Straight-Edge-Bewegung allerdings nicht von einem Haufen geläuterter Säufer, sondern von Jugendlichen aus der Punkbewegung. Sie konnten es nicht mehr mit ansehen, wie ihre älteren Vorbilder sich um den Verstand soffen und schnieften. Die Anfänge der Bewegung liegen in den späten Siebzigern. 1980 schrieb die amerikanische Punkband Minor Threat jenen Songtext, der der Bewegung ihren Namen gab: „I'm a person just like you, But I have better things to do, Than sit around and fuck my head, Hang out with the living dead, Snort white shit up my nose, Pass out at the shows, I don't even think about speed, That's something I just don't need, I've got the straight edge“.

Ein großes X auf dem Handrücken

Als äußeres Zeichen ihrer Gesinnung malten sich erst Minor Threat und dann alle Totalabstinenzler fortan ein großes X auf den Handrücken - das Symbol, das in den Vereinigten Staaten ursprünglich von Türstehern verwendet wurde, um minderjährige Gäste zu markieren, an die kein Alkohol ausgeschenkt werden durfte. Seitdem steht Straight Edge nicht nur für Verzicht, sondern auch für Weltverbesserung: Statt „No Future“ heißt es bei Straight Edgern „Do it yourself“.

André Moraweck sagt: „Ich wollte schon immer was bewegen - diese Gesellschaft, die sich nur an ihrem eigenen Reichtum orientiert. Aber wenn du immer nur besoffen bist, kannst du nichts verändern. Wenn ich jetzt andere im Vollrausch sehe, denk' ich: Okay, du bist auf der richtigen Seite.“

Rauch ins Gesicht geblasen

Seine Weltverbesserungsbestrebungen halten sich allerdings auch in nüchternem Zustand in engen Grenzen: Er hofft, dass die Fans nach dem Konzert über ihr Leben nachdenken. Denn natürlich sind die meisten Fans der Band nicht „straight edge“, im Gegenteil: Maroon werden für ihre Haltung sogar angegriffen. „Einmal hat mir einer mit Absicht Rauch ins Gesicht geblasen, als ich auf der Bühne stand“, erinnert er sich. „Ich hab' mich aber einfach nur weggedreht. Ich wollte nicht, dass das eskaliert.“

Immer wieder werde er auch für arrogant gehalten. Er komme aus der Punkszene, und viele Punks seien enttäuscht gewesen, als er „straight edge“ wurde. Oder auf einer Tournee in Russland: Da hätten alle fünf Bandmitglieder den Begrüßungswodka abgelehnt - „da sind schon manchmal viele Worte nötig“. Trotz der Konflikte: Moraweck gibt zu, dass er die Abgrenzung sehr genießt: „Das war schon immer so, ich bin stolz darauf, anders zu sein.“ Und dann hat er zu guter Letzt doch noch einen Ratschlag parat, obwohl er doch eigentlich nicht missionieren will: „Du bist erkältet? Musst vegan werden, dann wirst du nicht so schnell krank.“

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