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Stottertherapie : Ab nach K-Assel

  • -Aktualisiert am

Wer stottert, fühlt sich oftmals von der Gesellschaft ausgeschlossen Bild: Picture-Alliance

Matthias Döring kann jetzt endlich erzählen, was er beruflich macht. Das war nicht immer so: Dass er inzwischen flüssig sprechen kann, verdankt er der Stottertherapie in Bad Emstal bei Kassel. Auch der Leiter der Therapie ist Stotterer.

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          Matthias Döring ist glücklich. Er bringt den schlimmsten Satz, den es für ihn gibt, flüssig über die Lippen. Endlich kann er seinen Beruf nennen: „Ich bin Rettungsassistent.“

          Noch vor zwei Wochen war er an dem Versuch, diese drei Wörter auszusprechen, beinahe verzweifelt. Dann ging er zum Intensivtraining der Kasseler Stottertherapie in Bad Emstal. Nun ahnt man nichts mehr von den Attacken, bei denen ihm die Worte im Halse steckenblieben.

          Matthias Döring übt mit dem Therapeuten, in der Gruppe und allein, aber vor allem am Computer. Sein Sprachverlauf wird auf dem Bildschirm visualisiert. Es kommt darauf an, leise und weich in einen Vokal hineinzukommen und diesen beim Beginn des Sprechens über zwei Sekunden gedehnt statt nur 0,2 Sekunden lang zu sprechen, damit die Sprache in Fluss kommen kann. Es klingt ein wenig so, als wenn zu viel Alkohol den Sprachfluss eines Nichtstotternden hemmen würde.

          Vokale weich angehen: Matthias Döring bringt seine Sätze jetzt flüssig raus.
          Vokale weich angehen: Matthias Döring bringt seine Sätze jetzt flüssig raus. : Bild: privat

          „Die meisten Stotterer“, sagt Döring, „bleiben stumm am Vokal hängen, schaffen nicht den Einstieg in den Vokal. Eine Steigerung sind dann noch die Gaumenlaute, wie das K, das T und das H.“ Ein kaum zu erklimmender Sprechgipfel ist das „H-Allo“, die unmittelbare Kombination von H und Vokal. In noch größere Fallhöhe treibt den Stotternden nur noch die soziale Konstellation, etwa eine Sprechsituation am Telefon, wenn der andere den Stotterer förmlich abhängt, weil es am H-Allo hakt oder nur ein Stöhnen zu hören ist wie bei einem obszönen Anruf.

          Isolation, Entmündigung und Bevormundung

          Nichtstotterern fällt es schwer, Stotternde in all ihrer Not zu ertragen. Mit einem Auflegen des Hörers setzt der Nicht-Stotterer dem Spuk mühelos ein Ende. Nicht ahnend, was das für den Menschen am anderen Ende bedeutet. Er fühlt sich abgehängt, wieder einmal.

          Alexander Wolff von Gudenberg, Allgemeinarzt, selbst Stotterer und Leiter des Kasseler Instituts für Stottertherapie, zeigt Videos von Jugendlichen zu Beginn der Therapie. In der Fußgängerzone nehmen sie einen Anlauf, Passanten Fragen zu stellen. Sie bringen kaum eine Silbe heraus, zittern wie von einem Krampf befallen und winden sich im Versuch, die Wörter herauszupressen. Doch aus ihren Kehlen kommt nur ein Pfeifen, Fiepen, Winseln oder ein endlos scheinendes Geknatter. Das sehen und hören zu müssen, empfinden Nichtstotterer oft als Pein. Sie wenden sich ab, weil sie das Leid des Stotterers nicht durch ihr Hinsehen steigern wollen. Damit aber stellen sie den Stotternden in den sozialen Schatten. Andere wollen helfen, indem sie dem Stotterer die Wörter in den Mund legen oder aus diesem herausnehmen. Ob es die richtigen Wörter sind, wissen sie nicht, aber der Stotterer fühlt sich entmündigt oder bevormundet.

          Isolation, Entmündigung und Bevormundung schleichen sich in den Alltag des Stotterers. Bevor er in Panik verfällt, sucht er einen Ausweg. Von Gudenberg kennt das Unverständnis der Nichtstotterer und die Fluchtversuche und Angstattacken des Stotterers aus eigener Erfahrung: „Man will A sagen, aber bringt B heraus, weil man den Satz überhaupt zu Ende bringen möchte. Das Inhaltliche tritt hinter die Not zurück, aus der Situation herauszukommen. Es gibt Stotterer, die bestellen Fanta statt Cola, obwohl ihnen Cola besser schmeckt – weil sie den Namen der Limonade nicht herausbringen. Sie geben sich einen anderen Namen, um sich am Telefon melden zu können, oder sie kaufen die Zugfahrkarte für eine Station weiter, weil ihnen der eigentliche Zielort am Schalter unaussprechlich ist.“ In der Schule stellen sich Stotterer dumm, um nicht sprechen zu müssen.

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