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Sterbehilfe : Leben oder sterben lassen

  • -Aktualisiert am

Mutter Mary (l.), Schwester Suzanne (m.) und Vater Bob (r.) kämpfen weiter Bild:

Nach sieben Jahren soll die Magensonde der Komapatientin Terri Schiavo in Florida entfernt werden. Ehemann Michael Schiavo will es so. Terris Eltern kämpfen dagegen um das Leben ihrer Tochter.

          5 Min.

          Zwanzig Jahre lang schien es so, als habe die Amerikanerin Sarah Scantlin bei einem Autounfall derart schwere Hirnschäden erlitten, daß sie für den Rest ihres Lebens stumm bleiben würde. Doch vor kurzem geschah, womit die Ärzte nicht mehr gerechnet hatten: Sarah Scantlin, die als Achtzehnjährige von einem Betrunkenen überfahren worden war, begrüßte ihre Mutter mit den Worten: „Hi Mom“. Auf ein solches Wunder warten auch die Eltern von Terri Schiavo. Viel Zeit bleibt Bob und Mary Schindler aus dem amerikanischen Bundesstaat Florida freilich nicht mehr, denn ihr Schwiegersohn Michael Schiavo will nach zwei gerichtlich gestoppten Versuchen erreichen, daß die künstliche Ernährung seiner schwer hirngeschädigten Frau nun endgültig beendet wird.

          Dies entspreche ihrem Willen, versichert er. Ob er damit recht hat, läßt sich schwer feststellen, denn eine Patientenverfügung mit Anordnungen zur gewünschten medizinischen Behandlung für den Fall, dann keine Entscheidungen mehr treffen zu können, hatte Terri Schiavo nicht abgefaßt. Eigentlich wollte ihr Mann, der ihr gesetzlicher Vormund ist und mittlerweile angeblich zwei Kinder mit einer Lebensgefährtin hat, schon am Dienstag die künstliche Ernährung beenden lassen. Aber dann setzte Bezirksrichter George Greer für Mittwoch nachmittag eine neue Anhörung an und entschied, zumindest so lange müsse die 41 Jahre alte Terri Schiavo weiter durch eine Magensonde ernährt werden.

          Aggressive Kampagne

          Das Familiendrama, das die Gerichte seit Jahren beschäftigt und hitzige gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen über Sterbehilfe, den Umgang mit schwerstkranken Patienten und Fragen nach einem würdigen Tod provoziert hat, erreicht damit abermals einen traurigen Höhepunkt. Begleitet wird das juristische Gefecht, das die Eltern und der Schwiegersohn seit fast acht Jahren um Leben und Sterben der Patientin führen, von einer aggressiven Kampagne, die der konservative Aktivist Randall Terry für die Familie Schindler koordiniert. Diese Woche kündigte Terry, der berühmt-berüchtigt für seine Aktionen zum Schutz des ungeborenen Lebens ist, vor dem Pflegeheim der Patientin in der Nähe von St. Petersburg an, er werde Michael Schiavo, derart mit Kundgebungen, Protestbriefen und anderen Kampagnen zu Leibe rücken, bis er nachgebe und Terri Schiavo weiter leben lasse.

          Terris Schwester setzt sich für deren Leben ein

          Der Streit zwischen den Eltern und dem Schwiegersohn beginnt schon damit, wie der medizinische Zustand der Patientin zu beschreiben ist, die im Februar 1990 kollabierte und in Folge eines Herzstillstands, der zu Sauerstoffmangel führte, schwere Hirnschäden erlitt. Die Gerichte sind nach Anhörung zahlreicher Sachverständiger überwiegend der Argumentation von Michael Schiavo gefolgt, daß seine Frau sich in einem „permanenten vegetativen Zustand“ (Wachkoma) befinde und keine Besserung zu erwarten sei. Umstritten ist, ob Terri Schiavo, deren Atmung und Kreislauf funktioniert, auch bewußt auf ihre Umwelt reagieren kann. Davon sind ihre Eltern fest überzeugt. Sie haben ein eigenes Ärzteteam engagiert, das der Patientin ein „minimales Bewußtsein“ bescheinigt. Auch stützen sie sich auf ein heimlich aufgenommenes Video, in dem es für Sekunden so aussieht, als ob Terri Schiavo ihre Umgebung wahrnehme.

          Mordversuch des Ehemanns?

          Wenn ihre Tochter therapiert werde, bestehe die Chance, das sich ihr Zustand bessern werde, sagen Bob und Mary Schindler, die ihrem Schwiegersohn vorwerfen, Therapieversuche abgebrochen zu haben und neue Forschungsergebnisse zum Bewußtseinszustand von Wachkoma-Patienten und deren Heilungschancen zu ignorieren. Ursprünglich verdächtigten die Schindlers Michael Schiavo sogar, er habe versucht, seine Frau zu erwürgen, und dadurch Hirnschäden herbeigeführt, unter denen sie nun leide. In einem Rechtsstreit, den der Schwiegersohn gegen frühere Ärzte seiner Frau führte, wurde jedoch anerkannt, daß ihr Kaliumhaushalt gefährlich gestört gewesen sei, was die Ärzte hätten erkennen müssen. Michael und Terri Schiavo wurden mehr als eine Million Dollar für die medizinische Behandlung zugesprochen. Mittlerweile ist das Geld angeblich fast aufgebraucht. Michael Schiavo habe es auch deshalb eilig, seine Frau durch Abbruch der Ernährung zu „ermorden“, damit er sich den Rest des Geldes in die Tasche stecken könne, behaupten die Schwiegereltern.

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