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Stammtisch mit Impfkritikern : „Warum jemanden verletzen, der kerngesund ist?“

Galten als überwunden: Junge mit Masern auf einer Litographie um 1903 Bild: INTERFOTO

Im Schwäbischen Wald trifft sich einmal im Monat der „Arbeitskreis Impfkritik“ zu seinem Stammtisch. Die Mitglieder fühlen sich mit ihren Bedenken nicht ernst genommen. Das Landesgesundheitsamt in Stuttgart mahnt daher zu mehr Aufklärung.

          Einmal im Monat treffen sie sich zum Stammtisch im Schwäbisch-Fränkischen Wald. Treffpunkt Landgasthaus „Schöne Aussicht“. Es geht dann nicht um Fußball oder Nachbarschaftsklatsch, sondern um das Für und Wider von Impfungen. „Glauben Sie noch oder wissen sie schon?“ heißt es auf dem Flugblatt des „Arbeitskreises Impfkritik“. Der „Impfentscheid“ müsse auch vom „alternativen Wissen“ und von den „Gefühlen“ abhängen. Etwa vierzig Mitglieder stehen auf der Mailingliste des Stammtischs in der kleinen baden-württembergischen Gemeinde Althütte. Zehn bis fünfzehn Interessenten kommen jeweils zu einem Stammtisch. Althütte hat etwa 4000 Einwohner. Unterstützung bekommen die Impfkritiker von anderen Impfstammtischen, Hebammen und homöopathischen Therapeuten, von denen einige sogar die „Ausleitung von Impfgiften“ versprechen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          An diesem Abend sitzen ein 45 Jahre alter Industriemechaniker (vier Kinder), eine 35 Jahre alte Fitnesstrainerin (drei Kinder) und eine 35 Jahre alte Grundschullehrerin (zwei Kinder) am Stammtisch zusammen. Was sie verbindet, sind kritische Erfahrungen mit den Nebenwirkungen von Impfungen in der Familie und im Bekanntenkreis. „Meine älteste Tochter hatte nach einer Masern-Mumps-Röteln-Impfung schwerste Fieberkrämpfe. Ich habe mich gefragt, warum soll man jemanden verletzen, der kerngesund ist“, sagt der Industriemechaniker. „Die Tochter meiner Schwester bekam eine Masern-Mumps-Rötel-Impfung und reagierte darauf mit einem Asthma-Anfall. Außerdem hat sie Lebensmittelallergien.“ Die Fitnesstrainerin sagt, es reiche ein Blick auf die Beipackzettel der Präparate, um die Gefährlichkeit des Impfens zu begreifen.

          Niedrigste Quote für Masern-Impfung in Freiburg und Heidelberg

          Durch die Aussagen von Hebammen, Heilpraktikern und impfkritischen Ärzten fühlten sie sich in ihrer Skepsis bestärkt. Ihre Informationen haben sie aus den Büchern bekannter Impfkritiker sowie aus dem Internet. Ein Rolle für die deutsche Impfkritiker-Szene spielt der frühere Molkereifachmann Hans Tolzin, der nun mit der Homepage „impfkritik.de“ als „selbsternannter Medizin-Journalist“ seine Thesen verbreitet. Tolzin veranstaltet im Raum Stuttgart regelmäßig Kongresse und vertreibt über seine Homepage Bücher wie „Tödliche Medizin und Organisierte Kriminalität“. Noch schwieriger ist die Diskussion für Mediziner mit dem Impfkritiker und Biologen Stefan Lanka. Er bestreitet die Existenz des Masern-Virus. Lanka führt vor dem Landgericht Ravensburg zurzeit einen Rechtsstreit mit einem Mediziner, der die Existenz des Virus nachgewiesen hat.

          Ideell lassen sich die Impfgegner schwer einordnen, sie äußern individuelle Kritik, ohne daraus politische Forderungen abzuleiten. Von der wachsenden Beliebtheit der Naturheilverfahren und der Alternativmedizin profitieren sie ebenso wie von einer Sympathie für die Lehren der Anthroposophie.

          Die niedrigste Quote für die Masernimpfung verzeichnen die Gesundheitsämter für die Jahre 2012/2013 ausgerechnet in den Universitätsstädten Freiburg (87,4 Prozent) und Heidelberg (85,3 Prozent). Zur Verhinderung von Masern-Ausbrüchen sollten nach Auffassung des baden-württembergischen Landesgesundheitsamtes 95 Prozent der fünfjährigen Kinder geimpft sein. Die Mitglieder des impfkritischen Stammtischs in Althütte bemängeln die aus ihrer Sicht unzureichende statistische Erfassung der Impfschäden. „Viele niedergelassene Ärzte melden oder erkennen Impfschäden erst gar nicht. Deshalb sind alle Statistiken falsch“, sagt der 45 Jahre alte Vater von vier Kindern. „Egal, welche Kritikpunkte wir hervorbringen, man nimmt uns nicht ernst. Das fördert kein Vertrauen. Eine Impfpflicht wäre doch die Königsklasse des Nichternstnehmens“. Vom Vertrauensverlust ist fast in jedem Satz die Rede.

          Das Impfen ist eine „soziale Frage“

          Günter Pfaff, Arzt und Impffachmann des baden-württembergischen Landesgesundheitsamtes im Regierungspräsidium Stuttgart, erklärt die wachsende Impfskepsis vor allem mit der Veränderung der Krankheitswahrnehmung: „Früher hatten alle Familien mit Kinderkrankheiten zu tun. Das fehlt heute. Außerdem gab es die Informationsquelle Internet nicht, für deren Inhalte wir keinen TÜV haben.“ Weil die Menschen weniger persönliche Erfahrungen mit Kinderkrankheiten wie Mumps oder Masern sammelten, bekämen die Impfrisiken ein größeres Gewicht. „Es wird nicht mehr reflektiert, was Krankheit bedeutet. Und die Patienten werden anspruchsvoller. Die Antwort darauf kann nur mehr Aufklärung und Bürgerbeteiligung sein“, sagt der Mediziner. Über die Kritik an der Statistik der Impfschäden könne man diskutieren, nur bedeuteten möglicherweise unvollständige Daten nicht, dass das Impfrisiko deshalb „unkalkulierbar groß“ sei. „Das Elternrecht zur Impfentscheidung bringt kein Recht zur Infektion anderer Kinder mit sich.“

          Für Baden-Württemberg untersucht die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt gerade in einem Forschungsprojekt für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Ursachen der Impfverweigerung. Die Impfkritik sei so alt wie das Impfen selbst, sagt Betsch. Neu sei der große Einfluss von zumeist im Internet veröffentlichten „Einzelfallberichten“ über angebliche Impfschäden. „Das beeinflusst die Risikowahrnehmung“, sagt die Wissenschaftlerin. Das Impfen sei eine „soziale Frage“, die Mehrzahl der Kinder sei gesund, weil die meisten von ihnen ja geimpft worden seien. Wenn die verpflichtende Impfberatung eingeführt werde, müsse man den Ärzten „sehr gute Informationsmaterialien“ an die Hand geben. „Das darf nicht von der Pharmaindustrie sein. Die Broschüren können sie nämlich gleich wegschmeißen.“

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