https://www.faz.net/-gum-8anc0

Organspende : Weitere Manipulationen bei der Organvergabe

  • Aktualisiert am

Heikle Fracht: In solchen Boxen werden Spenderorgane transportiert. Bild: dpa

Nach mehreren Skandalen bei der Vergabe von Spenderorganen hat eine Kommission alle Transplantationszentren systematisch kontrolliert – und weitere Manipulationen entdeckt. Dennoch zeigen sich die Prüfer zufrieden.

          2 Min.

          Im Zuge der Aufklärung diverser Organspendeskandale haben die Prüfer an fünf Kliniken „systematische Fehler und Manipulationen“ bei Herztransplantationen festgestellt. Das betrifft Kliniken in München, Berlin, Heidelberg, Jena und Köln, wie die bei der Bundesärztekammer angesiedelten Prüfungs- und Überwachungskommission am Donnerstag bei der Vorstellung ihres Jahresberichts in Berlin mitteilte. In allen Fällen hätten die Transplantationszentren Patienten durch Medikamentengaben kränker erscheinen lassen als sie tatsächlich waren, was ihre Chancen auf ein Spenderorgan erhöhte.

          Im Bereich der Lungentransplantationen gab es laut Bericht systematische Verstöße und Manipulationen im Universitätsklinikum Jena und an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Darüber hinaus habe es eine Vielzahl an Auffälligkeiten gegeben, die aber „in den meisten Fällen auf Versehen, Unkenntnis oder mangelnde Sorgfalt zurückgeführt werden konnten“, so der Bericht. Keine Anhaltspunkte für systematische Richtlinienverstöße gab es laut den Kommissionen bei den Nieren- und bei den Pankreas- und kombinierten Nieren-Pankreastransplantationen.

          Die Kommission, die in gemeinsamer Trägerschaft von Bundesärztekammer, Deutscher Krankenhausgesellschaft und GKV-Spitzenverband arbeitet, hatten alle 46 Transplantationszentren beziehungsweise 126 Transplantationsprogramme für die Jahre 2010 bis 2012 überprüft. Trotz Unregelmäßigkeiten, die bislang noch nicht bekannt gewesen waren, hoben die Prüfer hervor, dass in den meisten Transplantationszentren „ordnungsgemäß und korrekt“ gearbeitet wurde. Anne-Gret Rinde, die Vorsitzende der Kommission sagte: „In vielen Transplantationszentren ist ein Struktur- und Kulturwandel erkennbar.“

          Eine Reihe von Skandalen

          2012 war bekannt geworden, dass Mediziner der Göttinger Universitätsklinik die eigenen Patienten beim Empfang von Spenderlebern bevorzugt haben sollen. Nach und nach kamen weitere Skandal an die Öffentlichkeit. Seitdem haben Politik und Selbstverwaltung ein ganzes Maßnahmenbündel für mehr Kontrolle auf den Weg gebracht. Darunter sind verschärfte Vor-Ort-Prüfungen, ein Mehraugenprinzip bei der Anmeldung von Wartelistenpatienten und die Einrichtung von Transplantationskonferenzen. Zudem wurde eine unabhängige Vertrauensstelle geschaffen, an die sich Bürger mit Hinweisen auf Auffälligkeiten wenden können.

          Die getroffenen Maßnahmen stellen aber nicht jeden zufrieden. Die Grünen-Gesundheitspolitiker Harald Terpe und Elisabeth Scharfenberg forderten am Donnerstag eine stärkere staatliche Aufsicht der Transplantationsmedizin. „Die Bundesregierung hat bislang nur wenig unternommen, um eine rechtsstaatliche Kontrolle der Transplantationszentren zu etablieren“, sagten sie. Das Organspende-System liege derzeit in den Händen von privaten, rechtsstaatlich kaum legitimierten Institutionen. Die Kontrolleure seien selbst eng mit der Transplantationsszene verwoben.

          Stiftung Patientenschutz ebenfalls unzufrieden

          Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte abermals eine bessere Kontrolle der Transplantationsmedizin in Deutschland. „Die Prüfung des Transplantationssystems ist eine hoheitliche Aufgabe und muss kontinuierlich erfolgen“, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) müsse diese Aufgabe dem staatlichen Robert-Koch-Institut (RKI) übertragen. Im übrigen sei der Prüfturnus von drei Jahren nicht ausreichend.

          Brysch sagte, diese Überprüfung dürfe nicht privaten Organisationen wie der Bundesärztekammer, der Krankenhausgesellschaft oder dem GKV-Spitzenverband überlassen werden. Im übrigen reiche es nicht aus, die vergangenen zwei bis fünf Jahre in den Blick zu nehmen, sagte Brysch. „Vielmehr müssen die vergangenen 15 Jahre auf den Tisch.“

          Weitere Themen

          Alle wissen: Ich bin Single

          Herzblatt-Geschichten : Alle wissen: Ich bin Single

          Für Otto Walkes sind Scheidungen erfolgreich abgeschlossene Ehen, die Queen hilft mit ihrer Wohltätigkeitsorganisation vor allem sich selbst und Thomas Gottschalk greift Dieter Bohlens Hautmentalität an. Die Herzblatt-Geschichten.

          Topmeldungen

          Weltweiter Aufruhr: Illustration für die F.A.S. von Kat Menschik

          Die Aufstände und der Westen : Was geht uns das an?

          Libanon, Hongkong, Bolivien, Kolumbien, Chile, Irak, Iran: Überall begehren Menschen auf. Wir haben Autoren, die mittendrin sind oder waren, gefragt: Worum geht es euch? Und was hat das mit uns im Westen zu tun?

          Ärger beim FC Bayern : „Ich könnte durchdrehen“

          Joshua Kimmich kocht nach dem 1:2 der Bayern in Gladbach vor Wut, Thomas Müller faucht, Hasan Salihamidzic ist ratlos. Und Trainer Hansi Flick wirkt angeschlagen. Die Münchner haben ein großes Problem.
          Der Umgang mit Algorithmen und Künstlicher Intelligenz steht zur Debatte: Welcher Regelungen bedarf es?

          Regulierungsbedarf? : Die Bändigung der Algorithmen

          Computer fällen zunehmend Entscheidungen, die tief in das Leben eingreifen und willkürlich anmuten. Dafür gibt es erstaunliche Beispiele aus dem Lebensalltag. Zeit für eine breite Debatte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.