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Sexuell übertragbare Krankheit : Die Gonorrhö breitet sich in Europa aus

Ein Politiker in Chile macht einen HIV-Test, um die Bevölkerung zu motivieren. Bild: Reuters

In Deutschland gibt es für die dritthäufigste sexuell übertragbare Krankheit keine Meldepflicht. In Großbritannien hat sich die Zahl an Gonorrhö-Infektionen in wenigen Jahren auf rund 50.000 Fälle nahezu verdoppelt.

          Die Gonorrhö breitet sich in Europa aus. Allerdings nur in einigen Teilen, wie es scheint. In Großbritannien hat sich die Zahl an Infektionen in wenigen Jahren auf rund 50.000 Fälle nahezu verdoppelt. In Frankreich wiederum soll es vor 2001 keinen einzigen Fall von Tripper gegeben haben. 2017 waren es dann schon gut 9000 Infizierte, in Italien sind es knapp 850, in Polen 138, Deutschland taucht hingegen gar nicht in der Statistik des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) auf.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Aus einem einfachen Grund: Es gibt hierzulande keine Meldepflicht für die nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dritthäufigste sexuell übertragbare Krankheit. Auch beim Robert-Koch-Institut in Berlin heißt es dazu nur, dass kaum epidemiologische Daten über Gonorrhö zur Verfügung stehen, obwohl es in den vergangenen Jahren bei Infektionen „zu einer besorgniserregenden, weltweiten Ausbreitung von Resistenzen auch gegen moderne Antibiotika“ gekommen sei. Die Datenlage ist nicht nur dünn, wenn es um Gonokokken (Neisseria gonorrhoeae) geht, umgangssprachlich Tripper genannt. Ähnlich verhält es sich mit Chlamydia trachomatis, Syphillis und Trichomonas vaginalis sowie einer Vielzahl weiterer sexuell übertragbarer Krankheiten, kurz STIs genannt.

          Aus diesem Grund hat das Institut für HIV-Forschung der Universität Duisburg-Essen ein europäisches Präventionsnetzwerk (Stipnet) angestoßen. „Wir werden im Verbund untersuchen, wie solche weit verbreiteten Krankheiten entstehen und wie man die Verlässlichkeit von Vorbeugemaßnahmen überprüfen kann, etwa durch Impfen“, sagt Projektleiter Hendrik Streeck. Ein erster Schritt für den Professor für medizinische Biologie und Direktor des Instituts ist eine Studie, die Anfang des Jahres in mehreren europäischen Städten gestartet wurde. Insgesamt nehmen an ihr rund 5500 Personen teil, die ein besonderes Risiko haben, sich mit HIV oder einer anderen sexuell übertragbaren Krankheit zu infizieren.

          Streeck kann dabei schon auf Erfahrungen aus der sogenannten Brahms-Studie zurückgreifen, die seit Mai 2018 läuft und bei der sich rund 1000 Studienteilnehmer in sieben deutschen Städten alle drei Monate in Kliniken und Arztpraxen auf STIs untersuchen lassen. Gefahndet wird nach 13 Viren, Bakterien und Einzellern. „Dabei haben wir festgestellt, dass jeder vierte eine Infektion hatte, von der er bisher nichts wusste“, berichtet Streeck. Bei jedem zehnten wurde demnach Gonorrhö festgestellt, in einigen Fällen konnte sogar eine bislang unentdeckte Hepatitis-C-Infektion nachgewiesen werden. Eine weitere Erkenntnis: Die Infizierten steckten sich recht häufig wieder mit einer STI an, fünf Prozent schon innerhalb der nächsten drei Monate.

          Die WHO schätzt, dass sich jedes Jahr mehr als 400 Millionen Menschen mit einer der vier häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten infizieren, also Chlamydien, Gonorrhö, Syphilis und Trichomoniasis. Vor allem die extensiv-resistenten Stämme von Gonokokken bereiten Sorgen. Schon 2020 könnte aus dem Bakterium ein Super Bug geworden sein, der sich von keinem bekannten Antibiotikum mehr abtöten lässt. „Für uns ist es darum wichtig zu verstehen, welche Therapien noch funktionieren und wie häufig resistente Erreger übertragen werden“, sagt Streeck. Eine Gonokokken-Infektion kann schwerwiegende Folgen haben: Bei einer Schwangeren kann sie zur Erblindung des Fötus führen, bei Männern kann sich Unfruchtbarkeit entwickeln.

          Das Essener Institut für HIV-Forschung will von 2022 an auch einen Impfstoff gegen den Aids-Erreger in Deutschland testen und sucht als Teil der Brahms-Studie schon jetzt nach Freiwilligen. Geklärt werden soll zudem, wie gut die Prep funktioniert, die Prä-Expositions-Prophylaxe, also die vorbeugende Einnahme von Aids-Medikamenten, um eine HIV-Infektion zu vermeiden. Bei Prep-Nutzern, die an der Studie teilnehmen, wird daher auch der Medikamentenspiegel im Blut gemessen.

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