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Ärztliche Versorgung behinderter Frauen : Die Not der unbeliebten Patientin

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Für Frauen mit schweren Behinderungen wird der Besuch beim Gynäkologen schnell zum Spießrutenlauf Bild: F.A.S

Obwohl das Gesetz es für sie vorsieht, ist es für Frauen mit Behinderung schwer, einen Gynäkologen zu finden. Schuld sind nicht nur räumliche Barrieren und die leidigen Geldfragen. Bei manchen Ärzten scheinen die Hürden im Kopf das größere Problem zu sein.

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          Ein Termin bei ihrer Frauenärztin war für Ute Strittmatter lange Zeit gleichbedeutend mit viel Stress und Schweiß. Noch bevor die Untersuchung überhaupt beginnen konnte, hatten die Rollstuhlfahrerin und ihre Assistentin gut 20 Minuten zu tun, um Strittmatter für die Untersuchung vorzubereiten. Das Behandlungszimmer der Gynäkologin war eng, das Zeitfenster durch die nächsten wartenden Patienten knapp. „Bis ich auf dem Behandlungsstuhl lag, waren alle immer fix und fertig“, sagt Strittmatter. Die Vorsitzende der „Netzwerkfrauen Bayern“, eines Zusammenschlusses von Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen, kennt ähnliche Erfahrungen auch von vielen anderen Betroffenen. Einer Frau sei zwischen Tür und Angel sogar mal der Ratschlag gegeben worden, sich unter diesen - für alle Beteiligten - schwierigen Bedingungen in Zukunft doch den Frauenarztbesuch zu ersparen. Die Folge: keine Krebsvorsorge mehr. Keine Beratung. Keine Behandlung.

          Strittmatter, die an einer Form des Muskelschwunds leidet und von Geburt an behindert ist, hat inzwischen den Frauenarzt gewechselt. Weil sie in einer Großstadt wie München lebt und dies konnte - im Gegensatz zu den meisten anderen Betroffenen in Deutschland. Denn „die gynäkologische Versorgung behinderter Frauen ist aus unserer Sicht noch immer Glückssache“, sagt Strittmatter.

          Dabei hätte sich die Situation spätestens mit der UN-Behindertenrechtskonvention ändern müssen, die seit 2009 auch in Deutschland rechtskräftig ist. Demnach muss gewährleistet sein, dass Menschen mit Behinderung hierzulande den gleichen Zugang zu medizinischer Versorgung haben wie Nichtbehinderte. Doch die Realität sieht anders aus.

          Oftmals fehlt es an der richtigen Ausstattung

          Dass es für Behinderte oft „äußerst schwierig“ ist, eine frauenärztliche Betreuung zu finden, bestätigt auch der Mainzer Gynäkologe Werner Harlfinger vom Berufsverband der Frauenärzte. Laut Statistischem Bundesamt lebten Ende 2013 über 3,5 Millionen schwerbehinderte Frauen in Deutschland, zwei Drittel von ihnen mit körperlichen Einschränkungen. Zugleich gibt es bundesweit nur eine Handvoll gynäkologischer Spezialambulanzen, in denen Frauen mit Querschnittslähmung, Spastik, multipler Sklerose und ähnlichen Handicaps neben Vorsorgeuntersuchungen an Brust und Unterleib auch Beratung zu Verhütungsfragen, bei Kinderwunsch sowie Hilfe bei gynäkologischen Erkrankungen erhalten.

          Gerlinde Debus vom Amper-Klinikum im oberbayerischen Dachau leitet eine dieser Einrichtungen. Die wöchentliche Sprechstunde des Vorreiterprojekts ist permanent ausgebucht, Routinetermine gibt es nur mit einem halbem Jahr Vorlauf. „Viele Frauen nehmen entweder sehr weite Wege zu uns auf sich“, sagt die Chefärztin, „oder lassen es mit dem Gynäkologentermin eben ganz sein.“

          Die Gründe dafür sind vielfältig. „Oft sind es die ganz banalen Dinge“, so Debus, „die die Frauen vom Arztbesuch abhalten: Türen, die für einen Elektrorollstuhl zu schmal sind, die kleinen Stufen vor dem Eingang oder dass es keinen Aufzug, keine Behindertentoilette und keine Parkplätze gibt.“ In vielen Praxen fehlt es an Platz und nötiger Ausstattung.

          Für viele Ärzte ist es eine Kostenfrage

          In der Dachauer Spezialambulanz gibt es ein besonders großes Untersuchungszimmer mit einem speziellem gynäkologischen Stuhl, der mehrfach verstellbar ist; außerdem einen Lifter, mit dem die Frauen vom Rollstuhl auf die Behandlungsliege gehoben werden. „Manchmal braucht es viel Geduld und Fingerspitzengefühl, bis die Behandlung überhaupt beginnen kann“, sagt Debus.

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