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Ärztliche Versorgung behinderter Frauen : Die Not der unbeliebten Patientin

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Ute Strittmatter von den Netzwerkfrauen Bayern kennt solche Reaktionen aus vielen Erzählungen. „Ich kann nachvollziehen, dass es für einen Frauenarzt schwierig ist, wenn er statt drei bis vier anderen Patientinnen in der gleichen Zeit nur eine Frau mit Behinderung behandeln kann. Was ich absolut nicht verstehen kann, sind die verletzenden Aussagen, die dann teils durch die Überforderung getroffen werden.“ Und dann berichtet sie von Kommentaren wie „Wenn die Mama behindert ist, wird das Kind auch behindert“ oder „Ich werde Sie nicht unterstützen, einen Sozialfall zu produzieren, da Sie ja bald eh sterben“.

Natürlich gibt es auch andere, positive Beispiele. Frauenärzte, die wertfrei über die Risiken einer Geburt mit Behinderung aufklären, die Termine ohne Zeitdruck gestalten, den Ultraschall in der Schwangerschaft im Rollstuhl vornehmen, damit die Frau nicht kompliziert umgehoben werden muss. „Mein Hausarzt zum Beispiel kommt für Untersuchungen nach Hause“, sagt Strittmatter. „Es hängt eben immer sehr vom persönlichen Engagement des jeweiligen Arztes und der Praxis ab.“

Auch die Spezialambulanz in Dachau ist 2007 letztlich nur durch den Einsatz der Chefärztin entstanden - „nach quasi siebenjährigem Kampf um Drittmittel, bessere Bezahlung und die Zulassung der kassenärztlichen Vereinigung“. Bis heute darf Gerlinde Debus aus rechtlichen Gründen nur selbst ambulante Untersuchungen behinderter Frauen durchführen. Sie hofft, dass die gynäkologische Sprechstunde eines Tages unabhängig von ihrer Person weiterläuft. Der Bedarf an Spezialisten wird in Zukunft tendenziell steigen, da Menschen mit Behinderung dank des medizinischen Fortschritts immer älter werden.

Ärzteschaft muss Einstellung ändern

Debus’ Plan, in Dachau auch andere Ärzte fortzubilden, stelltesich in der Vergangenheit als schwierig heraus. „Das Spektrum an Erkrankungen und damit an speziellen Problemstellungen ist einfach sehr groß. Und es gibt für Ärzte eigentlich keinerlei Anreiz, sich mit dem Thema Behinderung und Gynäkologie zu beschäftigen.“

Vor allem fehle es an der Bereitschaft dazu. Die Mitarbeiter, die sich in der Klinik in Dachau ebenfalls engagieren, hätten zumeist einen persönlichen Bezug zu Behinderungen - sei es aus der Verwandtschaft oder von früheren Arbeitsstellen. Debus selbst, die seit 20 Jahren als Chefärztin tätig ist, hat diesen nicht. „Aber es ist eine sehr zufriedenstellende Tätigkeit für mich. Mit verhältnismäßig geringem Aufwand kann man den Frauen etwas Gutes tun; und ich bin richtig stolz darauf, wie weit wir hier inzwischen gekommen sind.“

Um die Situation deutschlandweit zu verbessern, müsse sich am Bewusstsein in der Ärzteschaft etwas ändern, sagt Debus. Derzeit ist es so, dass die wenigen Spezialambulanzen und engagierten niedergelassenen Frauenärzte oft besonders stark ausgelastet sind. „Dabei wäre selbst in Praxen ohne speziellen Schwerpunkt die ein oder andere behinderte Frau unter 100 Patientinnen sicher gut zu verkraften“, meint die Ärztin.

Der Gynäkologe Werner Harlfinger beklagt: „Wenn sich herumspricht, dass man Patientinnen mit Behinderung behandelt, wird die Situation wirtschaftlich noch schwieriger. Letztlich wird das Thema auf dem Rücken weniger Ärzte ausgetragen.“ Die Kollegen, fügt er hinzu, sollten vielleicht nur einmal darüber nachdenken, dass eine Behinderung letztlich jeden treffen könne - sei es durch Unfall oder Krankheit.

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